Tragikomödie in 3 Akten

Uraufführung in Wien Hernals

Erster Akt, zweite Szene: Der Monolog

Die Alte steht minutenlang unentschlossen im Vorzimmer. Schaut sich um. Die gekalkten Wände sind gelblich verfärbt, zeigen feine wie auch gröbere dunkle Risse. Schwarze, durch den Jahrzehnte alten Staub schwer gewordene Spinnweben hängen in den Zimmerecken, dunkle Fäden ziehen sich quer über die Zimmerdecke, in den Netzen sitzen dicke, haarige, schwarze Spinnen, die mit ihren kleinen kalten Augen auf die Alte hinab blicken.

Ein Maler, ein tschechernder Tscheche, hatte vor etlichen Jahren die weißen Wände mit einer Walze verziert, Bahn um Bahn hatte er das Muster aufgerollt, das mittlerweile verblast ist und nur mehr erahnen lässt, dass es sich einst um hellgrüne Blumen gehandelt hat. Für einen Luster hatte das Geld nie gereicht, stattdessen hängt in der Mitte des Zimmers eine nur wenig Licht gebende Glühbirne traurig in einer gräulichen Keramikfassung. Auf den kalten Steinboden hatte die Alte vor Jahren billiges, beigefarbenes Linoleum gelegt, lieblos und ungenau zugeschnitten. Die Liebe zum Detail hat ihr stets gefehlt, für Ästhetik hatte sie nie etwas übrig gehabt. Schludrig wir ihre Wohnung, so auch ihr von Motten angefressenes, nach Naphtalin riechendes Gewand und ihre äußere Erscheinung. In der kleinen Küche mit einer Größe von zirka 1,5 m Breite x 3 m Länge, die vom Vorzimmer aus begangen wird und die, wie der Vorraum, kein Fenster hat, stapelt sich auf der weiß lackieren Kredenz mit kirschroten Plastikgriffen schmutziges Geschirr mit eingetrockneten, orangefarbenen Essensresten. Erdäpfelgulasch ist ihr Leibgericht. Von der Decke baumeln zwei kaum mehr klebrige Fliegenfänger, an denen Generationen von verendeten Schmeißfliegen und Mücken picken.

Von der Küche gelangt man ins Wohnzimmer, wo einige staubige, an den Ecken abgeschlagene und zerkratzte, schwere dunkelbraune Holzmöbel stehen, welche die dunkle Wohnung noch düsterer erscheinen lassen als sie es ohnehin schon ist. Vor den zwei, seit gut zwanzig Jahren ungeputzten, Fenstern hängen vergilbte, ehemals weiße, Gardinen mit Blumenmuster und Rüschen, die schweren, dunkelbraunen Chenille-Seitenteile passen zum Charakter der ungelüfteten, miefigen Altbauwohnung mit den hohen, kahlen Räumen und dem kackbraunen, abgewetzten Diwan.

Nach schier endloser Zeit hat sich die Alte ins Wohnzimmer begeben. Sie kommt vor einer an einen Altar erinnernden Kommode, auf der gehäckelte Spitzendeckerln liegen und auf welcher brennende Grabkerzen stehen, zum Stehen. Ihr Blick fällt auf das Bild im kostbaren, verzierten, vergoldeten Rahmen, das in Augenhöhe an der ehemals weiß getünchten, nunmehr fleckigen, vom Zigarettenrauch gelb verfärbten Wand hängt. Der einzige Gegenstand in der Wohnung, der nicht staubig oder abgesandet wirkt, ist dieses Bild. Sie schaut dem Mann mit akuratem Haarschnitt, welchen das Bild zeigt, und der ein weißes Hemd mit hellbrauner Krawatte und einen farblich abgestimmten Trenchcoat trägt, einige Minuten lang in die Augen ehe sie murmelt: "Das waren noch Zeiten, als du noch am Leben warst! Schön war es damals!"

Sie kramt mit ihrer Hand in der Kleiderschürze, die sie seit Tagen trägt, zieht ihr Päckchen Zigaretten heraus, muss jedoch feststellen, dass sie es bereits leer geraucht hat. Liebevoll streicht sie über den Rahmen des Bildes, bevor sie den Blick abwendet, auf dem Absatz kehrt macht, um aus der Küche ein neues Päckchen Zigaretten, eine unangebrochene Flasche Schnaps sowie einen weißen Porzellankaffeebecher mit abgebrochenem Henkel und verblichenem Goldrand zu holen, welchen sie mit Schnaps füllt, ehe sie Zigaretten, Flasche und Häferl auf der Kommode abstellt. Wieder schaut sie dem Mann auf dem Bild minutenlang tief in die dunklen, stechenden Augen. Abrupt wendet sie sich ab, durchschreitet das Wohnzimmer und zieht einen in die Jahre gekommenen Ohrensessel, der in der gegebenüberliegende Ecke des Zimmers steht, quer durch den Raum und plaziert diesen vor der Kommode. Danach lässt sie sich ungelenk, in einer Hand den mit Schnaps gefüllten Becher, in der anderen eine bereits brennende Zigarette, in den Sessel plumpsen.

