Fast schon täglich eine neue Schreckensmeldung in den Wiener Nachrichten: Kampfhund biss Kind!

Zuerst der Vorfall mit dem Rottweiler, der sich von der Leine riß und auf ein kleines Kind stürzte, um sich in dessen Kopf zu verbeißen- während die besoffene Hundehalterin dastand und einfach nur zusah. Beherzte Passanten griffen ein, doch leider war es für den kleinen Jungen zu spät. Nach wochenlangem Leiden verstarb Waris im Spital. Gegen die Hundebesitzerin wurde ein Hundehaltungsverbot verhängt, sie kam der Vorladung zum Gericht nicht mal nach.

Und nun schon wieder: Ein Kampfdackel (gerechterweise sei auch er mit dem unschönen und unpassenden Wörtchen "Kampf" bedacht, weil es nämlich keine Kampfhunde gibt) biss unter einem Wirtshaustisch ein kleines Kind ins Gesicht.

Auch dieses Kind liegt nun schwerverletzt in künstlichem Tiefschlaf im Spital.

Der Rottweiler wurde mittlerweile im Tierquartier euthanasiert, da er mutmaßlich aggressiv gegenüber dem Pflegepersonal war. Der Dackel wurde dem Besitzer abgenommen.

Selbst erlebte ich einen ähnlichen Zwischenfall, als mich vor zwei Wochen meine verstörte Nachbarin anrief und mir mitteilte, ihre Aufräumehilfe sei eben auf dem Weg zu ihr von einem angeleinten, sehr großen blonden Hund im Vorbeigehen angesprungen worden. Sie wurde in den Bauch gebissen und musste von meiner geschockten Nachbarin ins Spital gebracht werden (die übrigens selbst Halterin eines Berner Sennenhundes ist) , während die Hundehalterin ungerührt davonlatschte. Mit den Worten: "Ist eh nix passiert!".

Vorige Woche dann ein Zwischenfall mit einem Polizeihund auf der Wiener Wiesn. Ein Betrunkener hielt einen Polizeihund am Kopf fest und riss ihm den Maulkorb herunter. Der Mann wurde, wenig verwunderlich, gebissen.

"Ist eh nix passiert!" ist die Fortsetzung von "Meiner tut eh nix!"

Ich kenne sie alle, die Tut-eh-nix'e.

Die, die selbstgefällig unsere Wege sogar auf den entlegensten Feldwegen kreuzen und mich und meinen immer angeleinten Hund sogar extra zielstrebig ansteuern, während ihr Hund, trotz freundlicher Aufforderung, frohgemut leinen- und maulkorblos die Zähne fletscht, weil meiner an der langen Leine knurrt. Das ist denen doch egal! Ihrer will doch nur spielen! Auch die Rehe sind ihnen egal. Ihrer tut ja nix, nur ein bissi das Wild jagen.

Und dann kommt, wie das Amen im Gebet:

Lassen's halt Ihren auch einfach aus!

Die machen sich das schon untereinander aus!

Ist Ihrer immer so dominant?

Den müssen Sie unterwerfen!

Blablablabla.

Nicht zum Aushalten.

Schuld ist immer der Mensch, niemals der Hund.

Der Hund ist das Opfer dieser Zivilisation.

Welcher geistig gesunde Mensch hält in einer Stadtwohnung im Gemeidebau Rottweiler, Dogge und Pitbull? Oder gerne auch zwei oder drei davon?

Solche, die dann betrunken mit dem aggressiven Vieh durch die Gegend torkeln und Unfälle hervorrufen.

Sind sie nicht betrunken, sind sie dennoch immer im Recht.

Weil alle anderen auf diesem Planeten haben zur Kenntnis zu nehmen, dass der NIX MACHT und deshalb machen kann, was er will. Auch ungehindert auf fremde Menschen zurennen, sie zu beissen oder andere Hunde, die das nicht möchten, zu bedrängen, bis es zur Beißerei kommt. Mit immer unschönen, vermeidbaren Folgen. Meist stirbt der Kleinere. Oder er verliert ein Auge. Oder ist gelähmt. Lässt den mit dem stärkeren Hund aber immer kalt. Der haut dann einfach ab. "Ist eh nix passiert!"

Die Hundehalter dieser Zeit sind eine einzige menschgewordene Katastrophe für die armen Hunde.

