Offenbar ist der Mensch als Alltagspsychologe davon überzeugt, Menschen in Schubladen sortieren zu können. Wie stark er von solchen Überzeugungen geprägt ist, zeigen beispielsweise die Darstellungen der körperlichen Erscheinung von Jesus Christus: eher schlank als muskulös oder gar wohlbeleibt. Es scheint eine Bereitschaft vorhanden zu sein, die Befähigung zur Innerlichkeit, zur Abkehr von der Welt, zur Introversion mit einem leptosomen Körper zu verbinden.

Schon die Philosophen und Ärzte der Antike waren den Geheimnissen der Menschen auf der Spur … Theophrast, ca. 371 vor Christus auf der Insel Lesbos geboren, war ein griechischer Philosoph und Schüler von Aristoteles. In dreißig Skizzen typologisierte er den menschlichen Charakter. In seinen vor rund 2.300 Jahren entworfenen Charakterbildern beschrieb er karikaturhaft und satirisch dreißig Charaktere, die allesamt lasterhafte oder zumindest sozial unerwünschte Züge aufweisen. Sympathisch wirkende oder vorbildliche Charaktere kommen nicht vor.

Theophrast beschreibt beispielsweise den Charakter des „argen Schalks“, der sich durch arglistige Verstellung im Reden und Handeln auszeichnet („unter Augen spricht er günstig von dem, welchem er heimlich Schlingen legt“) oder des „Zeitungsträgers“, „welcher mit lügenhaften Erzählungen und Geschichten von seiner eigenen Erfindung auftritt“. Diese Menschen würden nach Theophrast „überhaupt ein armseliges Tagewerk treiben. Denn wo ist eine Halle, eine Werkstätte, wo ein Platz auf dem Markte, da man sie nicht den ganzen Tag geschäftig fände, um mit ihrem lügenhaften Zeitungskram den Leuten die Köpfe wüst zu machen.“ Den „Feigherzigen“ beschreibt Theophrast folgendermaßen: „Fängt das Meer an, sich ein wenig zu kräuseln, so wird er sich erkundigen, ob etwa ein Ungeweihter auf dem Schiffe sei. Wenn der Steuermann ein wenig seitwärts steuert, so fragt er ihn, ob er auch bei der geraden Richtung bleibe?“, den „Oligarchen“ zeichnet sein herrschsüchtiges Streben nach festgegründeter Macht aus, der Charakter „des Schutzpatrons schlechter Laune“ entspringt nach Theophrast aus der Neigung zu dem was schlecht ist. „Ein Mensch von solchem Charakter sucht Leute auf, welche in einer öffentlichen, oder Privatsache gerichtlich verfällt wurden […] So sagt er Er ist, was andre auch sind; denn nach seiner Meinung ist keiner besser als der andre, sondern alle von gleichem Schlag. […] Rechtschaffenen Leuten ist er aufsässig, und von den Schlechten sagt er: Sie lieben die Freiheit.“

Die von Theophrast skizzierten menschlichen Schwächen haben eine merkwürdige Konstanz …

Die Beschaffenheit des Körpers wurde zum Ausgangspunkt für die Lehre der Temperamente. Der griechische Arzt Hippokrates, geb. 460, gestorben 377 vor Christus, unterschied in der ältesten Temperamentstypologie vier Typen, die er je vier Körpersäften zuordnete, wobei sich die einzelnen Temperamentstypen aus der Dominanz des jeweiligen Körpersaftes ergeben. Das Temperament des „leichtblütigen Sanguinischen“ (Körpersaft Blut) ist sorglos und augenblicksbezogen, der „kaltblütige Phlegmatische“ (Schleim) ist langsam und untätig während der „warmblütige Cholerische“ (gelbe Galle) leicht erregbar und aufbrausend ist und der „schwerblütige Melancholische“ (schwarze Galle) besorgt und pessimistisch. Die moderne Endokrinopsychologie hat zwar keine Einzelheiten, jedoch die Grundidee der „Säftelehre“ bestätigen können, nämlich, dass Körperflüssigkeiten, beispielsweise Hormone, Temperamentsausprägungen beeinflussen.

Unabhängig von der körperlichen Verursachungshypothese hat die Einteilung in Temperamentstypen Eingang in viele Klassifikationssysteme von Eigenschaften gefunden. Das bekannteste Beispiel stammt vom Psychologen Hans Jürgen Eysenck (geb. 1916 in Berlin, gest. 1997 in London), der die vier Temperamente auf seine zwei Dimensionen "Extraversion" und "Emotionale Labilität" bezog.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war das medizinische Denken von der Vorstellung beherrscht, der Charakter könne unmittelbar aus der Körperbeschaffenheit abgelesen werden. Der Neopolitaner Giambattista della Porta (geb. 1538, gest. 1615) verglich in seinem Buch „De humana Physiognomie“ (1586) Menschköpfe mit Tierköpfen und schloss von den entsprechenden Eigenschaften von Tieren auf die des Menschen, z. B. vom Fuchsgesicht auf Schlauheit, vom Löwengesicht auf Mut, vom Eselsgesicht auf Dummheit. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Physiognomik als „wissenschaftliches“ Fundament für die Eugenik und Rassenhygiene herangezogen.

