Demokratie versus Autokratie und das Gefühl der Freiheit

Wir leben in einer Zeit, in der sich Grenzen auflösen. Territoriale, aber auch ideologische. Der Blick auf das Nationale reicht nicht mehr aus, weil keine Nation isoliert ist und es scheint auch nicht mehr möglich, in Isolation zu verfallen, ohne sich gleichzeitig angreifbar zu machen. Durch den Blick über den Tellerrand ergeben sich neue Perspektiven. Das gilt gerade für ein Land wie Deutschland, in dem der ehemalige Ost- und Westblock verschmelzen, und somit einst feindlich gesinnte Ideologien gegenüber stehen.

Wenn man sich wirklich annähert, ist eine Folge davon, dass man die andere Sichtweise integriert. Der andere ist nicht einfach nur mehr der Ossi, der Erdogan-Anhänger, der Rechte, der Islamist, der Migrant, den ich von mir abspalten kann, sondern einfach nur ein Mensch, der eine andere Lebenswirklichkeit erlebt hat. Meine Perspektive scheint plötzlich nicht mehr die alleingültige zu sein. Wir fordern aber, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung und dem Zerfall des Ostblocks immer noch von allen ein, sich zu unseren Werten zu bekennen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion wird als Beweis für die Unrealisierbarkeit deren Systems und die absolute Überlegenheit unseres Systems gesehen. Das entwertet aber praktisch sämtliche Werte, die Menschen aus dem fremden (feindlichen) System mitbringen.

Im demokratischen Westen erhebt man den Anspruch auf Freiheit und blickt verächtlich auf Autokratien und Diktaturen, wobei selten in Relation gestellt wird, auf welcher Basis von Kolonialismus, Sklaverei, Imperialismus und Kriegen das westliche System steht. Warum aber, wenn der Westen so frei ist, haben viele ehemaligen DDR-Bürger ihre sozialistische Partei nach der Wende gewählt? Jeder, der sich zu seinen alten Werten bekennt, ist stigmatisiert. Das gilt für den Türken, der auf seine Heimat schaut, wie für den DDRler, der sagt: „Es war nicht alles schlecht in der DDR.“ Das Thema ist mit einer gewissen Scham behaftet, sodass sich manche wiederum gar für ihre eigenen Landsleute schämen, sich selbst als besonders gut integriert hervortun, während die verurteilt werden, denen das nicht so ohne weiteres gelingt.

Wenn man Menschen aus der Türkei, aus Russland, aus Syrien oder der DDR kennenlernt, ist es schwer, in ihnen Subjekte beispielhafter Unterdrückung zu sehen, wobei es solche zweifelsohne gibt. Beginnt man die Lebenswirklichkeit des anderen zu sehen und vergleicht man sie anhand des zivilen Lebens mit der eigenen, dann verwischen die Unterschiede. Was ist Autorität, was ist Freiheit, wie drückt sie sich aus, was darf ich, was darf ich nicht? Eine Bürgerin aus der ehemaligen DDR sagte mir neulich: „Ich konnte natürlich nicht in der DDR auf die Straße gehen und sagen: Honecker ist ein Arschloch. Das konnte ich natürlich nicht. Ich konnte aber zu meinem Chef sagen: Du bist ein Arschloch, wenn wir uns mal gestritten haben. Und was wäre heute? Heute wär´ ich raus.“

Je mehr ich mit Menschen spreche, die aus einem anderen System kommen, welches wir abwerten, desto mehr bekomme ich den Eindruck, als sei die Frage der Freiheit nicht immer eine Frage des Systems. Bei allen Gesprächen habe ich selten die Aussage gehört, dass unser System eindeutig besser ist. Ein System legt fest, welches Verhalten belohnt, welches bestraft wird. China mag anderes Verhalten bestrafen, als wir. Für die Türkei mögen andere Maßstäbe gelten, als für die USA. Auch die Methoden der Bestrafung mögen sich unterscheiden. Bei den einen droht Folter und Tod, bei den anderen Rufmord, Ausgrenzung, Stigmatisierung.

Welcher menschenrechtliche Unterschied besteht eigentlich, ob man Afroamerikaner ausgrenzt und weggesperrt, oder politisch Andersdenkende? Dort gibt es Ein-Kind-Politik, hier jedoch erleben Kinder und Familie auch nicht den Stellenwert, den sie haben sollten und so manch Neugeborenes wird im Mülleimer entsorgt. Die Frage nach den Werten sprengt meinen Kopf. Die Welt ist in Aufruhr und die Orientierung schwer. Der einzige Ausweg scheint nur noch, dem Menschen zu begegnen.

Aus meiner Sicht sieht es danach aus, dass wir eine multipolare Welt werden, oder besser gesagt, sind wir das bereits. Ideologien, Systeme, Perspektiven stehen gleichwertig nebeneinander, müssen in der Zukunft koexistieren. Martin Jacques, Autor des Bestsellers „When China rules the world“ schreibt den Aufstieg des Westens einem reinen Zufall zu. Nachdem vor 1800 in der technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung relativer Gleichstand herrschte zwischen China und Europa, hatten die Briten einfach nur das Glück, Kohle in erreichbarer Nähe zu beschaffen, die für den Fortschritt und den weiteren Verlauf der Industrialisierung so dringend nötig war. Durch innereuropäische Konflikte nach dem Balance of Power Prinzip wuchsen die Großmächte in Europa außerdem in ihrer militärischen Überlegenheit. Ein reiner Glücksfaktor, ein reines Zufallsprinzip also verschaffte dem westlichen Imperium über zwei Jahrhunderte einen strategischen Vorteil. Es ist nur töricht, nicht zu erkennen, wie fragil dieser relative Vorsprung ist und stets war.

Der westliche Mensch ist ungeübt in Einsicht. Integration geschieht aber nur, indem man sich öffnet für neue Sichtweisen und nicht nur auf der eigenen beharrt. Dabei stelle ich oft fest, dass kaum jemand seine eigene Sichtweise so wenig in Frage zu stellen bereit ist, wie der demokratische, freiheitlich gesinnte Mensch im Westen.

"Freiheit, sie wollten alle Freiheit", erzählt mir die alte Frau aus Ostdeutschland. "Ich hab immer gesagt: Freiheit gilt für denjenigen, der Geld hat. Aber sie wollten mir nicht glauben", sagt sie mürrisch. "Und was war dann nach der Wende? Viele haben sich verschuldet."

pixabay/Simon

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