Über die »Verlogenheit in der Sozialdemokratie« oder »eine der widerwärtigsten Formen des Umgangs mit der Geschichte«

Julius Tandler, geb. 1869 in Iglau/Mähren, † 25. in Moskau, war ein österreichischer Anatom und sozialpolitisch tätiger Mediziner – ab 1910 Universitätsprofessor in Wien, 1920 bis 1933 sozialdemokratischer Stadtrat für Wohlfahrtsangelegenheiten und ideologischer Wegbereiter der NS-Massenvernichtung von sogenanntem „lebensunwerten Leben“.

Tandler vertrat in einem im Februar 1923 gehaltenen und in der Wiener Medizinischen Wochenschau vom 19. Jänner 1924, Nr. 4-6, S. 17 abgedruckten Vortrag („Ehe und Bevölkerungspolitik“) die Forderung nach der „Vernichtung lebensunwerten bzw. Sterilisierung von Leben/s“.

„Welchen Aufwand übrigens die Staaten für völlig lebensunwertes Leben leisten müssen, ist zum Beispiel daraus zu ersehen, daß [sic!] die 30.000 Vollidioten Deutschlands diesem Staat zwei Milliarden Friedensmark kosten. Bei der Kenntnis solcher Zahlen gewinnt das Problem der Vernichtung lebensunwerten Lebens an Aktualität und Bedeutung. Gewiß [sic!], es sind ethische, es sind humanitäre oder fälschlich humanitäre Gründe, welche dagegen sprechen, aber schließlich und endlich wird auch die Idee, daß [sic!] man lebensunwertes Leben opfern müsse, um lebenswertes zu erhalten, immer mehr und mehr ins Volksbewußtsein [sic!] dringen.“

Überdies war Tandler ein großer Theoretiker der „Aufzuchtsoptimierung als Hauptgewicht sozialer Bevölkerungspolitik“. Perfektioniert umgesetzt wurden seine Ideen in der NS-Euthanasieanstalt Schloss Hartheim bei Linz, Oberösterreich.

- Seinen Thesen wurden in Wien 9, Alsergrund, durch Umbenennung von Althanplatz in „Julius-Tandler-Platz“ sowie durch die Herausgabe einer Julius-Tandler-Briefmarke zum 50. Todestag des „Euthanasie“-Stadtrats durch die Österreichisches Post im Jahr 1986) ehrend gedacht.

- Die Urne mit seiner Asche wurde 1950 (gemeinsam mit Danneberg und Breitner) in einer ehrenhalber gewidmeten Grabstelle der Stadt Wien beigesetzt.

- Seit 1960 wird die Professor-Dr.-Julius-Tandler-Medaille der Stadt Wien an Personen verliehen, die sich auf sozialem Gebiet Verdienste erworben haben.

Tandlers Ansätze im Bereich der Bevölkerungspolitik werden heute kritisch gesehen, weisen sie ihn doch als einen typischen Vertreter der frühen sozialistischen Eugenik aus.

Besonders perfide muten die Julius Tandler von der Stadt Wien gestifteten und im August 1946 links und rechts vom Eingang an der Fassade des Gebäudes der ehemaligen Kinderübernahmestelle in Wien 9, Lustkandlgasse 50, heute das Julius-Tandler-Familienzentrum, angebrachten zwei Stück Gedenktafeln mit den Inschriften „Stadtrat Professor Dr. Julius Tandler, 1869 – 1936, Schöpfer dieser Anstalt“ (rechts) und „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder" (links vom Eingang) an – ein Kulturgut der ganz besonderen Art vor allem auch im Hinblick auf das dunkle Kapitel der Wiener Jugendwohlfahrt mit Gewalt- und Missbrauchsvorwürfen in Heimen der Stadt Wien!

Eine selten zu findende Geschmacklosigkeit leistete sich Wolfgang Neugebauer, Leiter des, von der SPÖ-regierten Stadt Wien zu einem erheblichen Teil finanzierten, DÖW (Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes) am 11. Jänner 1996, bei einer Veranstaltung im Jugendstiltheater „Am Steinhof“ in Wien, wo er und der „Grüne“-Abgeordnete und Aktivist in der Behindertenbewegung Manfred Srb zum Thema „wertes/unwertes Leben“ referierten. Wolfgang Neugebauer, seit 1995 Honorarprofessor für Zeitgeschichte an der Universität Wien, bezeichnet Julius Tandler als „[…] durch und durch humanistisch gesinnten Stadtrat für das Wohlfahrtswesen der Stadt Wien […]“ (veröffentlicht zudem in der Broschüre „wertes unwertes Leben“, Hrgs. BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, Wien).

