Aus materialistischer Sicht mag man leugnen, dass ein Bewusstseinswandel stattfindet. Rein wissenschaftlich lässt sich damit nichts anfangen. Von einem kollektivistischen Standpunkt kann man ihn auch nicht berücksichtigen, weil er sich im Individuum zeigt. Verschiedene Erscheinungen in der Gesellschaft, wie z.B. die exorbitante Zunahme an psychischen Problemen mag man auf die Verhältnisse, die Krise schieben, aber diese spielen nur oberflächlich betrachtet dabei eine Rolle. Man würde bei dieser Behauptung außerdem das System schönreden. Nach dem Motto: Gäbe es keine Krise, wäre alles in Ordnung. Aber die Krise ist nur ein Symptom. Sie macht nur deutlich, wie krankhaft der Zustand von vornherein war.

Es ist schwierig, den Bewusstseinswandel auszuklammern, denn er hat politische Relevanz, gerade hier im Westen. Er hat sogar mehr politische Relevanz, als der Klassenkampf. Nicht deshalb, weil die Klassentheorie minderwertig wäre oder nicht mehr brauchbar, sondern schlicht deshalb, weil sie so weit zurückgedrängt wurde. Die Vereinzelung macht es schwer, einen Bezugspunkt im Kollektiv zu finden, sei es in Form einer Klasse. Darüberhinaus verläuft die Spaltung der Gesellschaft nicht nur an Klassenlinien. Wo mir das Kollektiv keinen Schutz mehr bietet, muss ich mich selbst entwickeln.

Die Krise trifft uns deswegen härter als die kollektivistischen Gesellschaften, weil sich nun zeigt, wie schwach das Kollektiv in der westlichen Gesellschaft ist. Wir werden jetzt mit Sicherheit nicht über Nacht zum starken Kollektiv, indem wir chinesische Politk wie eine Schablone über uns stülpen. Es muss sich zwangsläufig zeigen, wie windig dieses Fundament unserer Sozialisation war, in der Solidarität und Mitgefühl keine Rolle spielten, dafür aber Leistung, Wettbewerb, Konsum und Selbstdarstellung. Die Kritik an der Elterngeneration (im Kapitalismus), die davon ausgegangen ist, dass es ausreicht, materiell versorgt zu sein und dabei gleichzeitig möglichst Wettbewerb einzutrichtern, ist nicht nur und ausschließlich "linksliberale Wachstumskritik". Es ist der Bruch mit dem alten Denken, welches eine Generation im Westen produziert hat, die materiell alles hatte, aber emotional verarmt.

Man kann mit allerlei Verzerrungen, Charakterfehlern und altem Denken durchs Leben kommen, ohne sich je verändern zu müssen, solange die Umstände günstig sind. Ungünstige Umstände, wie bspw. eine Krise, wirken nur als ein Trigger, der diesen defizitären Zustand an die Oberfläche bringt. Es wäre zynisch, nur die Krise dafür verantwortlich zu machen, denn Krise allein ist eigentlich kein Grund, in defizitärem Zustand zu sein. Es verstärkt außerdem den Opfermodus, die Verantwortung nur auf die äußeren Verhältnisse zu schieben.

Die Probleme, die sichtbar geworden sind, lassen sich nicht mehr beseitigen, indem man den alten Zustand zurückfordert. Die Verhältnisse waren nicht in Ordnung und werden auf diese Weise nicht mehr in Ordnung gebracht. Ohne den Zustand schönreden zu wollen, beinhaltet er die Chance für die Gesellschaft sich zu entwickeln und sich von altem Denken zu befreien.

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