Über Gehirntumore, Zinktabletten und tierärztliche Fehldiagnosen

Bela F- Wolf

Aus leidvoller Erfahrung darf ich Ihnen versichern, nicht nur die tierärztlichen Kollegen hauen in Sachen Diagnose oft meilenweit daneben. Auch die Kollegen aus der Humanecke sind darin grandios, wenn es beispielsweise darum geht, einen Bruch des Mittelfussknochens am Röntgenbild zu übersehen und die Dame des Hauses mit einer Verstauchung aus der Notaufnahme hinauszukomplimentieren. Sowas versaut einem den Sommer, aber das ist eine andere Geschichte und jetzt ist bald Winter. (Das dranhängende Zecherl steht halt nun schief, aber mein Gott! Wir freuen uns darüber, dass es kein Beckenbruch war.)

Erfrischend war auch der Einsatz eines Sonntagsapothekers, der mir neulich alkoholhältige, kontraproduktive Kräuterelixiere statt einer Elektrolytlösung bei einem äußerst üblen Magen-Darm Dings aufschwatzen wollte und den ich am liebsten zu mir nach Hause auf einen Umtrunk geladen hätte.

Und dann wären noch die Weißmäntel in den eigenen Reihen. Geschätzte Kollegen aus dem engsten Freundeskreis, ohnehin handverlesen, weil man als Wolf unter Wölfen keinem mehr so recht über den Weg trauen will wenn’s um die eigene Brut geht, können das Fehlinterpretieren von vierbeinigen Symptomen auch recht gut.

Mein sonst gesunder Hund stand diesen Frühling stundenlang mit dem Kopf gegen die Wand. Er rebellierte beim Heimgehen, wollte das Haus nicht mehr freiwillig betreten, war rast- und ruhelos, turnte plötzlich verzweifelt auf Tischen und Bänken herum und wollte am liebsten mit dem Kopf durchs Fenster, nur um in den Garten zu gelangen, wo er wieder stundenlang starr und mit dem Kopf gegen die Wand dastand.

Ein unerträglicher Zustand, wenn man als Tierarzt nicht weiß, was dem eigenen Tier fehlt. Ich war fix und fertig und suchte Rat in allen möglichen tierärztlichen Ecken. Ich schickte sogar Videos an befreundete Kollegen, da ich nicht mehr weiter wusste. Keiner wusste etwas Klügeres, als mir schwere Beruhigungstabletten für den Hund anzuraten oder ein Schädel CT nahezulegen, "weil man einen Gehirntumor nicht ausschließen könnte".

Gehirntumor ist 2018 offenbar die Ablöse der Schilddrüsenerkrankung, die als Standarddiagnose nachrückte, als der Bandscheibenvorfall von der Bauchspeicheldrüsenentzündung abgelöst wurde.

Haha.

Ein Schädel CT in Vollnarkose bei einem Höllenhund wie meinem ist ein (teurer) Rat, den man immer genau dann jemandem gibt, wenn man keine Ahnung hat, was man sonst sagen soll. Denn selbst wenn man einem alten Tier eine Vollnarkose wegen einer völlig aus der Luft gegriffenen Verdachtsdiagnose zumuten würde, ja selbst, wenn sich in unwahrscheinlichen drei Prozent ein Gehirntumor bestätigt, kann man genau nichts dagegen tun. Hirntumore beim Hund sind inoperabel. Und dann?

Ich schaute nochmal ganz genau hin. Ich suchte jeden Millimeter meines Hundes akribisch ab. Vor einigen Wochen waren für kurze Zeit Hautschüppchen auf den Ohrenspitzenenden zu sehen, die vorher nicht dagewesen waren. Ich erinnerte mich daran, weil ich an Schuppen und Fettmangelsymptome dachte, während ich die feinen Härchen aus den schuppigen Spitzen zog, sie fielen mir fast entgegen. In letzter Zeit schuppte mein Hund etwas mehr als sonst, aber nicht beunruhigend mehr. Sein Haarkleid war nicht besonders glänzend, aber ein ganzjähriger Fellwechsel beim Husky gehört ins Programm jedes Nordischen.

Die Schuppen vergingen wieder und ich dachte nicht mehr darüber nach.

Wochen später schaute ich genauer auf die Ballen. Die jeweils ersten Ballen der Vorderpfoten zeigten eine übermäßige Verhornung, die Ballenhornhaut bildete richtige Stäbchen, die nach außen wuchsen und schon drei Millimeter über den Ballen standen.

Klick, klack machte es in meinem Dinosauriergehirn, das immer lösungsorientiert ist.

Hyperkeratose des Ballenhorns plus gesteigerter Aktivität, Unruhe, Eckenstehen und schuppigem Fell mit vermehrtem Fellwechsel, sehr große Unlust zu Fressen, abwechseln weicher und harter Kot und insgesamt ein sehr trauriges Erscheinungsbild rundeten meine Verdachtsdiagnose ab.

Mein Hund hatte sicher keinen Gehirntumor. Er litt an chronischem Zinkmangel!

Huskys leiden oft unter angeborenem Zinkmangel, nur dachte ich nie daran, da meiner eine elegante Mischung aus Malamute, Husky und Schäferhund darstellt. Ich rauschte in die Apotheke, bestellte Zinktabletten (ohne Beigaben von Magnesium, Calcium und dem anderen Schmarrn) und nach einer Woche hatte ich einen anderen Hund. Einen gesunden. Einen, dessen Pfoten wieder aussahen wie Pfoten, dessen Haare glänzten, der gerne und mit gesundem Appetit fraß, dessen Kot wunderbar geformt war und auch die Ecke war Geschichte. Er schlief wieder entspannt durch.

Da er offensichtlich das Huskygen mit dem Zinkmangel in sich trägt, wird er lebenslänglich eine Zinktablette einnehmen müssen und alles wird gut.

Falls es Ihrem Hund auch so geht, dürfen Sie nun erleichtert aufatmen.

Die Kollegen rollten die Augen. Klar, darauf wären sie gerne selbst gekommen. Und auch auf die Idee, das überschüssige Ballenhorn mit Glycerin aus der Apotheke aufzuweichen und dann in Micrometerarbeit punktgenau zu entfernen. (Bitte nicht nachmachen, das kann ins Auge gehen!)

Grund für Zinkmangel, der durchaus auch bei nicht-nordischen Rassen anzutreffen ist, ist natürlich unausgewogene Ernährung. Gebarfte Hunde, vegan ernährte Hunde, mit Null-Nährwert-Supermarkt-Dosenfutter gefütterte Hunde und auch die Trockenfutter-Fresser- sie alle könnten eines Tages mit dem Kopf gegen die Wand stehen und keiner weiß, warum.

Ich sage es Ihnen nun: Weil sie falsch ernährt wurden.

Weil sie lieber Wurstsemmeln fressen würden, statt den blutigen oder trockenen teuren Abfall aus der Fertigfutterindustrie. Sie wären dann auch weniger krank, sondern könnten gesund und glücklich leben. (Wenn da nicht Millan wäre. Aber auch das ist bekanntlich eine andere Geschichte.)

Aber machen Sie das mal wem klar.

Herzlichst, Ihr Bela Wolf

Tierarzt, Journalist und Autor

http://www.tierarzt-wien.com/

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