Die Kinderübernahmestelle der Stadt Wien; Wien 9 https://sciencev1.orf.at/static2.orf.at/science/storyimg/storypart_248839.jpg

Zu den Mitgliedern des Wahlkomitees des SPÖ-Kandidaten Franz Jonas gehört bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 1965 auch der NS-Arzt Dr. Heinrich Gross, Arzt der Euthanasiestation „Spiegelgrund“ in Wien.

Primarius Dr. Heinrich Gross, NS-Arzt in der Euthanasie-Anstalt der Nationalsozialisten „Am Spiegelgrund“ in Wien, langjähriges BSA-Mitglied (Bund sozialdemokratischer Akademiker/innen; bis zu 70 % der BSA-Mitglieder waren National-Sozialisten) bis 1987 sowie Mitglied der SPÖ bis 1980, konnte im Nachkriegsösterreich als hochrangiger Protegé der SPÖ zum anerkannten Wissenschaftler avancieren. Zu einer gerichtlichen Verurteilung hat sich die Österreichische Justiz nie durchringen können, wenngleich er im Jahr 2000 gerichtlich wegen mutmaßliche Anordnung der Tötung zweier „lebensunwerter“ Kinder angeklagt worden war.

Dr. Heinrich Gross, 1932 im Alter von 17. Jahren der HJ (Hitlerjugend) beigetreten, dort Scharführer, seit 1933 SA-Mitglied, seit 1937 Oberscharführer der SA und NSDAP-Mitglied Nr. 6.335.279, stand damit in ideologischer Nachfolge des sozialistischen „Euthanasie“-Stadtrates Julius Tandler.

In der Nachkriegszeit wäre der sozialistische Gross fast verurteilt worden, die Verurteilung war jedoch obergerichtlich aufgehoben worden, während andere Ärzte und Ärztinnen zum Teil zum Tod verurteilt worden waren, wie z. B. sein Vorgesetzter Dr. Ernst Illig (Juli 1946). Zuerst hatte ihn die sowjetische Kriegsgefangenschaft von Mai 1945 bis Dezember 1947 vor einer Anklage im „Spiegelgrund-Prozess“ gerettet. Im Jahr 1948 berichtete die „Arbeiter-Zeitung“ von Gross: „Der Kriegsverbrecher Dr. Gross verhaftet“. Der Prozess war eingeleitet, das Urteil – zwei Jahre schwerer Kerker, verschärft durch hartes Lager vierteljährig wegen Totschlags nach dem Reichstrafgesetzbuch (weil die Rechtsprechung bis 1997! davon ausging, dass „an Geisteskranken oder -schwachen kein Mord begangen werden könne, da den Betroffenen die Einsicht fehle") – war 1951 wegen eines Verfahrensfehlers vom OGH zurückgewiesen worden, die Staatsanwaltschaft hatte den Strafantrag zurückgezogen.

Der 1951, umgehend nach Prozessende, dem BSA und 1953 der SPÖ beigetretene Gross machte eine großartige Karriere und wurde ab diesem Zeitpunkt von der SPÖ geschützt. Er wurde zum Primarius der Nervenheilanstalt Rosenhügel und zum meistbeschäftigten und viele Millionen Schilling verdienendem Gutachter für Neurologie und Psychiatrie (bis 1980 insgesamt 12.000 Gutachten), seine Gutachterkarriere endete erst 1998.

Auch das „Ludwig Boltzmann Institut zur Erforschung der Missbildungen des Nervensystems“ wurde von Gross geleitet, wo er bis 1980 an von Mordopfern aus der NS-Zeit stammenden Präparaten forschte.

- Für seine Forschungen an den größtenteils aus der NS-Zeit stammenden Kindergehirnen erhielt Gross den Theodor-Körner-Preis. Die Leichenteile wurden erst im April 2002 am Wiener Zentralfriedhof im Rahmen einer Gedenkfeier beigesetzt.

- Im Jahr 1975 wurde ihm von Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg (SPÖ) das „Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse" verliehen, das ihm erst 2003 wieder aberkannt wurde.

