Tragikomödie in 3 Akten

Uraufführung in Wien Hernals

Erster Akt, dritte Szene: Stumme Schreie

Die Junge geht, immer noch im Nachthemd und bloßfüßig, innerlich aufgewühlt, in ihrer minimalistisch, jedoch moderner als jene ihrer alten Nachbarin eingerichteten Wohnung auf und ab, kommt nicht zur Ruhe. Der kleine, quadratische Esstisch auf Stelzenbeinen, mit der türkisfarbenen Hochglanztischplatte und der schmalen, braunen Tischlade, bildet den Mittelpunkt des Wohnzimmers. Drei schwarz lackierte Stahlrohrsessel mit knatschgelber Spaghetti-Plastikbespannung und teilweise absplitterndem Lack an den Stuhlbeinen - an sich Gartenmöbel aus der DDR - sind rund um den kleinen Esstisch gestellt. An einer Wand steht ein dreifärbig - weiß, gelb, braun - lackierter, ca. 1,5 m breiter Spannplattenschrank, bestehend aus Unterschrank mit zwei Laden, Oberschrank und mittiger Schreibtischklappe und Bord. Weitere Möbel finden sich im Wohnzimmer nicht. Sie besitzt nicht viel, ist im Alter von 17 Jahren aus ihrem Heimatort, einer Dreihundertseelengemeinde in der Steiermark, nach Wien geflüchtet, um den sexuellen Übergriffen ihres Großvaters, die begonnen hatten als sie acht Jahre alt war, zu entkommen. Ihren Lebensunterhalt - die paar hundert Schilling, die sie im Monat für die billige Miete und Essen braucht - verdient sie sich durch gelegentliche Prostitution.

Sie setzt sich kurz an den Esstisch, steht jedoch alsbald, von innerer Unruhe getrieben, wieder auf, um ihr Ohr zum gefühlt zweihundertsten Mal an die Wand zur Nachbarwohnung zu legen. Sie hört undeutlich die gedämpfte Stimme der Alten, versteht allerdings nicht, was diese sagt. Es scheint ihr niemand zu antworten. Besucher hat die Junge jedenfalls keinen zu ihrer heimlich angebeteten Nachbarin kommen gehört, geschweige denn hat sie jemanden gesehen. Die Alte bekommt nicht oft Besuch. Zweimal im Jahr, am zweiten Weihnachtstag und zum Muttertag, kommen ihre erwachsenen Töchter, deren Vornamen die Junge nicht kennt. Die beiden Frauen im mittleren Alter, die stets ohne männliche Begleitung zu Besuch kommen, bleiben jedoch nie lange. Gelegentlich kommt ein wacklig auf den Beinen seiender und mit dick wie Aschenbecher seienden Gläsern in den riesigen Brillen, welche das halbe Gesicht bedecken, ausgestatteter, grauhaariger Tattergreis mit fettigem Haar - dem Akzent nach möglicherweise Tiroler - der sich jedes Mal mühselig in den 2. Stock zur Wohnung der Alten hochschleppt, während er sich zittrig am glatten Holzgeländer aus Eiche, das die gußeisernen Zierstäbe mit dem Wiener Wappen - dem Adler mit Brustschild - abschließt, anhält, um nicht rücklings die, durch den jahrelangen Gebrauch glatt gewordene, gewundene Steintreppe hinunter zu fallen. Im 1. Stock pflegt er immer, keuchend und nach Luft ringend, eine kleine Pause einzulegen, ehe er den für ihn sichtbar beschwerlichen Weg zur Wohnung der Alten fortsetzen kann. Sommer wie Winter trägt er ein gestärktes weißes Langarmhemd und darüber einen bunten, handgestrickten Pullunder, dazu eine graue Bundfaltenhose, die ihn dicker erscheinen lässt, als er tatsächlich ist.

