Mein Handy, das ich am Schoss liegen habe, vibriert.

Ein Whatsapp mit dem Wortlaut "Sitzt du?" und einem grüblerischen Emoji erreicht mich. Unfassbar wie langweilig dieser Vortrag ist. "Aufpassen, gell!", antworte ich. "Ich glaub, ich geh an die Bar", schreibst du. Sehr witzig. Gerade du! Der strikte Alkoholgegner und einzige Feuerwehrmann, der keinen Tropfen Alkohol trinkt, wie mir der Postenkommandantstellvertreter beim Glühweinstand des Weihnachtsmarktes zwinkernd erklärt, nachdem er mich dazu beglückwünscht hat, dass ich meinen Autoschlüssel freiwillig und ohne Diskussion an dich abgegeben habe, damals, als noch niemand gewusst hat ... "Ja, ich eh auch!" "Naja, Frau Lehrerin!" kommt von dir.

Ich sitze am Ehrentisch, eigentlich auf einem Sessel, der beim ... Kinkerlitzchen. Und sollte zuhören. Selbstverständlich sollte ich das!, ich kann mich jedoch nicht konzentrieren. Tatsächlich interessiere ich mich schlicht und ergreifend nicht dafür, worüber hier so enthusiastisch referiert wird. Das Thema ist selbstredend Steckenpferd, mehr noch - Lebenswerk! - des Vortragenden. Wie könnte es anders sein? Es ist einer von vielen dieser elenden Pflichttermine, Kategorie "Sehen und Gesehen-Werden". Du stehst irgendwo hinter mir. Ich spüre deine Blicke im Nacken und muss lächeln.

Gott existiert! Eine technische Panne unterbricht den unsäglichen Historiekulturerguss - ja, ja, -erguss, nicht -genuss. Nach einer kurzen Pause - so wird der Zuhörer getröstet - soll es aber auch schon weiter gehen! Hat der Redner das Wort "Dias" benutzt? Das ist aber jetzt nicht wahr? Mir schwant Böses! Nichts wie raus aus dem großen Saal und ein Achtel Welschriesling organisiert.

Du stehst in deiner braunen Uniform - ich hab ein Faible für Helden; Männer in Uniform haben schon etwas ... - inmitten der Aula und grinst schelmisch. Ok, du standest in Pole-Position, ich musste sitzen, also ... "Heimlich mit dem Handy unter dem Tisch spielen, Frau Lehrerin!? Wo gibt es denn so etwas?" Ich frage mich still, ob irgendwer im Raum mitbekommen hat, dass wir uns gegenseitig Nachrichten schreiben. Wobei, ist da noch jemand außer uns beiden im Veranstaltungszentrum, einem ehemaligen Offizierskasino? Und, verdammt nochmal, ich bemerke sehr wohl, dass du schon wieder mit mir flirtest! Tatsächlich bist du überhaupt nicht mein Typ. Du bist klein. Du bist dick. Na ja, so klein und so dick auch wieder nicht ...

Genau in derselben Location, in der wir uns heute befinden, sind wir vor Monaten schon einmal miteinander bis in die frühen Morgenstunden zusammengestanden, de facto sind wir am Feuerwehrball übrig geblieben. Später waren wir uns am Gehsteig gegenüber gestanden. Und just in dem Moment als du dich vorgebeugt hattest um mich zu küssen, hat dich ein illuminierter Kamerad von der Seite angesprochen. Das war meine Gelegenheit dir zu entschlüpfen ... Ach, was warst du dem Kerl böse. Herrlich. Wobei ich hätte dich nicht geküsst. Damals nicht. Ebenso wenig wie in unserer Jugend. Auch wenn du hunderte Male sagst, wenn ich seinerzeit nicht nach Wien gegangen wäre... Ich gebe es zu, mir wäre heute auch lieber, wenn du der Vater meiner Kinder geworden wärst. Wenn ... Ach ja.

Nach der doch etwas länger als angekündigt dauernden Pause geht die Bilderreise in die Vergangenheit weiter, der Vortragende ist zwar sichtbar weiter gealtert, hat es aber doch gerade noch darennt. Wir betreten, oder vielmehr ich betrete, weil du warst von vornherein draußen, den Saal mit den schweren roten Samtvorhängen und dem edlen Parkett kein weiteres Mal, zumindest nicht an diesem Abend. Und dann ist plötzlich, wie von Zauberhand, das Buffet eröffnet, die große Schlacht der VIPs - und derer, die es noch werden möchten - um die Lachsbrötchen beginnt. Ich halte mich an meinem Weinglas fest, grüße hier und nicke da, lasse mich um die Hüfte nehmen, links und rechts auf die Wange küssen. Das volle Programm davon, was in der Schicki-Micki-Bussi-Bussi-Gesellschaft üblich ist, wobei die Hanni an diesem Abend nicht dabei war, das war dann eine Woche später, soweit ich mich erinnere. Ich plaudere sogar mit dem einen oder anderen, wenngleich ich das Ansprechen meiner, aber auch deiner!, Person als unsägliche Störung, als bodenlose Frechheit empfinde. Mit beißender Ironie habe ich bereits einen narzisstischen SPÖ-Politiker vergrault, was mir allerdings vollkommen powidl ist und war, da ich die Roten ohnehin nicht mag und dieser, gleich einem geprügelten Hund, sowieso immer wieder angekrochen kommt, was dich zu amüsieren scheint, da du ihn - ebenso wie seine Ex-Wähler - nicht leiden kannst, was deinerseits allerdings weniger mit seiner "Farbe" als mit seinem miesen Charakter und damit, wie er seine Frau behandelt, zu tun hat. Du versuchst wiederum eine uns beiden unbekannte Frau, die dich hartnäckig wegen einer Motorradweihe behelligt, abzuschütteln, während ich damit beschäftigt bin den Impuls sie mit den Worten "Schaut er aus wie der Pfarrer? Der Herr Pfarrer steht da drüben!" anzubrüllen zu unterdrücken. Eventuell könnte ich noch ein "SCHLEICH DICH!!" nachschieben? Gut, das lasse ich dann besser doch aus. Das schickt sich nämlich nicht. Der Bürgermeister hat mich immerhin mit einem "Schön, dass du da bist!" begrüsst, ergo dessen muss ich mich wenigstens ein bisserl zusammenreißen. Und, nicht zu vergessen, die Mama schwirrt auch irgendwo herum!