Anfang 1980 holten Gross die Morde ein, nachdem 1978 aufgrund eines Interviews mit Friedrich Zwarel, einem Spiegelgrund-Überlebenden, die Angelegenheit in den Medien thematisiert worden war, Justizminister Christian Broda (SPÖ) schützte den NS-Arzt und Parteifreund jedoch, sodass kein Verfahren eröffnet wurde.

Gross klagte Dr. Werner Vogt wegen Ehrenbeleidigung, der ihn öffentlich beschuldigt hatte, an der Tötung von Hunderten geisteskranken Kindern beteiligt gewesen zu sein und gewann in erster Instanz, in zweiter Instanz wurde Vogt freigesprochen.

Im Urteil des Oberlandesgerichtes Wien vom 30. März 1981 hieß es wörtlich, dass „Dr. Heinrich Gross an der Tötung einer unbestimmten Zahl von geisteskranken, geistesschwachen oder stark missgebildeten Kindern […] mitbeteiligt war“.

Die sterblichen Überreste der Spiegelgrund-Opfer waren von Dr. Gross am „Ludwig Boltzmann Institut“ zu Forschungszwecken über Missbildungen des Nervensystems benutzt worden. Hunderte sogenannter „Gehirnpräparate“ lagerten nach 1980 im Keller der Pathologie des Psychiatrischen Krankenhauses auf der Baumgartner Höhe.

Genaugenommen hätte die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Gross wegen Beihilfe zum Mord einleiten müssen, es passierte im Roten Wien allerdings bis zum Jahr 1998 nichts. Erst 1998 wurde ein Strafverfahren eingeleitet, zu welchem im Rahmen von Voruntersuchungen 67 Leichenteile von „Euthanasieopfern“ und 843 Krankengeschichten beschlagnahmt worden waren.

Die Verhandlung im Jahr 2000 wurde mit der Begründung, Gross sei nicht verhandlungsfähig – wobei Zweifel daran bestehen, ob dem wirklich so gewesen ist, da Gross „vor allem im ostösterreichischen Raum zu jedem Psychiater eine Beziehung gehabt hat, weil er Jahrzehnte hindurch die Psychiatrie dominiert hat" –, abgebrochen bzw. „auf unbestimmte Zeit vertagt“.

„Es ist unerträglich, dass in unserem Land die Schuldigen beschützt und die Opfer wieder zu Opfern werden“, waren sich die österreichischen Euthanasie-Opfer-Überlebenden einig.

Im April 2000 meinte SPÖ-Vorsitzender Gusenbauer, dass „für einen Menschen wie Gross nie Platz in der SPÖ und nie Platz in einer medizinischen Anstalt der Zweiten Republik“ hätte sein dürfen.

Gusenbauer erntete von seinen alten Parteigenossen Unverständnis. Der HJ- und NSDAP-Mann Ex-Minister Erwin Frühbauer befand die „Aufarbeitung des NS-Erbes in der zweiten Republik“ für „nicht zeitgemäß.“ Frühbauer: „Es ist nicht nachvollziehbar, was an braunen Flecken dasein soll.“

Bis zur Anklageerhebung waren fünf Jahrzehnte vergangen, aufgrund von Verhandlungsunfähigkeit wurde der Prozess im Jahr 2000 unterbrochen. Gross verstarb 2005 im 91. Lebensjahr ohne jemals strafrechtlich verurteilt worden zu sein in Hollabrunn, Niederösterreich.

„Nun aber, welch späte Gnade, das lang erhoffte Ableben des Heinrich Gross. Ihn und seine Geschichte einsargen, eingraben. Grabesruh. Befreites Aufatmen bei allen, die, so wie bisher, geschichtslos weiterfuhrwerken wollen.“ (Vogt)

* Große Teile der Kulturszene und auch der Politik stellen sich auf ein moralisches Podest!

* Der Widerstand der SPÖ gegen das Naziregime wurde auch siebzig Jahre nach dem Niedergang des Dritten Reiches nicht nachgeholt!

Das ist eine der widerwärtigsten Formen des Umgangs mit Geschichte!

Literaturen

wertes unwertes Leben, Hrgs: BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, Wien.

http://www.dokumentationsarchiv.at/SPOE/Braune_Flecken_SPOE.htm.

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