Es gibt viele Gründe, sich für den tierärztlichen Beruf zu entscheiden. Ich entschied mich dafür als mein erster Hund, ein kleiner Rauhaardackel-Mischling, in seinem 13. Lebensjahr eingeschläfert werden musste. Ich war damals ein Kind und liebte diesen Hund abgöttisch.

Er litt Zeit seines Lebens an Epilepsie, die wir aber in den frühen siebziger Jahren mehr schlecht als recht in den Griff bekamen. Die tierärztliche Versorgung war damals bescheiden, die Tierärzte meist brutal und unwillig und man hatte keinesfalls diese Auswahl wie heute, wo an jeder Straßenecke gleich zwei oder mehr von uns praktizieren.

Es gab dicke Mehrwegnadeln, keinen Erklärungsbedarf, wenig Empathie und Tierschutz war oft ein Fremdwort.

Mein damaliger Hund war nicht nur Epileptiker, er litt auch an chronischer Herzinsuffizienz und hatte zum Ende einen Ascites (Bauchwassersucht). Sein Herz war alt und irreparabel schwach, als der Tierarzt einen Hausbesuch zur Euthanasie machte. Bis heute sehe ich dieses Szenario ganz deutlich vor mir, obwohl es nun fast eine kleine Ewigkeit her ist.

Der Hund befand sich schon in Seitenlage und es ging auf sein unausweichliches Ende zu, er konnte nicht mehr stehen, sein Bauch und seine Lungen waren voll Flüssigkeit, sein Herz konnte nicht mehr arbeiten, es gab mit einem Wort keine Hoffnung auf Besserung.

Der Tierarzt kam und stellte meinen Hund zum Laufen auf die Beine um sich ein Bild zu machen, obwohl ich ihm sagte, das Tier könne nicht mehr selbstständig stehen. Der Hund fiel hilflos um.

Dann fand er die Vene nicht, stach mehrmals falsch und injizierte zum Schluss das stark gewebereizende Mittel zur Kurznarkose (Propofol, billig) auch noch para, also neben die Vene ins Gewebe. Es brannte und der Hund schrie laut auf, dann war er wie gelähmt, aber nicht bewusstlos.

Wir wussten das damals alles nicht, wir konnten es nicht wissen. Anschließend schickte er uns aus dem Zimmer, um dem reglosen Hund T-61 ins Herz zu injizieren. Dann war der Hund tot und ein Teil meines Herzens starb mit ihm.

Wir ließen die Leiche über Nacht auf dem Balkon liegen und gruben sie erst am nächsten Tag im Garten ein. Niemand sagte uns, dass das Zucken der Muskulatur nach dem Tod normal wäre, niemand sagte uns, dass es auch normal ist, dass die Augen starr offen bleiben.

Ich schwor mir: Niemals wieder würde ich so etwas erleben wollen. Und ich wollte auch nicht, dass es sonst jemand erleben musste. So wurde mein Entschluss, Veterinärmedizin zu studieren, geboren.

Was man in diesem langen, schweren Studium lernt, ist allerlei. Vor allem allerlei Unbrauchbares. Man lernt nicht, wie man Hundehalter optimal betreut, wenn man eine Euthanasie macht und es zum Ende kommt, einem ohnehin überaus traumatisierenden Erlebnis für jeden Hundehalter, der sein Tier aufrichtig liebt.

Und man lernt auch nicht, wie man diese korrekt macht, jedenfalls könnte man das annehmen, wenn man sich so umschaut unter den Kollegen. Viele, sehr viele, machen die Euthanasie nicht korrekt. Sie lassen die Prämedikation und/oder die Vollnarkose einfach aus und greifen nur zu Pentobarbital und/oder T-61.

Nicht alle sind so, aber genug. Das ist beunruhigend und sehr befremdlich. Vor allem ist es eine Katastrophe für die vierbeinigen Patienten.

Eine Euthanasie ist immer eine Herausforderung, niemand macht das gerne, einigen sehr abgebrühten Kollegen ist es wohl egal, aber Freude macht es mit Sicherheit niemandem.

Weil es so unbeliebt ist, einen Hund einzuschläfern, verlangen die meisten Kollegen viel Geld dafür. Für den korrekten Peis einer Euthanasie mit Hausbesuch und Entsorgung der Leiche gibt es eine von der Tierärztekammer herausgegebene und immer wieder aktualisierte Preisempfehlungsliste mit „von-bis“ Preisvorgaben. Diese sind öffentlich im Wartezimmer aufzuhängen.

Die meisten Kollegen verlangen den höheren bis höchsten Preis, der durchaus gerechtfertigt ist, wenn, und jetzt kommt das „wenn“, die Euthanasie auch lege artis erfolgt.

Was man annehmen sollte, wenn man einen Tierarzt damit beauftragt.

Was aber leider nicht immer der Fall ist.

Was kann man falsch machen? Ziemlich viel.

Und nun kommt T-61 ins Spiel, um das sich Legenden und Gerüchte ranken, die alle leider wahr sind.

