Die manipulierte Beziehung und die konfrontierende Begegnung

"Gott ist tot", heißt es schon seit Nietzsche. Inzwischen hat sich die "Gott ist tot"-Bewegung bereits selber und ihrerseits totgelaufen. Ja - mehr als dies: nicht einmal die Werte leben noch. Und zwar leben sie deshalb und insofern nicht mehr, als sich der Mensch von heute fragt, wozu er sie denn verwirklichen soll, mit anderen Worten, was es denn für einen Sinn haben mag, sie zu verwirklichen. Aber wir haben ja gesehen, dass es einen Sinn immer und überall gibt, allerdings nur im Sinne eines partikulären Sinns, wie wir ihn kraft unseres "Willens zum Sinn" und dank unseres "Sinn-Organs", nämlich des Gewissens, auch aufzuspüren vermögen. Was nun diesen unseren Willen zum Sinn anlangt, so ist er unabdingbar, wir können gar nicht anders als "den Sinn wollen", der Wille zum Sinn ist in diesem Sinne transzendental und etwas Apriorisches (Kant) oder ein Existential (Heidegger), er ist sosehr in die Condition humaine eingebaut, dass wir einfach nicht umhinkönnen, so lange "nach Sinn zu suchen", bis wir ihn eben gefunden zu haben glauben. Nunmehr erhebt sich jedoch eine letzte Frage, die Frage nach dem letzten Sinn, eine Meta-Frage, die auch noch die Frage mit sich einbegreift, wozu die menschliche Verfassung mit so etwas wie einem Willen zum Sinn überhaupt ausgestattet ist. Zunächst einmal sieht alles so aus, als hätte Goethe recht behalten, wenn er einmal sagte, "alles Wollen ist ja nur ein Wollen, weil wir eben sollten". So leicht dürfen wir es uns aber nicht machen - dass wir zuerst alles Sollen (die Werte beziehungsweise den Sinn) auf ein Wollen (den Willen zum Sinn) zurückführen und sodann das Wollen wieder auf ein Sollen: damit würden wir uns nur in einen Zirkel verstricken. Ich denke, wir sollten es vorziehen, uns mit der Feststellung zu begnügen, dass wir da die "Natur" (in diesem Zusammenhang würden wohl die Ethologen die "Evolution" und die Theologen nach wie vor "Gott" sagen) nicht hinterfragen können. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als resignierend festzustellen, dass wir unmöglich den Zweck eruieren können, zu dem die Natur - oder was immer beziehungsweise wer immer - das Sinnbedürfnis in uns eingepflanzt haben mag: der Grund dazu, der Sinn, den dies gehabt haben mag, muß für uns unergründlich bleiben - dieser Sinn ist ein "Über-Sinn", und an ihn können wir nur noch glauben, um ihn gibt es kein Wissen mehr. Freilich handelt es sich um ein Glauben, das naheliegt, um einen Glauben, der sich uns sogar aufdrängt. Ist es doch soviel wie unumgänglich, anzunehmen, dass es unmöglich sinnlos gewesen sein kann, wenn wir uns mit einer sinnlosen Welt nicht abfinden können beziehungsweise nicht anders können, als nach Sinn suchen. Wir können nicht anders als annehmen, dass sich die "Natur" etwas dabei gedacht haben muss, wenn sie uns nach Sinn fahnden ließ, mit einem Wort, dass sie damit selber und ihrerseits einen Sinn verfolgt haben muss, mag er auch noch so wenig von uns hinterfragt werden können. Die Stiftung von Sinn muss jedenfalls auch selber und ihrerseits "Sinn" gehabt haben. Und ähnlich muss auch die Antwort gelautet haben, die der Psalmist auf seine Frage erwartet hatte: "Der das Auge geschaffen - er sollte nicht sehen? Und der das Ohr geschaffen - er sollte nicht hören?"

(Viktor Frankl)

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