Wintersonnwende oder fünf Engel für Felicita

Betty H.

Als Kleiner Wolf am 6. November in meinen Armen starb habe ich mir geschworen: Diesmal kommt wirklich kein neuer Hund mehr ins Haus. Noch einmal halte ich das nicht aus. Vier tote Hunde ruhen in meinem Herzen und das Herz hat nur vier Kammern.

Kein Platz mehr!

Alle jene, die schon einen Hund verloren haben, wissen, was ich damit meine. Dieses Gefühl nach dem Tod eines geliebten vierbeinigen Freundes, es ist, als machte man gerade an einem strahlend schönen Sommertag einen Ausflug mit seinen Liebsten und plötzlich, zack, knipst jemand das Licht aus, die Sonne verdunkelt sich und man erwacht gefesselt und geknebelt in einem finsteren, modrigen dreckigen Kellerloch und weiß, man ist für immer völlig allein und verloren. Es fühlt sich an wie lebendig begraben, kein Ausweg, feucht kalt klamm und keine Luft mehr zum Atmen. So ungefähr kann man es beschreiben, dieses Gefühl, das man gar nicht mit Worten benennen kann. Es ist so entsetzlich, dass man nur den einen dringenden Wunsch hat, nämlich möglichst schnell zu sterben.

Man lebt aber weiter, irgendwie. Man atmet ein, man atmet aus. Man vergisst Zeit und Raum und weint und hadert und weint.

Während ich also den ganzen November über weinte und haderte und irgendetwas machte, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, war zur gleichen Zeit eine weiße Hündin trächtig und irrte alleine in den Straßen einer serbischen Stadt herum.

Es wurde Dezember.

Ich hörte langsam auf zu weinen, aber die Trauer blieb. Die Trauer wird immer bleiben, Kleiner Wolf war der vierte Hund in meinem Leben, einem Leben, in dem ich immer von Hunden behütet war. (Ich habe sie immer viel mehr gebraucht als sie mich.) Sein Tod traf mich von allen geliebten Hunden am schlimmsten. Ohne ihn wäre ich nicht der geworden, der ich heute bin und Sie hätten mit Sicherheit nie einen Satz von mir gelesen, ich hätte immer noch meine Tierarztpraxis und kein einziges Buch geschrieben, ja nicht mal eine Kolumne.

Ihm habe ich alles zu verdanken. Er würde mich niemals so traurig sehen wollen.

Ich hörte daher auf zu weinen. Schaute mich wieder ein wenig um auf der Welt. Merkte, wie ich körperlich total am Ende war nach acht Jahren krankem und nicht pflegeleichtem Hund, und seelisch völlig ausgebrannt. Guckte bei verschiedenen Züchtern rein, schaute auch auf diversen Notfallseiten vorbei. Nein, ich wollte keinen Hund mehr, jedes Mal, wenn ich mir Bilder von fremden Hunden anschaute, stülpte sich mein Magen wie eine Rolle Stacheldraht um die eigene Achse nach außen. Alles sprach dagegen, sämtliche Versuche einen neuen Hund aufzunehmen, scheiterten wie durch Geisterhand. Es sollte nicht sein.

Ich wusste: Kein Hund mehr für den alten Wolf, aus die Maus.

Am 21.Dezember ist Wintersonnwende, ein heiliger Tag. Mir viel lieber und teurer als das falsche Weihnachten mit Kaufrausch, Keksen und den obligaten strahlenden Kinderaugen. Wintersonnenwende ist ein mächtiger Tag, in dessen Nacht die Sonne neu geboren wird und bald zu ihrer alten Kraft zurückkehrt.

Am kürzesten Tag des Jahres 2019 setzten bei der trächtigen weißen Hündin in Subotica, Serbien, die Wehen ein, Wintersonnwende, Neubeginn allen Lebens, während ich traurig in Wien herumsaß und grübelte und nichts davon ahnte.

Doch etwas stimmte nicht mit ihr. Sie schleppte sich mit letzter Kraft zu einer befahrenen Kreuzung. Ihre Kinder konnten nicht geboren werden, sie waren schon tot. Wenn ihr nun nicht schnell jemand half, war sie verloren.

Da erschien der erste Engel.

