Eine Sache, die mit dem Raketenangriff auf Syrien wieder überdeutlich wurde, ist, wie asozial sich eine ganze Politikerkaste im demokratischen, stets moralisch überlegenen Westen verhält, ganz im Sinne einer kriminellen Gang, die ein Land überfällt, so wie Jürgen Todenhöfer völlig korrekt schreibt „im Stil der Mafia“. Und kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Worten wie „Dringlichkeit“, „humanitäre Katastrophe“ oder „alternativlos“, denn dann erklären Sie mir mal, mit welcher moralischen Rechtfertigung uns der Jemenkrieg egal ist.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Drahtzieher in entscheidenden Fragen wie Krieg oder Frieden über Parlamente hinwegsetzen und einen quasi Alleingang vollziehen, wie es Trump und May vorgemacht haben, wird die peinliche Frage aufgeworfen, was eigentlich der Unterschied zwischen den obersten Repräsentanten der westlichen Demokratien und den „Machthabern“ von Schurkenstaaten ist, bei denen sich unsere Presse alle Mühe gibt, das Prädikat der Diktatur umzuhängen.

Es geht gar nicht darum, welches NATO-Land in welcher Form an den Auseinandersetzungen in Syrien, Afghanistan, Libyen oder Irak eigentlich beteiligt ist. Eine Darstellung der Bundeswehreinsätze finden Sie hier. Es geht darum, wie sich eine neokoloniale NATO-Clique einig ist darüber, Recht und Gesetz zu brechen. Wie der moralische Begriff dazu benutzt wird, eine Gewaltspirale unhinterfragt in Gang zu setzen. Parallelen zu ziehen zu 1914 und 1939 sind nur gerechtfertigt, wenn man sich ansieht, wie viele Jahre der Vorbereitung damals vorausgingen, in denen auf die Eskalation hingearbeitet wurde. Alle diese Vorzeichen finden wir heute auch, oder soll ich sagen ganz besonders (?) in der deutschen Politik. Da finden wir wirtschaftliche Abhängigkeiten und Zwickmühlen, ein politisches Agieren aus Druck und nicht aus Souveränität (ein Tabubegriff in der Globalisierung?), eine aggressiver werdende Rhetorik gegenüber „Feinden“, ein Abbruch diplomatischer Beziehungen, ein neues Wettrüsten, militärische Vorbereitung als Verteidigung getarnt, Propaganda und politische Puppenspieler. Es ist mir egal, welche Gruppierung und welcher politische Flügel den Volksbegriff für seine Zwecke missbraucht. Wir alle sehen machtlos zu, wie eine Regierung nicht mehr imstande ist, im Sinne des Volkes zu handeln.

Politische Haltungen sind zur Posse verkommen. Die gleichen Leute, die „Pray for…“ durch den Äther schicken, finden seit Jahren keine Worte der Solidarität für Syrien. Es muss ein unheimlich gutes Gefühl sein, sich immer auf der moralisch richtigen Seite zu fühlen, auf einen Erdogan, Putin oder Assad zu schimpfen und sich in der beruhigenden Gewissheit zu wähnen, "wir sind die Guten." Warum auch sollte man sich mal in die Perspektive der anderen versetzen, wenn das Bild dadurch ins Wanken geraten kann? Seien Sie sich im Klaren, dass Sie geistige Brandstifter sind. Ich weiß, es ist ein ganz unangenehmer Gedanke, die Verbrechen in unserer Mitte zu finden, wo sie uns alle normal erscheinen. Die Massenverbrechen der Vergangenheit erschienen vielen Menschen auch normal, sonst hätten sie nicht geschehen können.

Es ist interessant zu sehen, in was für einer Schockstarre sich diese Leute seit gestern befinden, die immer nur am Rand nach Nazis schauen. Sie, die immer so humanitär bestrebt sind, sich überall solidarisch erklären müssen, finden nun keine Worte. Ich kann ihre Warnungen solange nicht ernst nehmen, wie sie den Faschismus in unserer Mitte nicht erkennen.

Es wird heutzutage vor allerlei Extremismus gewarnt. Vor dem Islamismus, vor dem Rechtsextremismus. Das sind Probleme, gar keine Frage. Aber wenn sich unsere westlichen Regierungen, die viel mehr Macht, viel mehr Geld, viel mehr institutionelle Unterstützung und militärische Überlegenheit besitzen, wie eine Horde Barbaren aufführt, dann bringt kaum jemand seinen Mund dazu auf.

Die wirkliche Gefahr seit langem (!) sind nicht ein paar Extremisten, sondern die Masse an Menschen, die sich moralisch überlegen fühlt.

Man sollte nie aufhören, sich in Frage zu stellen.

Defence Imaginery / pixabay US-Soldaten im Einsatz

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