Hunde werden aggressiv, weil sie nichts mehr dürfen, gar nichts. Ein Leben in einer stinkenden Stadt, inmitten Betonwüsten und versifften Mini-Auslaufzonen, die eigentlich mehr Drogenumschlagplätze als Hundezonen sind, gefesselt mit einem Kettenwürgehalsband, geknebelt mit einem Maulkorb.

Getreten aus dem Hinterhalt, dominiert, angeschrien, nachgezerrt von ihren völlig unfähigen Menschen. Zwischen Autos und Füßen, neben Fahrrädern auf der Fahrbahn. Den ganzen Tag alleine eingesperrt. Im Auto wieder in einer engen Box. Eingeklemmt von Lifttüren, verletzt von Rolltreppen, zwischen Keine-Zeit! und Exerzierplatz, der sich Hundeschule nennt.

Menschen ausgeliefert, die weder über artgerechte Ernährung ihres Hundes Bescheid wissen und sich im Diskonter mit giftigen Kauknochen aus China den Tod ins Haus holen, noch ein winziges Gespür für ihre Hunde haben. Völlig empathielose Zombies, die den Vierbeiner als Prügelknaben brauchen, weil sie auch endlich mal austeilen wollen, nicht immer nur einstecken.

Menschen, die die Worte "Calming Signals" noch nie gehört haben, aber dafür haben sie Millan in der Endlosschleife geschaut.

Brutale, böse, hochgradig gewalttätige Menschen wie der anrainende Millanista, der seine verstörte Hündin täglich haut, sobald sie einen Schritt zu schnell macht oder nicht in zwei Minuten aufs Klo gehen kann. "Herst du depperte Sau, i derschlog di des nächte Mal! Hiiiiier! Fuuuuuuuß!!! Siiiiiitz!!! Und eine mit dir ins Haus und Plaaaaaaaatz!!!!"

Und der Rest der Welt wundert sich, wenn diese gepeinigten Kreaturen, denen man täglich blinden Gehorsam einprügelt, irgendwann auszucken? Was passiert, wenn so ein Mensch wie obige Frau den Alk-Pegel erreicht hat und der Hund an ihrer Stelle das Kommando übernimmt? Endlich mal jahrelang angestauten Frust und Stress abbauen muss, nicht immer nur einstecken will? Ist es verwunderlich, was da passiert ist?

Und wenig verwunderlich auch, dass unser Hunde fast alle an unerklärlichen Allergien, Atopien, ständigem Durchfall und dauerndem Erbrechen leiden, Gelenksprobleme haben und auch sonst massiv verhaltensgestört sind.

WIR MENSCHEN SIND AUSNAHMSLOS DARAN SCHULD.

WIR MACHEN UNSERE HUNDE KRANK.

WIR ZERSTÖREN SIE.

WIR SIND VON BESTE-FREUNDE MEHR ALS MEILENWEIT ENTFERNT.

Meli1670/pixabay

Hunde, die dann mit ihrem Leben für ein Vergehen bezahlen müssen, so sie vorher überhaupt ein lebenswertes Leben hatten, das ihre gnadenlos gefühlskalten, unfähigen Halter angerichtet haben.

Was den Dackel unterm Wirtshaustisch betrifft, so war auch der unschuldig. Denn was zum Henker hat ein zweijähriges Kind erstens im Heurigenlokal und zweitens unter einem Tisch verloren?

Warum verletzen Eltern wie auch Hundehalter ständig ihre Aufsichtspflicht?

Ich kenne die Antwort.

Weil die machen sich das schon untereinander aus. Die tun nix.

Herzlichst, Ihr Bela Wolf

Tierarzt, Journalist, Autor

www.tierarzt-wien.com

5
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Charlotte

Charlotte bewertete diesen Eintrag 09.10.2018 23:41:13

Silvia Jelincic

Silvia Jelincic bewertete diesen Eintrag 09.10.2018 22:06:21

KlausBärbel

KlausBärbel bewertete diesen Eintrag 09.10.2018 17:54:39

bianka.thon

bianka.thon bewertete diesen Eintrag 09.10.2018 14:50:40

Markus Andel

Markus Andel bewertete diesen Eintrag 09.10.2018 14:16:32

Mehr von Tierarzt