"Weißt du", beginnt sie dem Mann auf dem Foto zu erzählen, "ich habe dir nie verziehen, dass du mir das Mutterkreuz nicht verliehen hast. Es war nicht meine Schuld, dass ich keine Kinder mehr bekommen konnte nachdem ich es damals wegmachen habe lassen. Ich hätte es nicht bekommen können. Die Nachbarn hätten geredet, mich Flitscherl geheißen. Du weißt ja, wie die Leute sind. Der Alte an der Front, ich allein mit den zwei kleinen Mentschern und einen Braten in der Röhre. Von einem Tschechen. Diese Dilettantin war schuld! Mit ihren glühend heißen Stricknadeln. Ich weiß, du warst immer gegen Abtreibung. Aber ich habe es niemals bereut. Und der Alte hat nie etwas davon erfahren, bis zu seinem Tod nicht. Gott hab ihn selig. Ich war dir immer eine treue Dienerin. Habe keine deiner Entscheidungen angezweifelt, bin treu zu dir gestanden, bis heute! Die Endlösung in der Judenfrage hast du nicht konsequent genug durchgezogen, das musst du dir schon von mir sagen lassen. Du hast viel zu viele übrig gelassen. Sie haben sich quer über die Welt verteilt, sind in die Nachbarländer und nach Übersee emigriert, wo sie sich weiter vermehrt haben wie die Karnickel, dieses Dreckspack. Du hättest bereits bei der ersten Auswanderungswelle von 33 bis 35 härter durchgreifen müssen, noch mehr antijüdischen Terror machen. Die Nürnberger-Gesetze, ja, die sind dir damals schon gelungen!" Sie nickt dem Bild anerkennend zu und redet weiter. "Ich komme da später noch darauf zurück. Aber bei den organisatorischen Netzwerken, bei den Zionisten, nein, da hast du nicht gut genug aufgepasst. Sie konnten ihren Anhängern zur Flucht verhelfen. Du hättest ihnen ein Untertauchen im Untergrund bis zur Flucht und das Besorgen von falschen Papiere nicht so ohne Weiteres ermöglichen dürfen. Diese dreckigen Zionisten, die die jüdischen Kinder von England nach Palästina verschifft haben! 10.000 damals! Als Kindertransport!" Sie hält kurz inne, schüttelt den Kopf und fährt fort. "Gut, das haben dann die Briten ohnehin nahezu unterbunden, aber die Verschickungen nach England, Holland und Dänemark gingen weiter. Du hättest wissen müssen, dass die Familien zusammen halten und dass die ihre Kinder notfalls alleine zu Verwandten ins Ausland schicken. Nein, da warst du nicht aufmerksam genug, zu wenig konsequent."

Sie schüttelt erneut den Kopf, nimmt einen großen Schluck Schnaps, wirft den Zigarettenstummel der längst verrauchten Zigarette, den sie immer noch in der Hand hält, achtlos auf den Boden und raucht sich eine neue an, bevor sie weiter redet:

"Ach, Adolf, ich habe dein Vorgehen nicht immer ganz verstanden. Deine Widersprüchlichkeiten. Versteh mich nicht falsch, ich kritisiere dich nicht. Du weißt, du warst der einzige Mann in meinem Leben, den ich jemals wirklich geliebt habe. Bedingungslos geliebt. Und ja, ich weiß, du hasst Gefühlsduselei. Ich höre schon auf damit. Bei der Auswanderung der Juden hast du wirklich geschludert, das muss ich betonen. Einerseits hast du sie gebremst, aber andererseits hast du forciert, dass sie gehen. Bis zu den Nürnberger Gesetzen hattest du überhaupt keine klare Konzeption. Und dann hast du sie mit dem Ausschluss aus der Wirtschaft und der Gesellschaft zur Auswanderung getrieben, anstatt gleich Ultima Ratio zu machen. Gut, die Gestapo hat Druck ausgeübt, aber viel zu wenig. Und mit deinen Abgaben, deiner Reichsfluchtssteuer, hast du es den reichen Juden ermöglicht legal auszuwandern, anstatt sie gleich zu vernichten. Die sind dann schließlich übrig geblieben. Die Wohlhabenden. Nein, damit hast du der Nachwelt keinen Gefallen getan. Diesen Vorwurf muss ich dir jetzt schon machen! Mitleid hat es erregt, das arme, gequälte, jüdische Volk, weltweit. Das hättest du dir wirklich sparen können. Dein Plan, den Antisemetismus zu exportieren, ist nie aufgegangen. Du hättest sie gleich alle verhaften und ins KZ bringen lassen sollen!"

