Einen Sommer lang - genau genommen letzten Sommer - hatte ich eine heiße Affäre, nein, eine sehr heiße Affäre, mit einem begnadeten, schönen, jungen österreichischen Regisseur und Drehbuchautor, allerdings lediglich eine geistige, sprich leider hat kein Austausch von Körperflüssigkeiten stattgefunden, da er kurz nach unserem Kennenlernen aufgrund einer akuten Schreibblockade für viele Wochen an die Côte d’Azur reiste, um in einer gemieteten Villa in Ruhe ein Drehbuch zu einem geplanten österreichischen Film verfassen zu können.

Eines schönen Abends ereilte mich - kurz vor dem nunmehr aber wirklich allerletzten, weil bereits mehrfach verschobenen letzten Abgabetermin - eine PDF-Datei per Whatsapp, kommentiert mit knappen Worten: „bitte um feedback“. Er hatte bereits einige Wochen in Einsamkeit auf der Terrasse mit Blick auf das Meer verbracht und bisher nicht sehr viel zustande gebracht, aber heute, hatte er mir zuvor via Whatsapp berichtet, hätte er eine grandiose Leistung erbracht, geschrieben wir verrückt. Gespannt wie ein Gummiringerl öffnete ich das um 20.59 Uhr eingegangene Dokument:

Screenplay

Schlafzimmer innen/Vormittag

Andreas und Susanne liegen in Löffelstellung unter der Bettdecke. Andreas hinter Susanne. Andreas reibt sein Gesäß an Susannes Hinterteil. Nach einiger Zeit dreht sich Susanne auf den Rücken. Andreas lehnt sich über sie und dringt in sie ein.

Susanne

Langsam.

Andreas beginnt langsame Stoßbewegungen zu machen. Susanne umklammert den Kopfpolster.

Susanne.

Fenster.

Andreas beginnt schneller zu stoßen.

Andreas

Passts so?

Susanne

Ich hab gesagt fester, nicht schneller.

Andreas verlangsamt den Rhythmus, dabei verliert er die Erektion.

Susanne

Es geht heute nicht.

Andreas

Macht nichts.

Dann folgt noch ein kurzer Dialog, in welchem Susanne genervt ist von Andreas Aussage:

„Ich finde wir sollten uns mal ein bisschen nach außen öffnen. Einfach mal andere Menschen spüren. Den Kopf ausschalten. Entspann dich mal!“

Susanne

„Ich kann dich da gerne begleiten, wenn du willst. Aber ich werde da nicht irgendwelche Leute angrapschen. Alles klar soweit? Gehma jetzt schlafen?“

Tja, ich muss sagen, für gut fünf Wochen harte Arbeit, kein sehr prickelndes Ergebnis!

Meine knappe Kritik folgte um 21.01 Uhr: „Andreas und Susanne liegen in Löffelstellung unter der Bettdecke. Andreas hinter Susanne. Andreas reibt sein Gesäß an Susannes Hinterteil. - Dann nicht Löffelstellung oder er reibt sein Gemächt …“

Mein Drehbuchautor antwortete noch knapper mit „gut …“

Ich spürte förmlich, dass er auf ein anerkennendes Statement warten würde, dass ich ihm Lob preisen sollte für seine grandiose Leistung. Na ja, was sollte ich sagen? „Eigentlich unglaublich, dass man mit so einem Schmarrn so viel Geld verdient, dass man sich wochenlang die Miete für eine Villa an der Côte d’Azur leisten kann!“, wollte ich dann aus reiner Höflichkeit nicht schreiben, also probierte ich es um 21.10 Uhr mit: „OK, er will in den Swinger Club, sie offenbar nicht. Sagt aus Liebe oder aus Angst ihn zu verlieren zu ihm, dass sie mitgehen wird. Er lächelt. Er glaubt, gewonnen zu haben …“

Mein begnadeter Autor antwortete um 21.11 Uhr mit „ja“.