Zu rechten Zeit am richtigen Ort, keine Sekunde zu früh, hielt Betty mit ihrer Akita-Hündin Nika an Bord an just dieser Kreuzung an, wo die gebärende hilflose schmerzgebeutelte Hündin stand. Aus dem Auto heraus erkannte sie, dass mit der weißen trächtigen Mama etwas nicht in Ordnung war. Sie blieb stehen, packte die schon schwankende Hündin ins Auto und fuhr los. Die Geburt war in vollem Gange, die Hündin blutete stark, aber es sah nicht gut aus. Betty fuhr sofort zum Tierarzt.

Der zweite Engel leitete dem Tierarzt die Hand, als dieser erkannte, dass die zwei Welpen bereits tot waren und die Gebärmutter eingerissen. Durch einen Notkaiserschnitt rettete er ihr das Leben, entfernte den zerrissenen Uterus, gab Infusionen mit doppelter Antibiose, nähte ihren Bauch wieder zu. Der zweite Engel war sich ganz und gar nicht sicher, ob die obendrein vergiftete und getretene Hündin überleben würde; eine schwere Sepsis hatte bereits ihren völlig ausgehungerten Körper ergriffen und sie lag im Sterben, eigentlich war sie schon so gut wie tot.

Wintersonnwende! Eine heilige Zeit. Der Kreislauf des Jahres beginnt von vorne, das Licht triumphiert über die Dunkelheit. Die Natur hält den Atem an, wartet. Alles ist bereit für die Wiedergeburt des Sonnenkindes.

Die namenlose weiße Hündin überlebte die Nacht und sie überlebte auch die folgenden. Betty holte sie vom Tierarzt zu sich nach Hause und pflegte sie die ersten paar Tage. Am 24. Dezember hatte Mama Samojede zwar zwei tote Kinder zu betrauern und auch den Verlust eines schweren Lebens, sie wandelte schon acht Jahre auf der Schattenseite der Mondin, aber sie lebte immer noch und sie lächelte wieder.

Wie es auf der Erde geschieht, die sich mit dem Wiedererstarken der Sonne erneuert, so erneuerte sich auch ihre Kraft. Zunächst zaghaft, aber sie gab nicht auf.

Der erste und der zweite Engel freuten sich und genau am 24. Dezember erfuhr auch der alte traurige Wolf ihre Geschichte. (Kurz zuvor hatte er sich noch ein Weihnachtswunder gewünscht und wie wir alle wissen, was man sich wirklich wünscht, das geht auch immer in Erfüllung.) Denn der dritte Engel, Karin von Samojede in Not, hatte ihm zufällig die Geschichte der namenlosen weißen Wolfslady erzählt, die sie Felicita nannten, und dann kam die Dame des Hauses ins Spiel und sagte punktgenau: „Das ist unsere Hündin.“ Obwohl sie gar nichts von ihr wusste und auch kein Bild von ihr gesehen hatte. Mütter wissen sowas!

Der alte Bela brauchte natürlich erst ein Foto, bevor er sich verliebte. Dann aber sah er nur eine Sekunde lang ihr Bild an und es war um ihn geschehen und er sagte: Ok. Wir nehmen sie.

Ein vierter Engel, Branka, bewahrte die kleine Skywalker für ihn auf und gab ihr ein Zwischendurch-Zuhause mit Liebe, Medizin, Geborgenheit, Küssen und Betten zum Liegen. All das war nur möglich mit der Hilfe von Samojede in Not, dem Verein, der sich für herrenlose nordische Notfälle einsetzt.

Es war Wintersonnenwende, Zeit für die Geburt des Lichts. Und nun wird sie ein fünfter Engel, Danijela, zu uns bringen.

Felicita Lea-Maria Skywalker (denn jede Namenlose auf Erden trägt stolz den Sternennamen der Jediritter!) reist heute in einer Vollmondnacht um Mitternacht nach Hause. Sie konnte gar nicht sterben, denn sie hat noch eine sehr wichtige Mission vor sich. Samojeden sind Seelentröster, sagt die Legende, und sie hat bei uns viel zu tun.

Felicita, Du Schöne, möge die Macht mit Dir sein, wir erwarten Dich mit großer Freude, kleine Skywalker.

Papschi und Mamschi Wolf

http://www.tierarzt-wien.com/

www.samojede-in-not.de

Betty H.

3
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

lie.bell

lie.bell bewertete diesen Eintrag 11.01.2020 23:50:00

Don Quijote

Don Quijote bewertete diesen Eintrag 11.01.2020 01:23:47

invalidenturm

invalidenturm bewertete diesen Eintrag 10.01.2020 19:57:56

Mehr von Tierarzt