Wenn du das nicht vielleicht schon längst getan hast, dann verabschiede dich jetzt und endgültig vom „positiven Denken“.

Nicht ohne Grund wurde „positives Denken“ nach dem Siegeszug des Kapitalismus in den 90ern populär und fütterte geradezu die Illusion, man müsse nur, um all seine Ziele und Wünsche zu erreichen, immer positiv denken. Um in einem sich beschleunigenden Marktumfeld auch noch das Letzte aus den Managern im mittleren Management herauszupressen, brachte der Neoliberalismus „Motivationstraining“ hervor. Während aber auf der Hand liegt, dass das neoliberale System immer nur einige wenige begünstigen kann, wird hartnäckig die Illusion aufrechterhalten, dass alles erreichbar sei, wenn man nur daran glaubt. Von diesem Glauben profitieren die Ausbeuter, selten jene, die aufsteigen wollen.

Eine ganze Generation ist herangewachsen, für die es nicht mehr ausreicht, den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern jeder will mit 30 Jahren Millionär sein. Wundert man sich wirklich darüber, warum unser gesellschaftliches Denken immer mehr Depression und Burnout produziert? Eine Welt, in der der Mensch nur noch das ist, was er konsumiert, schafft eine (narzisstische) Gesellschaft des überbordenden Egos, während das Selbst gleichzeitig verkümmert. Der Vergleich mit dem anderen, der nur noch als Konkurrent wahrgenommen wird, überwiegt, während echte, vertrauensvolle Begegnung verkümmert.

Positives Denken ist nicht die Arznei, die man denjenigen verschreiben sollte, die krank sind, oder sich als gescheitert sehen. Positives Denken macht krank. Es erweist sich als Ausweichmanöver für die Menschen, die nicht gelernt haben, sich mit ihren unangenehmen Gefühlen wie Trauer, Angst und Wut auseinanderzusetzen. Diese Verleugnung des eigenen inneren Zustands führt zu noch mehr Depression. Ein psychisch friedvoller Zustand ist nicht daran gebunden, ob äußere Ziele erreicht werden oder nicht. Im Gegenteil ist es die Fähigkeit, den äußeren Umständen wertfrei zu begegnen. Dazu gehört es auch, die eigenen Ziele, die oft dem Ego entspringen, kritisch zu hinterfragen. Die Kunst besteht darin, wie Dr. Rüdiger Dahlke vor Kurzem sagte, nicht das zu haben, was wir wollen, sondern das zu wollen, was wir haben.

Positives Denken wird den Menschen in den nächsten Jahren nicht helfen. Machen wir endlich Schluss damit! Fangen wir an, uns mit der Realität auseinanderzusetzen und gestehen wir uns ein, dass wir nur durch Zusammenhalt mit der Krise fertigwerden. Diesen kann es nur geben, wenn wir uns weigern, das Konkurrenzdenken und den falschen Schein noch weiterhin aufrecht zu erhalten.

Die Zeitenwende wird uns zwingen, uns mit allem auseinanderzusetzen, womit wir in unserem Inneren noch nicht aufgeräumt haben. Niemand wird davor entkommen, diese Rechnung mit sich selbst zu begleichen. Auch mit positivem Denken nicht.

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