Ganz schön zäh, die Konversation, also kam um 21.12 Uhr von mir: „Alles klar ;) Er wird sie am Ende verlieren, oder?“

Antwort von ihm um 21.12 Uhr: „und zwar wie?“ Ich schrieb um 21.14 Uhr: „Sie wird ihn verlassen. Sie geht mit, aber sie fühlt sich nicht wohl, die Beziehung wird zerbrechen, die Vorstellungen sind zu unterschiedlich.“

Antwort um 21.15 Uhr von der Côte d’Azur: „nein. sie trifft dort jemanden. und er nicht. aber dann kann er nicht nein sagen. weils seine idee war.“ Dann, in einer weiteren Nachricht, war zu lesen: „am i great?“ Na ja, eigentlich nicht wirklich, aber ich wollte halt nicht so sein, also: „Yes, you are.“ Um 21.16 Uhr kam die Bitte: „kannst du mir eine anekdote schildern bei der ihr sex hattet? könnte sie viell. einbaun and yes u re great. i pray to your pussy.“

Jössas na! Und wer könnte diese höfliche Bitte abschlagen, somit fragte ich um 21.38 Uhr genauer nach: „Was brauchst genau?“ Antwort postwendend, in der selben Minute: „1 x best sex. deadline: tomorrow. salary: zungenkuss. take u re time.“

Bah! Der Mann machte mich fertig, frage nicht! Er sitzt wochenlang auf der Terrasse und blickt aufs blaue Meer, und ich soll binnen ein paar Stunden was aus dem Hut zaubern für eine läppische Entlohnung.

Jetzt muss ich sagen, das Schreiben über Sex ist nicht mein bevorzugtes Genre, aber mein Helfersyndrom veranlasste mich um 22.19 Uhr eine erste Antwort-Whatsapp ins Handy zu tippen, sprich ich benötigte keine Wochen des Grübelns am Meer:

„Er, groß, schlank, tätowiert, glatzköpfig, ein Macho wie er im Buche steht, hatte es ihr schon lange angetan. Es war Juli gewesen, sie hatte ein rotes Sommerkleid angezogen, hauteng, kurz, mit Spaghettiträgern, ehe sie aufs Fest gegangen war. An der Theke lehnte er, sie sah in schon vom Weiten. Ein Bier vor sich, an jedem Finger ein silberner Ring, trug einen langen, schwarzen Ledermantel. Sie gesellte sich zu ihm, er lud sie auf ein Bier ein, aus dem schließlich viele Biere wurden ehe Tequila in rauen Mengen floss. Das Fest war vorbei, die Leute gegangen, die Sonne ging gerade auf. Hand in Hand verließen sie das Sommerfest, gingen mitten auf der Straße, landeten auf unerklärliche Weise in ihrem Schlafzimmer. Er küsste sie, wie sie noch nie zuvor geküsst wurde. Voller Leidenschaft rissen sie sich schließlich gegenseitig die Kleidung vom Leib. Sie konnte es kaum erwarten, dass er endlich in sie eindringen werde. Er ließ sich Zeit, steigerte ihre Lust und dann - endlich - als sie glaubte zerplatzen zu müssen, legte er sich endlich auf sie und drang in sie ein. Sie wechselten einige Male die Stellung, ehe er vorschlug, bei ihm weiterzumachen. Sie verließen das Haus, sie zog lediglich das rote Kleid über, ließ BH und Höschen neben dem Bett liegen. Auf der Straße schob er sie plötzlich vor sich und sie hörte das Geräusch des Reißverschlusses seiner Jeans, die er öffnete. Mitten auf der Straße drang er erneut in sie ein und nahm sie von hinten, ehe sie den Weg fortsetzten und schließlich bei ihm, in seinem Bett, landeten.“