Cesare Lombroso (geb. 1838, gest. 1909), italienischer Professor der Geschichtsmedizin und Psychiatrie gilt als Begründer der kriminalanthropologisch ausgerichteten Schule der Kriminologie. In deutschsprachigen Ländern wurden seine kriminalbiologischen Theorien unter der Bezeichnung „Tätertypenlehre“ verbreitet. Lombroso beschrieb den Kriminellen als besonderen Typus der Menschheit, der in der Mitte des Geisteskranken und des Primitiven stehe, und an seiner Schädelform und/oder an zusammengewachsenen Augenbrauen erkennbar sei. Somit würden äußere Merkmale auf die tief verwurzelten Anlagen zum Verbrecher hindeuten. Zum „Beweis“ seiner Theorie führte Lombroso in seinem Institut Messungen an zahlreichen Schädeln, unter anderem von Hingerichteten, durch. Praktische Anwendung seiner Theorie von „geborenen Verbrechern“ versprach er sich durch die „Früherkennung“ verbrecherischer Neigungen, wie beispielsweise eine Präferenz zu Mord oder zur Prostitution, bei Kindern und Jugendlichen, die entsprechende „kriminelle“ Schädelformen aufwiesen. Die nationalsozialistischen Rassentheorien beriefen sich unter anderem auch auf Lombrosos rassistische Hypothesen.

Der 1888 geborene, 1964 verstorbene Psychiater Ernst Kretschmer veröffentlichte sein Buch „Körperbau und Charakter“ im Jahr 1921. Er unterschied darin drei Körperbautypen, denen er jeweils ein Temperament und psychische Erkrankungen zuordnete: Nach Kretschmer würde es sich beim „Pykniker“ um einen rundwüchsigen Menschen mit zarten Knochen, kurzen Gliedmaßen und einer starken Entwicklung des Brust- und Bauchraumes handeln, der zu einem zyklothymen Temperament neigen würde und insgesamt extravertiert sei. Kretschmer fand bei seinen manisch-depressiven Patienten überwiegend Pykniker. Der „Leptosome“ hingegen, ein dünnleibiger und schlankgliedriger Mensch, würde zu schizothymen Temperament neigen. Er sei innerlich zerrissen, introvertiert, distanziert, hochsensibel und wenig ausdrucksfreudig. Dieser Typus würde häufiger an Schizophrenie als andere erkranken. Der „Athletiker“, ein muskulöser, mit starkem Knochenbau ausgestatteter Mensch, hätte visköses Temperament, welches sich in einem langsamen und schwerfälligen Gefühls- und Affektleben äußern würde und welcher zur Epilepsie zeige. Wenngleich sich Kretschmer sicher war, seine Thesen über die Korrespondenz von Körperbau und Temperament bestätigt zu haben, konnten empirisch keine substanziellen Zusammenhänge nachgewiesen werden.

Die unterschiedlichen beschriebenen Typologien hinterlassen den Eindruck von „Schubladen-Denken“. Tatsächlich gibt es jedoch keinen Anlass, sich über die Leichtgläubigkeit der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten bzw. über die Kunst und Literatur vergangenen Jahrtausende zu mokieren oder lustig zu machen, hat sich doch der Mensch in seinem Bestreben Menschen zu kategorisieren nicht verändert.

Heute gibt es, wenn man der Politik, den Medien und der Gesellschaft Glauben schenkt, offenbar lediglich zwei Typen Mensch: die „Linken“ und die „Rechten“.

Den Linken wird in erster Linie die Charaktereigenschaft LINKisch zugeschrieben. Man sagt ihnen nach, dass sie LINKE Agenten oder LINKE Bazillen sein würden. Sie werden oftmals zu UnRECHT als Gutmenschen bezeichnet. Die allgemeine Empfehlung lautet, Menschen, die sich durch die oben beschriebenen Charaktereigenschaften auszeichnen, LINKS liegen zu lassen.

Die Rechten hingegen würden sich durch RECHTschaffenheit, RECHTgläubigkeit und ihrem ausgeprägten Sinn für GeRECHTigkeit auszeichnen. Zudem sollen sie das Herz am RECHTEN Fleck haben. Daher werden sie zuRECHT als Gutmenschen bezeichnet.

Ob diese, von einer unbekannten Person oder Gruppe oder Gesellschaft oder der Politik oder den Medien oder wem auch immer, aufgestellte Hypothese in Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden empirisch bewiesen werden kann, bleibt abzuwarten.

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