Wir stehen inmitten von Menschen, die wir zum Teil unser Leben lang kennen. Gemurmel, Getümmel, Getratsche und alles und versuchen krampfhaft auszublenden was rund um uns ist, uns zu unterhalten, zu scherzen, uns zu necken als gäbe es nur uns beide in diesem Raum - nein!, nicht in diesem Raum!, auf dieser Welt -, bis eine scheinbar aus dem Nebel kommende Stimme zu mir vordringt: "Kiiind! W-i-r g-e-h-h-e-n!" - Oh mein Gott! Die Mama!! "Du kannst sie ruhig bei mir lassen", sagst du frech zu meiner Mutter. "Falls sie nicht heimkommt, schläft sie bei mir!" Der entsetzte Blick von der Mamsch! Wahrlich Gold wert! Und dann ... bin ich, einmal öfter, wieder dahin.

"Du fährst jetzt aber eh nicht heim, oder? Wenn du heim musst, kann ich dich führen!", schreibst du. "Voll lieb, ich bin schon daheim, danke! Bis morgen!" Die von entsetzten Emojis begleitete Nachricht "Bist du gefahren?" beantworte ich mit "Ja, sicher, he, ich hab nur drei Achterln getrunken! So schlimm war ich?" Du konterst mit "Ja, ja, Frau Lehrerin, schon, würd ich sagen. Das nächste Mal darfst nimmer heimfahren, da schläfst bei mir unter Aufsicht. Gute Nacht." "Ich trink eh nie so viel. Bis morgen", kommt von mir, ehe ich, mit dem Handy in der Handy, auf der Couch im Wohnzimmer einschlafe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eher vier Achteln als drei gewesen waren, was ich selbstredend niemals zugeben würde, da ich die Vernunft in Person bin. Jawohl!

Am nächsten Tag wirst du mir beim Feuerwehrfest die Autoschlüssel abnehmen, da du mir nicht glauben wollen wirst, dass ich tatsächlich zu Fuß nach Hause gehen werde. Ich werde nicht ganz so viel getrunken haben wie du tust, mehr jedoch als ich zugeben würde. Wie auch immer, es wird reichen, sprich ich werde beschwipst genug sein, um hemmungslos mit dir zu flirten und dir wird es als Vorwand dienen, damit du mir in den frühen Morgenstunden, als ich - immerhin aufrechten Ganges und noch im Vollbesitz der Muttersprache - nach Hause gehe, mit dem Motorrad nachfahren und kontrollieren kannst, ob ich tatsächlich zu Fuß daheim ankomme und nicht ins Auto steige. Es wird jene Nacht sein, in der ich, ohne dass ich mir das zum damaligen Zeitpunkt selbst eingestehen würde, auf deine Frau - von der ich bisher annahm, sie sei frei erfunden, da sie bisher niemand zu Gesicht bekommen hat - eifersüchtig sein werde, weil sie plötzlich an dir hängt wie ein Rucksack und mir erklärt, dass sie deine Frau sei, woraufhin ich darum bete, dass der Erdboden sich auftuen möge, um mich aus dieser peinlichen Situation zu befreien, indem er mich verschluckt, und du wirst bereits am nächsten Abend wegen dem Wolferl, der mich am zweiten Tag des Festes begleitet und den ich dir beiläufig vorstelle, spinnen, was sich durch den sehr flüchtigen Gruß bemerkbar machen wird, und dadurch, dass ich dich kaum zu Gesicht bekommen werde. Wir werden uns in Zukunft noch bei zahlreichen offiziellen Anlässen treffen, uns hunderte inoffizielle Nachrichten schreiben und ich werde dir völlig unverblümt mitteilen, dass wir nie mehr als Freunde sein werden, du nicht mein Typ bist und wir nie Sex miteinander haben werden, bevor ich schließlich nach Jahren erkennen werde, dass ich dich viel lieber habe als ursprünglich geplant.

Der Tag wird kommen, - und das ist so sicher wie das Amen im Gebet! -, an dem mir, - weil mit dem Rücken an einen Türstock lehnend -, keine Fluchtmöglichkeit bleibt und du mir erklärst, dass du zwar nicht wachsen, aber abnehmen können würdest und an dem ich dir auf die Frage "Was spricht eigentlich dagegen, dass wir ein Paar sind?" antworten werde, dass es tausende Gründe gäben würde, die dagegen sprechen würden! "Nenne mir drei!" "Du bist verheiratet!" "Mehr fällt dir nicht ein?" "Das genügt!" "Nicht mehr lang!" ...

Und der Tag wird kommen, an dem ich dir bereitwillig nachgebe, wenn du versuchst mich in den Arm zu nehmen und zu küssen.

Und schließlich werden wir irgendwann mehr als nur Freunde sein ... bis dass der Tod uns scheidet.

P. S. Ich liebe dich

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