Senden. Antwort von ihm um 22.32 Uhr: „caramba!“

22.33 Uhr, weiter im Text: „Sie befriedigten sich gegenseitig zunächst oral, ehe er wieder in sie eindrang. Schließlich lag er auf dem Rücken und zog sie auf sich. Sie wurde immer heftiger, lächelte ihn an, wusste, dass er sie beobachten würde, konnte jedoch nicht aufhören zu grinsen. Vier Stunden waren mittlerweile vergangen. Erschöpft schlief sie schließlich auf seinem Körper liegen ein. Er hatte seine starken Arme um sie gelegt und sie fest an sich gezogen. Am nächsten Tag konnte sie nicht aufhören, dümmlich vor sich hinzugrinsen, auch wusste sie nicht, wie sie sitzen sollte …“

Um 22.33 Uhr die Antwort des gutbezahlten, aber einfallslosen Drehbuchautors: „du solltest ein buch schreiben. weißt du das? im ernst das ist sehr gut. go for it … tales of a(n) (ex)wife.“

Ich antwortete um 22.39 Uhr: „Nicht mein Genre. Fachliteratur ja, Satire ja, aber Leintuchstories? And it was not my ex-husband … Oba er hots g’sehn am nächsten Tag … Klassiker: Frage: „und, wer war besser? Er oder ich?” …

In 14 Minuten am Handy getippt ... Am I great? Yes! Na ja, ich persönlich fand es nicht allzu gelungen, aber er war glücklich damit, also sei es drum. Was tut Frau nicht alles dafür um das Herz des geliebten Mannes zu erfreuen! Irgendwie auch sehr untypisch für einen österreichischen Film, ehe Hollywood-Kitsch, unglaubwürdig!

Ich würde es heute ganz anders schreiben, wirklich österreichisch:

"Sie - Brigitta, mit Spitznamen „Nitti“ aufgrund ihres Hanges zu frischen Schnitten, allerdings die von Manner, - war nach der Geburt ihrer zwei rotznäsigen Kinder gewaltig aus dem Leim gegangen. Sie war nicht besonders glücklich mit ihrem alternden Ehemann, dem schmierigen Magistratsbeamten ohne Ingenieurstitel, wenngleich er sich immer als solcher ansprechen ließ. Von den Schmiergeldern konnte er sich klischeegetreu locker einen 5er BMW leisten, dafür fuhr er mit seiner Frau und den beiden Kindern auf Campingurlaub nach Italien. Nitti hatte im Maßmöbelschlafzimmer von Peter Max ein Schildchen mit der Aufschrift „Betreten der Baustelle verboten“ über ihrem Bett hängen, das sie alle zwei bis drei Monate für zehn Minuten, duschen inklusive, abnahm. Ihre in leuchtenden Neonfarben lackierten Gelnägel wirkten ebenso billig wie ihre aschblonde Kurzhaarfrisur, die Haut war gealtert von den häufigen Solariumbesuchen. Sie jammerte über ihre Hämorrhoiden und ihre Krampfadern, samt den zahlreichen Dehnungsstreifen Überbleibsel der beiden Schwangerschaften. Die Ehe der beiden war bereits als vorbei zu bezeichnen als sie noch nicht einmal geschlossen worden war. Im Aufzug hatte er vor Jahren lapidar gemeint: „Jetzt bist du schwanger, jetzt muss ich dich heiraten.“ - 1. schwerer Fehler. Der zweite, noch schlimmere Fauxpas passierte ihm im Kreissaal nach der Geburt des Kindes, beim Nähen des Dammschnittes, indem er die Hebamme fragte: „Was kostet es mir, wenn Sie zwei, drei Stiche mehr machen?“ Das Ende der Ehe begründete die Tatsache, dass er sie, kurz nachdem sie eine Venenoperation über sich ergehen hatte lassen, mit einem Besuch im Swinger Club überrascht hatte. Und sie stand da, inmitten der swingenden Menschen, mit ockerfarbenen Antithrombosestrümpfen ...“

Das sind die Geschichten, die das Leben schreibt, nicht die erste, völlig unglaubwürdige! Von wegen vier Stunden Sex! Hallo! Also bitte! Wer glaubt denn so etwas?

So, und jetzt zu guter Letzt noch die Kritik an meinen österreichischen Drehbuchautor in Schaffenskrise und Regisseur: „Süßer, du schuldest mir immer noch mein salary!“ :)

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