Die seltenen, aber einige Tage andauernden Besuche des Pullundertragenden stellen die Junge jedes Mal aufs Neue auf eine Härteprobe. Rasend vor Eifersucht, blind vor Wut, dreht sie unruhige Runden in ihrer Wohnung, lauscht an der Wand und ärgert sich maßloß, dass sie die Inhalte der Gespräche, die die beiden führen, durch die dicke Ziegelmauer, die die aneinandergrenzenden Wohnungen trennt, nicht hören kann. Sie fühlt sich betrogen, einsam, ausgeschlossen, abgeschoben, wie eine Puppe, die achtlos in eine Ecke gepfeffert wurde, weil in diesem Moment etwas anderes interessanter und wichtiger ist. Sie hockt dann, ein Häuflein Elend, in einer Zimmerecke, beide Unterarme auf den auf die Brust gesunkenen Kopf gelegt. Das dunkelbraune, über die Schultern reichende, leicht gelockte, widerspenstige Haar fällt ihr ins Gesicht, aus ihre Kehle kommen erstickte Laute, die an ein verwundetes Tier erinnern. Sie stiert mit starrem Blick auf einen imaginären Punkt, weint ohne Tränen. Stellt sich vor, wie die beiden Alten nächtens nackt miteinander im, im Kabinett stehenden, Ehebett mit der orangefarbenen Tagesdecke liegen, über dem ein Öldruckheiligenbild im Handtuchformat hängt, das eine festlich gekleidete Madonna mit engelhafter Kindgestalt und fünf weißen Tauben zeigt. Sie sieht vor dem inneren Auge, wie sich die beiden mit trockenen Lippen küssen, der alte Lustgreis gierig die schlaffen Brüste ihrer Nachbarin befingert, sich die faltigen, ausgemergelten Körper aneinander reiben, sie seinen verrunzelten, halb erigierten Penis massiert, der zum Eindringen nicht steif genug ist. Sie riecht förmlich den Schweiß der beiden Alten, hört ihr Stöhnen. Von ihren bildhaften Vorstellungen überwältigt steigt ihre innere Spannung ins Unermessliche. Sie trommelt sich mit beiden Handgelenken gegen die Schläfen, spürt ihren Körper nicht, fühlt sich innerlich leer, dumpf, taub. Wie tot! Bis sie zur Rasierklinge greift ...

Sie schneidet sich die Innenseite ihrer Unterarme blutig. Immer und immer wieder zieht sie die scharfe Rasierklinge über ihre Haut, schneidet tief ins Gewebe. Das warme Blut tropft auf den Boden, sie spürt den Schmerz und weiß in diesem Moment, dass sie am Leben ist. Der Schmerz tut gut. Und sie weiß, sie hat ihn verdient.

Die vormittagliche Begegnung mit der alten Nachbarin bei der Bassena hat die Junge unter Druck gebracht. Zwei Stunden sind seither vergangen, die innere Spannung hat sich kontinuierlich zugespitzt. Sie zieht die, sich unter dem Esstisch befindliche, kleine Lade auf und entnimmt ihr einen Stapel kleinformatige Schwarzweißfotografien, setzt sich mit diesen in der Zimmerecke auf den Fußboden und blättert vor und zurück, betrachtet ein Foto minutenlang, während sie ein anderes schnell nach hinten reiht. Die Fotos zeigen alle das gleiche Motiv: ein schlankes, langhaariges, etwa zehnjähriges Mädchen mit feinen Gesichtszügen, das bloßfüßig, zum Teil in Unterhose, zum Teil nackt, auf einem dunklen Steinboden steht oder auf einem - scheinbar für die Aufnahmen dort positionierten Sessel, der an diesem kahlen, kalt wirkenden Ort völlig deplaziert wirkt - sitzt. Bei den Räumlichkeiten handelt es sich um einen Keller.