T-61 ist ein Tötungsmittel für Hunde, Katzen, Nerze, Rinder, Pferde, Schweine, Tauben, Ziervögel, Hamster, Meerschweinchen und kleine Labortiere. Im Beipacktext wird explizit darauf hingewiesen, dass es NUR NACH ERFOLGTER NARKOSE verabreicht werden darf. Es darf nicht an Tiere verabreicht werden, die noch bei Bewusstsein sind. Das gilt auch für trächtige Tiere, da der Fötus sonst überleben könnte und langsam qualvoll erstickt, wenn die Mutter schon tot ist.

Warum heißt es dann Tötungsmittel und warum wird es immer noch verwendet?

Weil T-61 auch seine Berechtigung hat.

Es ist der letzte Schritt bei einer Euthanasie, die letzte Absicherung, damit das Tier wirklich tot ist. T-61 macht, dass das Herz aufhört zu schlagen.

Es ist aber KEIN NARKOSEMITTEL.

Ein Hund, der nur T-61 alleine injiziert bekommt, stirbt qualvoll und regungslos bei vollem Bewusstsein.

Wie geht Euthanasie richtig?

Optimalerweise erfolgt zuerst eine Sedierung des Tieres mit einem Benzodiazepin (z.B. Midazolam, Diazepam) schon eine Zeit vor der Narkose.

Dann erfolgt die Vollnarkose, die ganz unterschiedlich gemacht wird.

Die gängigste und billigste Methode einer Vollnarkose für eine Euthanasie ist die Verabreichung einer Injektionsmischung aus Ketamin (Arylcyclohexylamin) und Rompun (Xylazin) in den Muskel oder in die Vene.

Ketamin ist schmerzstillend und sedierend, führt aber oft zu starkem Speichelfluss.

Rompun wirkt muskelentspannend und sedierend.

Die Kombination von Ketamin und Rompun erzeugt bei ausreichend hoher Dosierung (in den Muskel oder die Vene injiziert) einen ausreichend tiefen Schlafzustand und ist zudem, wie erwähnt, sehr billig.

Die teure Variante, die ich immer bevorzugte, denn ich denke, wenn der Hundehalter schon viel Geld für eine Leistung bezahlt, soll er auch das Beste für das Tier bekommen, ist die Verabreichung einer Injektionsmischung aus Butomidor (Butorphanol), Domitor (Medetomidin) und Ketamin (Arylcyclohexylamin) in den Muskel oder in die Vene.

Butomidor ist schmerzstillend und sedierend.

Domitor ist schmerzstillend und muskelentspannend.

Ketamin ist schmerzstillend und sedierend.

NACHDEM der Patient diese Spritze bekommen hat und ihm auch ausreichend Zeit zum Einschlafen gegeben wurde, erfolgt eine Gabe von Pentobarbital in einer Überdosis. Da der Patient zu diesem Zeitpunkt schon tief und schmerzfrei schläft, spürt er von dieser Spitze nichts mehr und die verbreichte Überdosis von Pentobarbital an den in Vollnarkose liegenden Patienten führt meist schnell zum Eintritt des Todes.

Und erst DANN wird zur Sicherheit auch noch T-61 injiziert, welches Herzschlag und Atmung lähmt.

Erst dann, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Und es ist auch weder ausreichend noch lege artis, Katzen und Kleintiere durch eine alleinige Injektion einer Überdosis Pentobarbital intraperitoneal (in die Bauchhöhle) zu euthanasieren!

Es muss immer vorher eine Vollnarkose erfolgen!

Das wäre auch dem Beipacktext zu entnehmen, falls man es nicht gelernt oder schon wieder vergessen hat.

Leider ist die korrekte Vorgehensweise nicht in jeder Praxis usus, was sehr traurig stimmt.

Fragen Sie daher bei einer Euthanasie den Tierarzt Ihres Vertrauens immer nach der Vorgehensweise. Wenn er nicht bereit ist, Ihnen jeden Schritt genau zu erklären, dann packen Sie Ihr Tier bitte wieder ein und gehen Sie woanders hin.

Es gibt ja genug von uns. Die meisten sind kompetent und ermöglichen Ihrem Liebling ein sanftes Einschlafen.

„Tierärztinnen und Tierärzte dürfen das Leben eines Tieres nur bei Vorliegen eines vernünftigen Grundes und mit der für das Tier am wenigsten belastenden Methode beenden. Eine stärker belastende Methode, unter Umständen durch Wahl eines ungeeigneten Medikaments, eine Umwidmung der Applikationsart oder das Ausbleiben einer vorausgehenden Sedation/Narkose entgegen der Produktinformation, kann zu unnötigem Leiden des Patienten führen. Kommt es durch unsachgemäße Anwendung von Euthanasiepräparaten zu Schmerzäußerungen des Tieres oder zu einem verspäteten Eintritt des Todes, ist neben der Missachtung der berufsethischen Verantwortung möglicherweise auch von einer traumatischen Erfahrung für den Tierhalter und den Tierarzt auszugehen.

Ich für meinen Teil kann guten Gewissens in den Spiegel schauen. Ich war teuer, aber meine Patienten sind bei einer Euthanasie ausnahmslos alle lege artis für immer eingeschlafen.

Take care!

Herzlichst, Ihr Bela Wolf

Tierarzt, Autor, Journalist

www.tierarzt-wien.com

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