Pflege der Zukunft: angewandt assistierende Technologien – technische Assistenzsysteme für die Pflege

Die Konzipierung altersgerechter Assistenzsysteme für ein umgebungsunterstütztes, gesundes und unabhängiges Leben (Ambient Assistent Living, auch übersetzt als Active Assisted Living, AAL) gewinnt im Bereich der Pflege zunehmend an Bedeutung. Der Grund, dass technische Unterstützung Pflegebedürftiger zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen, wie demografischer Wandel und damit die steigende Anzahl von Pflegebedürftigen, der Pflegepersonalmangel, die Zunahme von Single- und kinderlosen Haushalten, eine weite Entfernung zwischen Wohnorten von Eltern und erwachsenen Kindern u. a.

Der demografische Wandel verändert die Gesellschaft in Österreich und wird nachweislich auch die Versorgungsstrukturen hinsichtlich Gesundheitsaspekten beeinflussen: Bedingt durch eine kontinuierliche Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung bei gleichzeitig niedriger Geburtenrate altert die Gesellschaft schnell, der Anteil der über 65-Jährigen vergrößert sich deutlich (laut Statistik Austria je nach statistischer Prognosevariante bis 2030 auf rund ein Viertel; längerfristig betrachtet werden rund 30% der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein), was dazu führt, dass die Pflegelandschaft vor besonderen Herausforderungen steht, da sich der Pflegebedarf quantitativ verändert, d. h. die Zahl der Pflegebedürftigen wird eklatant steigen. Zudem wandelt sich das Krankheitsspektrum – ältere Menschen sind häufiger chronisch krank, viele davon multimorbid, psychische Erkrankungen wie Depression und neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz nehmen zu. Es gilt, die Pflege zukunftssicher zu gestalten.

Die Betreuung und Pflege der meisten Pflegebedürftigen passiert nach wie vor hauptsächlich durch Angehörige, überwiegend durch Frauen. Mehr als 20 % dieser informell Pflegenden sind berufstätig, knapp die Hälfte davon in Vollzeit. Die zu Pflegenden werden jedoch – statistisch betrachtet – immer weniger Angehörige haben, auf deren Unterstützung sie bauen können, infolgedessen nimmt die Bedeutung von professioneller Pflege zu. Es droht ein erheblicher Mangel an Pflegepersonen, da das Pool an Pflegepersonal aufgrund von schlechten Rahmen- bzw. Arbeitsbedingungen, wie niedriges Einkommen, unregelmäßige Arbeitszeiten, mangelnde Anerkennung in der Bevölkerung, hohes Arbeitspensum und besonders große physische und psychische Belastungen, kontinuierlich kleiner wird.

Es sollen daher – neben einem Überdenken der Gestaltung der Lebensräume und des Lebensumfeldes – auch moderne Technologien wie Internet, Computersysteme und -anwendungen oder Hardware in den Bereichen Pflege und Betreuung Prämisse sein.

Auch im Konzeptpapier der WHO „Draft global action plan on the public health response to dementia“ (veröffentlicht im Dezember 2016) wird der Bereich AAL behandelt und dezidiert in einem von sieben Handlungsbereichen die Forschung und Innovation für den Bereich AAL angesprochen und gefordert.

Es wird daher vermehrt auf die Entwicklung und den Einsatz technischer Assistenzsysteme gesetzt, um älteren und pflegebedürftigen Menschen den Lebensalltag und die Lebensaktivitäten zu erleichtern, die Lebensqualität zu fördern und einen längeren sicheren Verbleib, ein längeres selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden, zu ermöglichen und somit eine stationäre Unterbringung – getreu dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ – zu vermeiden bzw. hinauszuzögern.

Technische Assistenzsysteme sind technische Hilfsmittel, insbesondere auf Basis von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), zur Unterstützung Pflegebedürftiger im häuslichen Umfeld, welche einen Paradigmenwechsel in der Interaktion zwischen Mensch und Lebensumgebung bedeuten, da sie direkt in das Lebensumfeld des Menschen integriert werden. Basistechnologien der IKT sind Elektronik und Mikrosystemtechnik, Softwaretechnik und Daten- bzw. Wissensverarbeitung sowie Kommunikationstechnologien und Netze sowie weitere elektronische Hilfsmittel (nicht IKT-basiert).

Es gibt bereits eine Reihe von innovativen Systemen und Produkten, die geeignet sind, körperliche Einschränkungen auszugleichen und den (Pflege-)Alltag zu unterstützen.

Nachfolgend einige Beispiele aus dem Bereich bereits etablierter Assistenzsysteme:

• Druck-/Berührungs-/Bewegungs-/Licht-/schallsensible Bedienungssensoren für elektrische Geräte (Kinnsteuerung, zungen-/mundbedienbare Sensoren etc.),

• elektronische Infusionspumpen und Insulinpumpen,

• Elektrorollstühle, Treppenfahrzeuge/-raupen,

• fremdkraftbetriebene Kniebewegungsschienen/Arm- und/oder Beintrainer/Schulterbewegungsschienen,

• Hausnotrufsysteme,

• WC-Aufsätze mit Wascheinrichtung,

• Tonerzeuger mit und ohne Intonationsmöglichkeit,

• Lifter,

• Anfall-Überwachungsgeräte für Epilepsiekranke,

• Überwachungsgeräte für Vitalfunktionen bei Kindern (kombinierte Atem- und Herzfrequenzmonitore mit Pulsoximeter)

• u. v. a. m.

