Seit Jahren bröckelt nun dieses System, in dem ich - 1981 im Westen geborene - groß geworden bin. Das hat dazu geführt, dass ich mich mit meinem zuvor eng definiertem Weltbild und meinen eigenen Vorurteilen auseinandersetzen musste. Wenn Grenzen sich auflösen, werden Tabus angetastet und durch die Nähe zum "Feind" wird man selber zu einem. Plötzlich verteidigte ich autokratische Systeme und stellte das, was mir immer selbstverständlich schien, in Frage.

Zwangsläufig musste ich mich meinem Freiheitsbegriff stellen. Ich wollte immer mehr herausfinden, worum es bei der individuell empfundenen Freiheit überhaupt geht. Eine alte Dame aus der DDR fasste das mal mir gegenüber so zusammen: "Natürlich konnte ich nicht auf die Straße gehen und sagen: Honecker is´n Arschloch. Aber ich konnte zu meinem Chef sagen: Du bist´n Arschloch. Und was, wenn ich das hier mache? Dann bin ich raus!"

Es schien ungleich mehr wert zu sein, seinem Nächsten vertrauen zu können, wenn man schon gemeinsam der Obrigkeit misstraute. Durch die Begegnung von Menschen völlig anderer kollektiver Prägung ist mir klar geworden, dass sie jenseits meiner eng gefassten Grenzen genauso lebten wie ich und, dass uns in Wirklichkeit garnichts trennt. Nach all den Gesprächen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass den Leuten die Überlegenheit eines Systems am Arsch vorbeigehen kann, wenn unterm Strich entscheidend ist, wie gut es einem ergangen ist. Dies wiederum scheint sich von ganz alltäglichen Dingen abzuleiten und hat mit Ideologie nicht viel zu tun.

Man darf nicht unterschätzen, welche Widerstände sich regen werden, wenn realisiert wird, dass nichts von dem, was uns in den letzten Jahrzehnten erzählt wurde, so stimmt. Es ist ein Weltbild, das sich daraus speist, dass die Amerikaner uns von den Nazis befreit haben, Hitler und Stalin vergleichbare Protagonisten eines allgemeinen "Totalitarismus" gewesen seien, bei dem es keine Rolle mehr spielte, wer der Aggressor war und die DDR quasi dasselbe sei wie das Nazi-Regime.

Kollektive Prägung kann eine ganze menschliche Existenz ausmachen, wenn ein Mensch zu seinen Wurzeln noch nicht gefunden hat. Das Auflösen eines Weltbildes kann ein Individuum vollkommen ins Wanken bringen und für heftigste Reaktionen sorgen.

Wenn ich zu Leuten, die - wie ich - aus dem Westen kommen, sage, ich hätte nichts dagegen, in so etwas wie der DDR zu leben, werde ich für wahnsinnig erklärt. Ich beginne mir Sorgen um sie zu machen, wenn sich herausstellt, dass das, wogegen sie die größten Vorurteile haben, in der kommenden Ära aufbrechen darf.

Vielleicht bin ich eine Närrin, wenn ich sage, ich weigere mich zu glauben, dass Armut und Obdachlosigkeit normale Phänomene seien, Solidarität abgedroschen und "jeder seines Glückes Schmied". Diejenigen, die uns das glauben machen wollten, sind

meiner Meinung nach empathielose Psychopathen und das Schweigen der Gesellschaft ist Ohnmacht und Resignation.

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MartinUSH

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