Niemand sonst außer der jungen Frau und ihrem Großvater, der seinerzeit hinter der Kamera stand und Regieanweisungen gab, wie sich das kleine Mädchen hinzustellen oder auf den Sessel zu setzen habe, wissen von den Übergriffen, denen das Mädchen über viele Jahre ausgesetzt war. Niemals hat sie sich jemandem anvertraut, aus Scham, aus Angst und aus Liebe - ja, aus Liebe! - hat sie geschwiegen. Bis heute. Es begann mit harmlosen, wie zufällig wirkenden Berührungen zwischen den Beinen als sie 8 Jahre alt war. Der Großvater, der seit dem Tod der Großmutter im gemeinsamen Haushalt mit ihr, ihren Eltern und ihren drei jüngeren Brüdern lebte, verlangte, dass sie sich auf seinen Schoß setzen solle. Hernach pflegte er sie beidseits an den Hüften zu packen und ihren leichten Körper vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück zu schieben. Der mit der Erinnerung an die Geschehnisse verbundene Schmerz übermannt sie. Wie Puzzelstücke plumpsen die Bilder des Erlebten, eines nach dem anderen, in ihr Gedächtnis. Sie sieht den Großvater über sich, im Bett des Kinderzimmers, wie er schwitzend und stöhnend rhythmische Bewegungen vollführt, spürt den gleichen Schmerz, den sie seinerzeit empfunden hat als er das erste Mal in sie eingedrungen war, auch jetzt, in diesem Moment, körperlich. Damals war sie 11. Mit fünfzehn, drei Monate vor ihrem 16. Geburtstag, war ihre Periode ausgeblieben. Der Großvater hatte sie nach Leibnitz zu einem Arzt gebracht, als er bemerkt hatte, dass sie nicht mehr regelmäßig blutete. Den Eltern hatte er erzählt, er würde den Jahrmarkt besuchen und die Kleine mitnehmen, damit sie einmal rauskommen würde, aus dem Dorf und dem alltäglichen Trott. Seit der stattgefundenen Abtreibung hatte er sie nie wieder berührt, war nie mehr ins Kinderzimmer gekommen, in der Nacht, während alle anderen Familienmitglieder im tiefen Schlaf lagen. Und zu jener Zeit hatte sie auch den Plan gefasst, ehebaldigst von zu Hause wegzugehen. Mit siebzehn Jahren hatte sie sich kurzerhand in den Zug gesetzt, nachdem sie ein paar wenige Habseligkeiten zusammengerafft hatte, und war nach Wien gekommen. Seitdem ist sie nie wieder zurück gekehrt.

Nachdem sie die Fotos eingehend betrachtet hat, kann sie dem Impuls sich zu verletzen nicht mehr nachgeben, zu drängend ist er. Sie steht auf, holt eine Rasierklinge, stellt sich neben den Esstisch, schiebt das Nachthemd in die Höhe, hinauf bis zum Bauchnabel, spreizt die Beine leicht und mit der linken Hand ihre Vulva. Dann schneidet sie mit der Rasierklinge tief in die linke äußere Schamlippe. Das Blut rinnt in mehreren Bahnen an ihrem Oberschenkel entlang hinunter, über das Knie, über die Wade und tropft schließlich auf den Fußboden. Sie empfindet den Schmerz als entlastend, als Befreiung. Und sie lacht hysterisch, bis ihr die Tränen über ihr Gesicht laufen.

Nachdem sie ein schmuddeliges Handtuch auf ihren Genitalbereich gedrückt und die Blutung zum Stillstand gebracht hat, entledigt sie sich des Nachthemds, das sie achtlos auf den Fußboden wirft, zieht ein Oberteil und eine dunkle Hose an, schnappt sich ihre kleine Handtasche, verläßt ohne Unterwäsche und bloßfüßig die Wohnung und geht zu Fuß ins Tröpferlbad, das sich in der Gschwandnergasse befindet, in Mitten von Hernals, dessen Geruch ihr nicht behagt, dessen Dunst, eine Mischung aus Seifenduft und Schweiß, sie anekelt. Sie hasst es, sich vor fremden Leuten nackt ausziehen zu müssen. Alles im Tröpferlbad ist ihr zuwider. Und sie zieht sich aus und sie duscht stundenlang, um den Dreck, die Erinnerungen und den unermeßlichen Schmerz von sich abzuwaschen.

Die Handlung des ersten Aktes, dritte Szene, des Stückes "Die angestrudelten Weiber von Wien" ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Erster Akt, erste Szene

Erster Akt, zweite Szene

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Der hat doch einen an der Klatsche!

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CK13

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philip.blake

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Markus Andel

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