Nun wird die deutsche Kapitänin Carola Rackete ausgiebig gefeiert, weil sie mit der Sea-Watch 3 direkt vor der libyschen Küste 53 Menschen aus Seenot gerettet und nach Italien gebracht hat. Die 38 Männer, 9 Frauen, 3 unbegleitete Minderjährige und 3 Kinder stammen großteils von der Elfenbeinküste und aus Ghana, einige aus Mali, Guinea, Ägypten und Libyen. Die vielbeachtete Aktion stieß seitens deutscher Politiker und Medien sowie der Öffentlichkeit überwiegend auf Wohlwollen. Bereits einen Tag nach dem Spendenaufruf der Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf gingen über 600.000 Euro Euro auf dem Konto ein.

https://de.wikipedia.org/wiki/Flüchtlingskrise_in_Europa_ab_2015#/media/Datei:LE_Eithne_Operation_Triton.jpg https://www.flickr.com/photos/dfmagazine/18898637736/

Aber interessiert nun eigentlich noch irgendeinen dieser begeistert Jubelnden, wie es mit den Tausenden Migranten, die jedes Jahr über das Mittelmeer im vermeintlichen Paradies Italien ankommen, normalerweise weitergeht? Ob sie sich ihr Leben tatsächlich verbessern können oder ob hier nicht wesentlich häufiger noch viel mehr Elend als in ihrer Heimat auf sie wartet?

Auf Lampedusa hat man sie an Land gehen sehen, erschöpft und traumatisiert von der Flucht.  Menschen aus afrikanischen Ländern, die versuchen, der Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern zu entkommen, all ihre Hoffnung auf ein freies Leben in Europa setzten und dabei in den allermeisten Fällen doch nur in der nächsten Perspektivlosigkeit landen.

Während ihrer Asylverfahren stehen Geflüchtete in Italien ohne Papiere und ohne Rechte buchstäblich auf der Straße. Für Männer sind die süditalienischen Obst-und Gemüseplantagen die einzige Möglichkeit, einen Job zu bekommen. Die Anererkennungsquote für Asyl ist aber gering und somit stecken diese Menschen in einer neuen Sackgasse fest. Offen verachtet von der Bevölkerung leben Tausende dieser Migranten aus afrikanischen Ländern in Slums unter unvorstellbaren Bedingungen in selbstgebauten Hütten aus Pappe, alten Paletten und Plastik ohne fließendem Wasser, ohne sanitäre Einrichtungen und meist ohne Strom. Sie haben kaum etwas anzuziehen und sind oft in einem schlechtem gesundheitlichen Zustand und ohne jede medizinische Versorgung. Sie machen sich täglich auf den Arbeitsstrich und hoffen, mitgenommen zu werden. Als Arbeitssklaven ohne Rechte und ohne Perspektive pflücken sie 12 Stunden am Tag Tomaten oder Orangen und erhalten dafür pauschal 25 Euro. Davon müssen sie aber dann noch 5 Euro für den 1 bis 2 km weiten Transport zur Plantage in einem überfüllten Minibus bezahlen. Es ist eine Tagelöhnerarbeit und eine saisonale Arbeit. Dadurch, dass die Konkurrenz inzwischen groß ist, weil sehr viele Menschen in Italien festsitzen, finden sie nicht an allen Tagen während der drei Monate im Jahr Arbeit. Es sind daher nur wenige hundert Euro, die in diesem Zeitraum verdient werden können.

Diese katastrophalen Lebensbedingungen von MigrantInnen auf Plantagen in Süditalien sind menschenverachtend. Doch ohne den Einsatz dieser modernen Sklaven wäre der Anbau von Obst und Gemüse in Europa nicht mehr konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt.

Familien oder alleinstehende Frauen werden zur weiteren Identifizierung und Klärung ihrer Asylprozedur meist in Zentren am Rande der Großstädte in Nord- und Mittelitalien verlegt und landen in der Hausarbeit, der 24-Stundenpflege oder in der Sexarbeit. 

Da die meisten Lager, in denen Männer untergebracht sind, sich eher im Süden befinden, die der Familien und Frauen hingegen eher im Norden, liegt der Verdacht nahe, dass hier die unterschiedlichen Arbeitsmärkte gezielt bedient werden. 

Verantwortlich für dies alles ist das Wegschauen der Behörden, die Präsenz der Mafia und die Doppelmoral in der aktuellen Migrationspolitik. Migration wird zwar einerseits offiziell abgelehnt. Andererseits ist die Reservearmee an Ausbeutbaren und Rechtlosen willkommen, denn es gibt einen informellen, nicht sichtbaren Arbeitsmarkt, der diese Menschen aufnimmt.

Drei Jahre lang dokumentierten die Ethnologen Diana Reiners und Gilles Reckinger sowie die Fotografin Carole Reckinger das Leben der Erntearbeiter in Kalabrien und die unmenschlichen Bedingungen auf den Plantagen und in den Slums.

Buchtipp:

Cover: Peter Hammer Verlag Hintergrund: picture alliance / dpa / Matthias Tödt

Der Ethnologe Gilles Reckinger reiste seit 2012 immer wieder nach Rosarno in Süditalien, um die Arbeits- und Lebensbedingungen der ausgebeuteten afrikanischen Erntehelfer zu dokumentieren. In seinem Buch "Bittere Orangen" geht es um Aufzeigen und Aufklärung, nicht um Anklage und Skandalisierung. In vielen Gesprächen ist er den Menschen nahe gekommen, die hier in extrem prekären Situationen ohne jede Option festsitzen. Nicht einmal auf die Möglichkeit auf eine Rückkehr in ihr Herkunftsland können sie hoffen.

Er berichtet, dass ihn gewundert hat, dass diese Migranten immer wieder gesagt haben, dass sie niemals in ihrem Leben in Afrika in solchen Verhältnissen leben hatten müssen wie jetzt hier in diesen Slums in Europa. Sie bekommen für das Pflücken von ein Kilo Orangen ungefähr zwei Cent. Das ist in keinem Land der Welt ein guter Lohn, auch nicht in Afrika, auch wenn viele in Europa das oft denken. Aber tatsächlich sind die Leute schockiert über die Bedingungen, unter denen sie hier leben müssen, und zwar unabhängig davon, ob sie jetzt aus Ländern kommen, die verhältnismäßig politisch stabil sind, wie etwa Ghana oder Senegal, oder ob sie aus Kriegsgebieten kommen, wie der Zentralafrikanischen Republik oder aus dem krisengeschüttelten Liberia.

Wie ist so etwas heutzutage möglich? Die Zustände auf Süditaliens Plantagen sind seit Jahrzehnten bekannt und auch in Südspanien ist nichts anders. Warum wird die Ankunft dieser Menschen als Beginn eines besseren Lebens gefeiert, wenn es doch für die meisten Migranten aus Afrika so endet?

ORF bitteroranges youtube

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