Homosexualität und die Politik der Pseudo-Toleranz

Zwei Seiten einer Medaille

Vor 15 Jahren hatte ich eine lesbische Beziehung. Das war die Zeit, in der die Homo-Ehe in Deutschland legalisiert wurde. Maßgeblich hatten die Grünen dieses Gesetz vorangetrieben. Ich und meine Freundin, wir fanden das cool. Endlich fühlte man sich in der Politiklandschaft repräsentiert und wahrgenommen. Doch da gab es noch eine andere Wirklichkeit, und die zeigte sich auf der Straße.

Wir wohnten 3 Jahre lang in Berlin Wedding, ein Bezirk, der dicht von türkischen und arabischen Einwanderern besiedelt ist, und in der sich die ganze Bandbreite der Erfolge und Misserfolge der Integration wiederspiegelt. Auf den Straßen waren wir als Paar nie sicher, aber auch alleine nicht. Beinahe täglich wurden wir beleidigt, eingeschüchtert, bedroht, angegriffen, angefasst. Wir waren der Dominanz von Männern einer patriarchalischen Kultur ausgeliefert, für die wir als gleichgeschlechtliches Paar wahrscheinlich ein Verbrechen begingen. War man als Frau offenbar für sie ohnehin schon weniger wert, so war eine lesbische Frau für sie die reine Provokation. Dabei hatte ich ja prinzipiell gar nichts gegen sie und ihre Kultur. Einem permanenten Aggressionspotential mit Offenheit zu begegnen, gestaltet sich jedoch in der Praxis schwierig. Von der toleranten, deutschen Gesellschaft im Übrigen, die ihre jungen Frauen beschützen sollte, ganz egal, welcher sexueller Orientierung, spürte ich im Gegenzug nichts.

Wie heuchlerisch empfinde ich es heute, wenn linke Parteien die sogenannte LGBT Community repräsentieren wollen, als könne man alle Menschen, die nicht heterosexuell sind, in eine Schublade stecken. Sind es doch gerade die Homosexuellen/Transgender, die von der Intoleranz bestimmter Minoritäten am meisten betroffen sind. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass linke Parteien, die am liebsten alles inkludieren wollen, die Gewalttaten gegen Homosexuelle eben als Kollateralschäden einordnen.

Irgendwer muss die Konsequenzen dieser Vermischung von allem eben tragen, und das sind gerade die Menschen, die die Freiheit der Selbstbestimmung und der freien Wahl der sexuellen Orientierung als ihr Grundrecht ansehen, das sie auch gerne ausleben möchten. Wenn ich das Wahlangebot der linken und rechten Parteien für mich persönlich auswerte, so komme ich dann auf folgenden Schluss: Homo – Ehe vs. Sicherheit auf der Straße. Man kann dazu unterschiedliche Meinungen haben, je nach Interessenslage und individueller Situation, aber ich sehe das so: Was bringt mir das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe, wenn ich auf der Straße nicht mehr sicher bin? Die Diskussion um Homophobie mutet da beinahe als privilegiertes Luxusproblem an, wenn man sich im Klaren ist, dass es im erlebten Alltag eher darum geht, ob ich mich frei bewegen kann und ob es mir, wenn auch mit Konflikten, möglich ist, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Im Falle, dass unsere kulturelle Identität kippt, wird mir das keine Selbstverständlichkeit mehr sein.

Umso mehr ärgert es mich, dass sich im allgemeinen Toleranzgebaren unserer Gesellschaft plötzlich Leute in Debatten einmischen, die überhaupt nicht betroffen sind. Da schwingen Menschen Regenbogenfahnen, die haben nie eine homosexuelle Erfahrung gemacht, sind aber pro-gay rights, weil man damit kokettiert, weil das jetzt zum Must-Have einer modernen, fortschrittlichen Persönlichkeit gehört. Ich bin aber keine Zirkusnummer, die man für seine eigene Selbstdarstellung nutzen kann. Diese Art der Einmischung in Probleme, die nicht die eigenen sind, ist eine allgemeine Unart geworden und sie verwässert und verfälscht jede Diskussion, weil individuell Betroffene nicht mehr gefragt sind.

Diese Stimmen werden mit den Forderungen der LGBT Community insgesamt so laut, dass jede alternative Position, auch unter den Homosexuellen/Transgender, nicht erwünscht ist. Man würde sich ja plötzlich auf die gegnerische Seite begeben und das ist ein Tabu. Dabei habe ich schon immer empfunden, dass Sexualität, ganz egal welcher Orientierung, eine Privatsache ist.

Man könnte mir jetzt vorwerfen, dass ich von den einstmals erkämpften Rechten profitiere und sie zu leichtnehme. Mir ist aber klar, dass der Wunsch nach gesellschaftlichem Fortschritt persönlicher Freiheitsrechte absolut berechtigt ist. Eine wahrhaftige Repräsentanz dieser Interessen ist für mich aber in der Wirklichkeit nicht zu erkennen. Es sieht eher so aus, dass die Homo-Ehe als Politikum benutzt wird, um sich ein tolerantes Image zu geben. Für die tatsächliche Realität der Homosexuellen/Transgender hat die Politik wenig übrig.

Yulia Grigoryeva / Shutterstock

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