Es gibt eine Vielzahl an AAL Technologien, die eingesetzt werden können um den Alltag und die Lebensumstände von alten und/oder pflegebedürftigen Menschen zu unterstützen und sicherer zu gestalten.

Hier einige Beispiele neuartiger Lösungen und Prototypen:

• Die Toilette mit Intimpflege,

• der intelligente Fußboden,

• die elektronische Medikamentenbox,

• die automatische Herdabschaltung,

• die mobile Aufstehhilfe,

• die Quartiersvernetzung,

• die sensorische Raumüberwachung,

• Sturzerkennung am Armgelenk,

• Notrufsystem mit GPS-Ortungssystem,

• assistive Köperhygiene/-pflege (Trockendusche),

• assistive Roboter.

Einen guten Überblick über die Grundsätze von AAL und aktuelle AAL Aktivitäten gibt die Internetseite von AAL Austria.

Siehe auch Zentrum für Angewandte Assistierende Technologien (AAT), Institut für Gestaltungs‐ und Wirkungsforschung, TU Wien.

Die technischen Assistenzsysteme zur Unterstützung älterer und pflegebedürftiger Menschen befinden sich in einem Prozess stetiger Weiterentwicklung. Ziele im Rahmen der Weiterentwicklung sind u. a. verbesserte Alltagstauglichkeit und Benutzerfreundlichkeit, optimierte Kompatibilität und Nachrüstbarkeit. Kriterien sind beispielsweise die Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweise, psychische Problemlage, Selbstversorgung, Umgang mit krankheits- bzw. therapiebedingten Anforderungen und Gestaltung des Alltags inkl. sozialer Kontakte.

Ein Kurzvideo "ZentrAAL Musterwohnung" gibt Einblick in Möglichkeiten.

Informative Links:

https://www.researchgate.net/publication/256199349_Beispiele_neuartiger_Technischer_Assistenzsysteme_fur_altere_Menschen

https://www.gesundheit.gv.at/leben/altern/wohnen-im-alter/ambient-assisted-living

Link Artikel/Video "Roboter nimmt Blut ab"

Paul Panek | Dipl.-Ing. | TU Wien, Vienna https://www.researchgate.net/profile/Paul_Panek/publication/260426397/figure/fig4/AS:354169673273344@1461452038037/NAO-robot-projects-image-of-service-center-on-a-wall-next-to-the-user_Q320.jpg

Bei der Frage nach Pflegebedürftigkeit treffen verschiedene Normen und Werthaltungen aufeinander, nämlich die der älteren pflegebedürftigen Menschen, jene ihrer Angehörigen, die der Betreuungs- und Pflegepersonen, die der Pflegeeinrichtungen und jene des Gesetzgebers. Die ganzheitlichen Bedürfnisse (medizinisch-pflegerisch, psychologisch, finanziell, sozial) und Rechte pflegebedürftiger Menschen müssen im Mittelpunkt der Pflege stehen. Oftmals sind die Möglichkeiten, selbst Bedürfnisse und Wünsche gegenüber Pflegenden und in der Öffentlichkeit zu äußern nicht groß, die Lobby pflegebedürftiger Menschen ist klein, somit ist die Lebenslage von Pflegebedürftigen extrem vulnerabel, verletzlich, was insbesondere auf alleinstehende ältere Menschen, Menschen mit Demenz, Menschen mit Behinderungen, arme Menschen, hochbetagte Menschen u. a. zutrifft. Die Pflege hat sich somit an den Grundsätzen der Menschenwürde und dem ICN-Ethikkodex (International Council of Nurses) zu orientieren, um dem besonderen Aufmerksamkeits- und Fürsorgebedarf zu begegnen. Bei der gezielten Auswahl bzw. beim Einsatz von technischen Assistenzsystemen müssen die Aspekte der Menschenwürde ebenso wie Selbstbestimmung beachtet werden.

Kontroverse Betrachtung

So verführerisch die technischen Equipments präsentiert und beworben werden und so unterstützend sie im Pflegealltag sein können, es gibt selbstverständlich eine Kehrseite der Medaille: Die Vorstellung, dass der hochbetagte Mensch plötzlich mit Technik, mit der wahrscheinlich aus seiner Lebensbiografie heraus niemals konfrontiert war, zurechtkommen soll, ist erschreckend.

Wird es bei Assistenztätigkeiten durch Roboter bleiben oder zur Übernahme von Pflege durch Maschinen kommen?

Menschliche Kommunikation, ersetzt durch Gespräche mit einem Computer?

Menschliche Berührung, ersetzt durch die kalte Hand eines Roboters?

Deprivation und zunehmende Vereinsamung mit der Folge von Depressionen und steigenden Suizidzahlen sind meinem Erachten nach vorprogrammiert.

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“ (Martin Buber) – ich zweifle, dass ein mitdenkender, sprechender, agierender Roboter einen adäquaten Ersatz für menschliche Begegnungen darstellen kann.

Technische Assistenzsysteme mögen Segen sein, gleichermaßen sind sie jedoch auch Fluch!

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