Seit neurechte Parteien aufstreben, wird immer wieder von einem „Rechtsruck“ gesprochen. Es entsteht der Eindruck, als wäre ein großer Teil der Gesellschaft also plötzlich „nach rechts gerückt“. Zumal der Großteil der Parteienlandschaft sich dem Neoliberalismus ergibt, ist diese Feststellung schon mal aus dem Blickwinkel falsch, weil, wo es ein Rechts gibt, da müsste es auch ein Links geben. Aber wo ist dieses Links geblieben?, fragt man sich, wenn man sich in Deutschland das Bekenntnis zur NATO ansieht, dem sich alle Parteien verpflichten und zudem erkennt, dass die Politik sowohl Mitte-Rechts als auch Mitte-Links sich einer Wirtschaftspolitik der Großkonzerne verschreibt. Wird dieser Begriff von Regierungsparteien erhoben, ist er besonders scheinheilig und hinterlistig.

Wie rechts ist nun der AfD-Wähler selbst? Da sieht man Menschen, die schon lange eine Wut auf die Regierung spüren, die vielleicht in der momentanen Migrationskrise gipfelt, aber damit längst nicht ihren Anfang genommen hat. Die AfD war von Anfang an ein Sammelbecken von Unzufriedenen, die beim Pokern um das bessere Schicksal in Regierungsperioden der vergangenen Jahre entweder bei der FDP ihr Kreuz machten oder der CDU. Die NPD hätte dieser Wähler nicht wählen wollen, weil ihm tatsächlich radikale Strömungen verhasst sind, er hat aber durchaus mit so manchem Wahlplakat geliebäugelt und die „konsequente Ausländerpolitik“ für gut befunden.

Dieser Mensch, nennen wir ihn Klaus, war kein Arbeitnehmer. Er gehört zum Mittelstand. Über die Jahre hat er sich als Selbständiger ein kleines Vermögen durch harte Arbeit erwirtschaftet. Geschenkt worden ist ihm dabei nichts. Jeder Kleinunternehmer weiß, dass sich Selbständigkeit in Deutschland wie eine Bestrafung anfühlt. Während Arbeitnehmer ein Mindestmaß an sozialer Absicherung erleben, ist der Kleinunternehmer einem harten Wettkampf ausgesetzt. Für seine Interessen setzt sich niemand ein. Er wird nirgendwo vertreten. So hat sich über Jahre der Hass auf Rot/Grün entwickelt, auf Beamte und andere „Sozialschmarotzer“, die berechtigte Forderungen stellen, die aber am Ende – und das ist die ganze Ungerechtigkeit - nicht die Superreichen, sondern der Mittelstand finanzieren müssen. Es sind Leute, die nirgendwo die Hand aufgehalten haben, sondern sich das, was ihnen gehört, erkämpft haben. Dieser Mensch spürt in dieser aktuellen Lage, dass ihm nun droht, alles genommen zu werden.

Und das ist nicht mal ein destruktiver Glaube oder ein Verschwörungswahn. Nein, dieser Wähler, sagen wir, er ist um die 50 oder 60, weiß ganz genau, wovon er spricht, denn er hat es in den letzten Jahrzehnten erlebt. Er weiß, wie Steuergesellschaften wie PWC und Ernst & Young Steuerschlupflöcher für Großkonzerne schaffen, während er als Kleinunternehmer Steuerprüfungen ausgesetzt ist, die an Schikane grenzen. Er hat erlebt, dass, was immer propagiert wurde, ob Atomausstieg oder Klimawandel, er es war, der die Zeche zahlen musste. Seine Kinder haben kein Bafög bekommen, weil er Ersparnisse hatte, die er für deren Bildung bereitwillig geopfert hat. Er hat gesehen, nachdem die Politik ihm jahrelang erzählte, es sei kein Geld für Entlastungen jedweder Art da, für Bankenrettung plötzlich Milliarden locker gemacht werden konnten. Dieser Bürger fühlt sich verarscht.

Seit der letzten Finanzkrise wird nun das Ende des westlichen Kapitalismus heraufbeschworen und tatsächlich, die Zeichen sind sehr deutlich. Die Politik schafft es nur noch, immer weniger Menschen zu befriedigen, die immer reicher werden, und nicht genug zu kriegen scheinen. Und jetzt zeigt sich plötzlich das wahre, hässliche Gesicht des kapitalistischen Systems, mag es auch in den Jahren der sozialen Marktwirtschaft noch so besänftigt worden sein, in Form eines gefräßigen Monsters, das alles verschlingt, was ihm im Weg ist. Das, was in Wirklichkeit schon seit Jahren schwelt, wird lediglich sichtbar. Jetzt beklagt man den Rassismus, den Sozialdarwinismus, der in Wirklichkeit in Parteien wie CDU und FDP unter der Oberfläche jahrelang vorhanden war. Der soziale Druck, der seit der Wende gefühlt für alle zugenommen hat, entlädt sich.

Nun wissen wir alle, was im September 2015 eingetreten ist, aber auch jede andere Ausnahmesituation hätte diese Gemengelage zum Sprengen bringen können.

Es gibt Menschen, die hat dieser Staat vergessen. Die aus meiner Sicht berechtigte Enttäuschung darüber ist so groß, dass ich wenig Chance sehe, dass man sie noch einmal für irgendeine soziale Sammlungsbewegung gewinnt. Man hat bei ihnen buchstäblich verschissen und nach allem, was ich weiß, kann ich es ihnen nicht mal nachtragen. Alles, was sie sehen wollen, ist diese verhasste Regierung loszuwerden. Ich wünschte mir so sehr, man würde diese Menschen verstehen.

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