Erneut nimmt die Alte einen großen Schluck Schnaps aus ihrem schäbigen Goldrandhäferl, steht kurz auf, um sich am Hintern zu kratzen, lässt sich wieder in den speckigen Ohrensessel fallen, riecht an ihrer Hand und verzieht kurz das Gesicht, ehe sie ihren Monolog wieder aufnimmt:

"An die Reichpogromnacht erinnere ich mich gern, als du die Synagogen niederbrennen hast lassen, die Geschäfte demolieren und die Wohnungen zertrümern. Ja, das war ein Spektakel, als die SS und die SA gewütet hat. So etwas gibt es heute leider nicht mehr. Die Sühneabgabe der deutschen Juden war übrigens ein Geniestreich von dir. So sind wenigstens ein paar hunderttausend Reichsmark in die marode Staatskasse gekommen. Hast du die geplante Milliarde jemals geschafft? Ich weiß es nicht. Andererseits hättest du sie aber auch gleich enteignen können und das Vermögen beschlagnahmen. Warum dir das erst später eingefallen ist, habe ich nie kapiert. Ich sage dir ja, an Konsequenz hat es dir stets ein wenig gefehlt. Dein Ausreiseverbot ist dir viel zu spät eingefallen. 1941 war das schließlich. Die geplante Vernichtung des Judentums mit der Endlösung. Bis dahin sind dir viele entwischt, zu viele. Und auch dann sind dir wieder gravierende Fehler passiert. Du hast sie über die Pyrenäen nach Spanien, Portugal und nach Übersee entkommen lassen, andere wieder in die Schweiz oder nach Schweden. Aber gut, es gelang nicht allen die Flucht und nur wenige konnten in ihren Verstecken überleben. Adolf, ich sage dir, wir haben getrauert, wir haben gelitten. Und wir leiden heute noch. Wenn ich gefragt werde, wie ich zu dir stehe, dann verleugne ich dich. Das würde heute niemand mehr verstehen. Und natürlich sage ich, dass mir die toten Juden leid tun. Den Teufel werde ich zugeben, dass ich dieses Dreckspack von Juden hasse. Ich rede ohnehin nicht mit vielen Menschen. Du weißt ja, dass ich die Wohnung nur verlasse, wenn ich Zigaretten oder Schnaps brauche. Oder ein paar Lebensmittel. Ich brauche nicht viel. Mit der Kleinen von nebenan habe ich Großes vor. Ich denke, sie ist auf unserer Seite. Aber jetzt genug davon. Ein anderes Mal mehr. Ich bin müde, werde ein Mittagsschlaferl machen. Wir sehen uns später wieder."

Die Alte erhebt sich aus ihrem Ohrensessel, trinkt die Kaffeetasse mit dem letzten Schluck Schnaps leer, stellt diese auf die verstaubte Kommode, streicht sanft über das Gesicht des Führers auf dem Bild, macht einen Blick auf die Tür zum Kabinett, überlegt es sich jedoch anders und schlapft kurzerhand die wenigen Schritte hinüber zum kackbraunen Diwan, auf dem sie sich in Embroynalstellung zusammenkauert und sich die, aufgrund ihrer leichten Inkontinenz, nach Urin riechende, gehäckelte Patchworkdecke über den Körper zieht. Kurz denkt sie an zu masturbieren, lässt den Gedanken aber fallen und schläft nach wenigen Minuten ein.

Die Handlung des ersten Aktes, zweite Szene, des Stückes "Die angestrudelten Weiber von Wien" ist, ebenso wie die der ersten Szene, fiktiv und frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Die Autorin distanziert sich klar und nachdrücklich von jeglichem NS-Gedankengut. Der Blog stellt den Versuch dar, sich in die Gedankenwelt einer ewiggestrigen Nazistin zu versetzen und sich auszumalen, wie eine aufrechte und ehrliche Antisemitin denkt.

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