Tragikomödie in 3 Akten

Uraufführung in Wien Hernals

Erster Akt, erste Szene: Treffen bei Bassena

Mit Lockenwicklern in den stumpfen Haaren, bekleidet mit einer löchrigen, geblümten, ärmellosen Kleiderschürze, die ihren schludrigen Körper betont, gnadenlos die faltige Haut zur Schau stellt, und unter welcher sie eine hautfarbenen, wenig Erotik verbreitende, zirka 40 Jahre alte Kombinege trägt, sich den Schlaf aus den Augen reibend, schlapft sie aus ihrer armseligen Wohnung und betritt den Gang, einen blechernen Eimer in der Hand, um kaltes Wasser zu holen. Sie hat sich bereits ein Gläschen Klaren gegönnt. Die Kinder sind längst davon, lassen sich aus bloßem Pflichtbewusstsein heraus nur mehr an Weihnachten und an Muttertag blicken, ihr Geburtstag ist ihnen längst entfallen. Ihr Herr Gatte, vor Jahrzehnten noch ein stattlicher Mann, jedoch durch die verlebten Jahre mit ihr dem geistigen und körperlichen Untergang geweiht gewesen, ist schließlich gerne und friedlich gestorben und hat sie alleine zurück gelassen mit all ihren Macken, Schrulligkeiten und ihren verstaubten, durch ihre permanente Qualmerei vergilbten Büchern. Die Ehe war keine glückliche gewesen, eine Scheidung war allerdings allein schon aus Prestigegründen nicht in Frage gekommen, auch hätte er sich eine solche nicht leisten können aufgrund seines Hungerlohns. Jahrelang hatten sie schweigend nebeneinander gelebt, jeder mit sich und seinen Sehnsüchten allein gelassen, in der eigenen Gedankenwelt verhaftet, und während er das Glück gehabt hatte, dem stupiden und mühseligen Alltag durch seinen Tod zu entrinnen, war sie mit all ihrer Frustration, Verbitterung und Verhärmtheit, arm wie eine Kirchenmaus, zurück geblieben.

Die Kirchturmuhr schlägt 10 Uhr. Sie hat lange geschlafen. Wie jeden Tag. Und wie jede Nacht hat sie eine Flasche Schnaps geleert und ist schließlich, mit der Kleiderschürze, die sie immer noch an hat, auf dem zerschlissenen, angesifften, mit kackbraunem Stoff überzogenen Diwan eingeschlafen.

Justament im Moment als sie die wenigen Schritte von der Wohnungstür bis zur Bassena zurückgelegt hat, betritt ihre herzhaft gähnende, sich streckende und reckende Nachbarin mit zersaustem Haar, bloßfüßig, bekleidet mit einem hellblauen Nachthemd, das an ihrem klapperdürren Körper hängt wie ein Sack, den beigefarben, mit rot-grünem Blumenmuster verzierten, kalten, gekachelten Gang. Sie ist wesentlich jünger als ihre ausgemergelte Nachbarin, gut drei Jahrzehnte trennen die beiden. Die Junge lebt ebenso allein in der kalten, miefigen, aus Zimmer, Küche, Kabinett bestehenden Altbauwohnung mit einer Raumhöhe von 3,6 m im 2. Stock des heruntergekommenden Hauses mit abbröckelnder Fassade. In der Hand hat sie den Schlüssel für die auf dem Gang befindliche Toilette, die sich die drei Parteien im 2. Stock teilen. Die junge Frau mit den ungepflegten Haaren und den abgebissenen Fingernägeln, deren Unterarme zahlreiche Narben von selbst zugefügten Verletzungen zieren, konnte sich bisher noch keine Klarheit darüber verschaffen, ob sie hetero-, homo-, bi- oder gar asexuell ist. Im Grunde genommen ist sie eine arme Seele, wenngleich eine schwer gestörte Persönlichkeit, die ihrer alten Nachbarin in Punkto Verbitterung in nichts nachsteht.

Die Alte fingert aus der Tasche ihrer Kleiderschürze eine Packung Kippen, raucht sich gierig eine Zigarette an und inhaliert hastig den Rauch, hustet und befördert Sputum aus den Tiefen ihrer Lungen, das sie wieder hinunterwürgt, während die Junge die Toilette benutzt und das plätschernde Geräusch des Abgehens des Morgenharns durch die geschlossene Tür auf den Gang dringt.

Die nächste Wohnungstür, von der der hellbraune Lack absplittert, öffnet sich und eine, alles andere als dezent geschminkte, alternde, leicht überwuzelte Aufgetackelte in hellgelber Rüscherlbluse und schwarzem Faltenrock bekleidet, betritt den Gang. Auch ihre Kinder sind, wie die der Alten, längst flüge geworden, ihr Mann jedoch ist, trotz der seiner Ehefrau anhaftenden Dummheit, die ihn seit Jahren anwidert, aus reiner Bequemlichkeit noch nicht gestorben und aus finanziellen Gründen geblieben, wenngleich nicht treu, denn seine düsteren Gedanken und seinen Frust vertreibt ihm seine junge Assistentin, die ihm zwei- bis dreimal in der Woche in der Mittagspause, unter dem Schreibtisch auf dem Boden sitzend, einen bläst, was das berechnende Luder selbstverständlich nicht völlig selbstlos macht, sondern sie sich derart ihren Traum eines 911er-Porsches, den er bezahlte, erfüllt hat und momentan auf eine kleine Eigentumswohnung hinarbeitet, denn auch wenn er keine Schönheit ist, ihr Chef, so ist er wenigstens nicht gänzlich unbetucht und die Verschwiegenheit der Geliebten will bezahlt werden. Das fehlende Etat zwackt er kurzerhand seiner Frau Gemahlin ab, die dementsprechend nicht beim Adlmüller, sondern nur beim Fürnkranz einkaufen gehen darf und nicht zum Strassl oder zum Bundy, sondern lediglich jeden Freitag Vormittag zum alten Franz Mayer zum Waschen, Legen und Fönen gehen kann.

