Ein guter Freund von mir ist Deutschtürke und gläubiger Muslim. Ich bin „Biodeutsche“ mit schlesischem Flüchtlingshintergrund, anti-religiös und ungläubig. Meine schlesischen Großeltern, Heimatvertriebene, waren als „Saupreißn“ und „Rucksackdeutsche“ im katholischen Bayern gelandet. Als Protestanten hatten sie „den falschen Glauben“, oder wurden gar als Ungläubige betrachtet, ähnlich wie heute der Islam als nicht kompatibel mit „europäischer Leitkultur“ betrachtet wird. Es gab Neiddebatten, genauso wie heute über die Flüchtlinge, die dieses und jenes haben oder wegnehmen könnten.

Wir beide sind Wandler zwischen den Welten, scheinbar nirgendwo richtig zuhause und unsere Unterhaltungen sind geprägt von diesem Zwiespalt und dieser Schwierigkeit, mit unterschiedlichen Sichtweisen in Frieden kommen zu müssen.

Wir sprechen offen über alles. Über Politik, Religion und die Gesellschaft. Dabei könnten Politik und Medien eigentlich ständig einen Keil zwischen uns treiben. Die ewige Spaltung in politischen Debatten, die dazu führen müsste, uns gegenseitig als „anders“ und „unvereinbar“ wahrzunehmen, müsste eigentlich zu einem Ausschlusskriterium für unsere Freundschaft führen. Aber das passiert nicht.

Ständig wird der Islam (negativ) thematisiert. Es geht um Integration, um Identifikation mit den „falschen“ Werten, um die Überhöhung unserer eigenen westlichen Werte und die Abwertung anderer Werte. Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der es angeblich nicht möglich sei, friedlich miteinander zu leben, als wäre das fast eine Regel, die eintreten müsste. Dabei gibt es Beispiele für solch gelungenes Zusammenleben.

Das deutsch-türkische bzw. deutsch-muslimische Verhältnis ist gespalten und belastet. Ein wesentlicher Grund dafür ist der Umgang deutscher Presse mit der Türkei. Er ist von diesem latenten Unverständnis für die hier lebenden Türken und ihrer soziokulturellen Situation geprägt, ihrer Herkunft und ihrer Identität. An ihr Ursprungsland, das für sie nicht einfach objektiv und mit emotionaler Distanz zu betrachten ist, wird kaum ein gutes Wort gelassen.

Es ist schändlich, dass in dieser ohnehin schon vergifteten Stimmung jede Geste dazu benutzt wird, um Türken mangelnde Identifikation vorzuwerfen, wie es nun im Falle der beiden Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan passiert ist, die bei einer Londoner Veranstaltung Erdogan begegnet sind und gemeinsam mit ihm fotografiert wurden. Wie hätten sich diese Spieler, deren Eltern wahrscheinlich aus der Türkei stammen, verhalten sollen? Hätten sie sagen sollen: „Dir, Erdogan, geb´ ich nicht die Hand, du bist ein böser Diktator?“ Welche Vorstellungen haben deutsche Bürger, wenn sie das kritisieren und sind sie mit sich selbst eigentlich auch entsprechend kritisch? Warum ist es etwas Anderes, wenn Kanzlerin Merkel, an der man auch einiges kritisieren könnte, mit Nationalspielern posiert? Ganz mit Recht hat Spieler Gündogan gesagt, seine Geste war überhaupt nicht politisch gemeint. Aus etwas, das nicht politisch ist, wird künstlich Politik gemacht. Warum empfindet der Deutsche das als Provokation? Die Türken verstehen diese Empörung nicht und ich verstehe sie auch nicht. Genau dieses Unverständnis jedoch führt dazu, dass Türken sich an Erdogan nur umso mehr klammern und, dass ernsthafte Kritik garnicht mehr möglich ist, weil mit zweierlei Maß gemessen wird.