"Guten Morgen, Frau Hängeblatt!", grüßt die Alte, die den Blecheimer mittlerweile auf dem Boden abgestellt und den Zigarettenstummel hineingeworfen hat und sich bereits die nächste Zigarette anraucht. Die Junge ist mittlerweile vom Lokus herunter und steckt den Kopf zur Häusltür raus. "Muss noch wer?" Die beiden anderen verneinen. "Haben Sie gut geschlafen?", richtet Frau Hängeblatt das Wort an die Alte. "Nein", entgegnet die, "ich habe die halbe Nacht versucht, den Codex Hammurapi in die malaiische Sprache zu transkripieren!" Frau Hängeblatt begeistert sich. "Hammurapi! Das kenne ich. Das habe ich mir 1964 mit meinem Mann im Felsentheater Fertörákos angeschaut. Tolle Kostüme." Die Junge fährt sich durch die wirren Haare, bittet die Alte um eine Zigarette und raucht sich ebenfalls eine an. "Übrigens, erst vorgestern haben mein Mann und ich uns die 'Lustige Witwe' im Raimund Theater angeschaut", erzählt Frau Hängeblatt freudestrahlend. "Ich bin froh, dass mein Mann tot ist!", entgegnet die Alte lakonisch, während sie den Zigarettenstummel fallen lässt, der neben dem Eimer auf den Fliesen landet. "Jetzt habe ich endlich Zeit meinen Interessen nachzugehen, seit der senile Jubelgreis das Zeitige geseget hat! Und die Beine muss ich auch nicht mehr breit machen für den perversen Drecksack. Gott hab ihn selig." "Ja, und davon haben Sie ja so viele, Interessen meine ich!", bringt sich die Junge ins Gespräch ein. "Ich bewundere Sie für Ihr umfangreiches Wissen! Ich wäre auch gern so klug wie Sie." "Na ja", erklärt die Alte mit einer wegwerfenden Handbewegung, "ich habe ja sonst nichts zu tun. Demnächst werde ich mich mit den hypothetischen Erdgöttinnen in ur- und frühgeschichtlichen Kulturen beschäftigen." "Das klingt außerordentlich spannend", trägt Frau Hängeblatt zum Gespräch bei. "Lebten die von Ihnen erwähnten Erdgöttinnen nicht in Papua-Neuguinea? Ich habe vergangene Woche beim Friseur in der 'Frau im Spiegel' etwas über Rundreisen gelesen. Es soll dort sehr viel regnen", kommt von Frau Hängeblatt noch, bevor sie erklärt, sie müsse sich allerdings nunmehr schleunigst zum Markt aufmachen um Blaubeeren zu kaufen, da sie für ihren Herrn Gemahl einen Kuchen backen wolle. "Er ist immer so hungrig, wenn er abends von seinem anstrengenden Tag nach Hause kommt, der Fleißige."

Nachdem Frau Hängeblatt ihr Handtäschchen aus der Wohnung geholt hat, das Sicherheitsschloss zugesperrt und drei Mal kontrolliert hat, ob die Wohnungstür auch wirklich verschlossen ist, da sie etwas ängstlich ist, und die steinerne Treppe hinunter gegangen ist, sagt die Junge zur Alten: "Es ist furchtbar mitanzusehen, wie die Hängeblatt ihren schleimigen Mann anbetet. Vermutlich pempert er seine Angestellte, der weiße alte Sack. Das würde ich nie, zu Kreuze kriechen. Vor Männern graust mir sowieso." "Wenn Sie sich mit Männern beschäftigen wollen, dann empfehle ich Ihnen sich mit Jürgen Habermas auseinanderzusetzen, mit Jacques Derrida, Antonio Gramsci, Jean Baudrillad, mit Gilles Deleuze. Allerdings sind mir Frauen auch lieber. Wie wäre es mit Simone de Beauvoir? Ich suche Ihnen ein paar Bücher raus, muss jetzt ohnehin zurück in meine Wohnung gehen. Wasser hole ich später, denn ob ich mich heute wasche oder morgen, ist völlig egal. Auf mich wartet der Rottweiler."

Die Alte bückt sich, hebt den Eimer auf, geht in ihre Wohnung zurück und nimmt, bevor sie die Tür schließt, einen großes Schluck aus der Schnapsflasche, die auf der schmuddeligen, verstaubten Kommode, die neben der zerkratzten Holztür mit den Buntglasscheiben, wovon eine eingeschlagen ist, steht. Ein Furz kommt ihr aus. Es kümmert sie nicht weiter. Die Junge schaut ihr ehrfürchtig nach, kann sich nicht entschließen, in ihre eigene Wohnung zurückzugehen. Sie bleibt reglos und andächtig stehen, schaut minutenlang auf die Türe, die die Alte zwischenzeitig ins Schloss fallen hat lassen. Ja, so wie sie, wir ihr großes Vorbild, so möchte sie auch sein. Wenn sie an ihre Nachbarin denkt, abends, wenn sie alleine im Bett liegt, wird ihr nicht nur warm ums Herz. Es ist mehr als Bewunderung, es ist ... Liebe.

Die Handlung des ersten Aktes des Stückes "Die angestrudelten Weiber von Wien" ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Der hat doch einen an der Klatsche!

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Markus Andel

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Manfred Breitenberger

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