Ahmet Toprak schreibt in der ZEIT: „Die deutsche Gesellschaft erwartet von "Türken" eine hundertprozentige Identifikation mit Deutschland. Aber eine hundertprozentige Identifikation kann es nach wissenschaftlichen Kriterien gar nicht geben. Auch bleibt die Frage, ob eine hundertprozentige Identifikation überhaupt ausreichen würde, um von Deutschen vollwertig akzeptiert zu werden.“ https://www.zeit.de/sport/2018-05/mesut-oezil-ilkay-guendogan-deutsch-tuerken-identifikation

Um zu verstehen, warum viele Türken für Erdogan das Wort ergreifen, muss man die Unverhältnismäßigkeit verstehen, mit der über ihn gesprochen wird. Die hier lebenden Türken sehen, wie der deutsche Staat anderen Staatsoberhäuptern auf Augenhöhe begegnet, die mindestens die gleiche kriminelle Bilanz aufweisen. Das Kennzeichen westlichen Imperialismus ist aber, die eigenen Werte, Lebensweisen und Anschauungen immer zu überhöhen. Die Türkei wird diskreditiert, aufgrund mangelhafter Achtung der „Menschenrechte“ und der „Demokratie“, wobei mindestens berechtigt ist, in Frage zu stellen, ob eigentlich unsere Regierung dieser Werte immer so gerecht wird, wenn man unsere Außenpolitik betrachtet. Die offizielle Darstellung ist kein Begegnen auf Augenhöhe. Die Türkei ist einfach ein zweitklassiges Land und unserer nicht würdig und die türkischen Mitbürger muss man ständig tadeln und zu den „richtigen Werten“ erziehen. Man muss sich eigentlich nicht wundern, dass sich bei so viel allgemein akzeptierter interkultureller Inkompetenz Rassismus breit macht in unserer Gesellschaft. Und noch weniger wundere ich mich, wie es zu einer Radikalisierung kommt durch diese stete Abspaltung.

Wenn mein deutsch-türkischer Freund also Erdogan verteidigt, aus welchen Gründen auch immer, dann dürfte ich schon theoretisch garnicht mehr mit ihm reden, weil er „die falschen Werte“ hat. Nähert man sich dieser Seite dann an, begibt man sich plötzlich auf feindliches Gewässer und wird dann wiederum von „der eigenen Sippschaft“ geächtet. Ist das nicht absurd? Es ist eine kulturelle Spaltung die medial und propagandistisch künstlich erzeugt ist.

Dabei setzen wir beide uns sehr oft kritisch auseinander, müssen heftig grübeln über unsere eigene Position, uns in Frage stellen, um den anderen zu verstehen. Es ist aber dieser Perspektivwechsel, die unbedingte Bereitschaft, die andere Seite zu sehen, die zu Frieden und Annäherung führt. Kommen wir dann zu einer gemeinsamen Lösung, haben wir beide einen Graben überwunden und sind im kulturellen Verständnis reicher geworden. Im Kern stellt man nach solchen Erkenntnissen fest, dass man eben garnicht anders ist. Jeder Mensch wünscht sich, in Frieden mit seinen Mitmenschen zu leben, möchte angenommen, möchte verstanden werden. In unseren Grundbedürfnissen sind wir alle gleich.

Es kostet Mühe, diesen kulturellen Sprung zu schaffen. Denn zunächst muss man einen Blick dafür entwickeln, was der andere für Wurzeln hat, wie er zu seiner Identität, zu seinen Sichtweisen kommt. Aber mit den Ursprüngen dieses Verhältnisses wird sich nicht befasst, die eigene Verantwortung nicht erkannt, denn es sind „die anderen“, die sich gefälligst anpassen sollen.

Umso schlimmer ist es, dass wir in diesen konfliktreichen Zeiten auf Distanz gehen, weil man das Gefühl hat, ohnehin nicht verstanden zu werden. Man hört auf, sich mitzuteilen, zieht sich zurück, kocht sein eigenes Süppchen oder radikalisiert sich gar.

Wir werden jedoch in der Zukunft näher zusammenrücken, ob aufgrund der Flüchtlingswelle oder der weiter voranschreitenden Globalisierung. Die daraus resultierenden Konflikte können wir nur überwinden, wenn wir aufeinander zugehen.

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