Die mit vorwurfsvollem Ton an sie gerichtete Frage "Warum bin ich wie ich bin?", machte sie, wie so oft zuvor, sprachlos. Sie hatte keine Antwort darauf - damals. Stets erwartete er von ihr, allwissend zu sein, ihm alle Fragen aus dem Effeff beantworten zu können, das Denken und seine Eigenverantwortung abzunehmen - wie ein praktischer Lebensratgeber, der auf die großen wie auf die kleinen Fragen des Lebens zu jeder Zeit die passende Antwort parat hat und ihm sagen kann, was er tun und was er unterlassen solle. Einem dicken, trotzigen, tollpatschigen, viel zu groß geratenen Kleinkind gleich stand er vor ihr - es fehlte nicht viel und er hätte mit dem Fuß aufgestampft - mit gesenktem Haupt und herausfordernd wirkendem Blick, in dem ein Hauch Aggression, ja, man könnte beinah sagen Hass, lag, welcher sie jedoch nicht berührte - nicht mehr. Ihr Mitleid mit ihm war zu diesem Zeitpunkt Geschichte, ihre Tränen waren versiegt, das Herz war mit einem festen Stahlband umschlossen. Das Leben an seiner Seite hatte sie bitter, phlegmatisch, hoffnungslos gemacht, sie hatte bereits seit langem aufgegeben, ihr Lächeln und ihren Lebensmut verloren, einfach resigniert. Ein Tag war gleich dem vorigen vergangen, sinnleer und düster, aus Tagen waren Monate geworden, Jahre, ehe schlussendlich mehr als ein Jahrzehnt verstrichen war. Seine Depressionen hatten auch sie hinuntergezogen, hinab in einen dunklen Abgrund - in sein schwarzes Loch. Nach all den Jahren des Zusammenseins mit ihm kannte sie ihn nicht, wusste nicht, wer oder was er war, ebenso wie er selbst sich nicht kannte und sich vermutlich auch heute noch nicht kennt. Reden war nie seine große Stärke, Gefühle zu benennen, war ihm nie möglich gewesen. Sie zweifelte daran, dass er Freude, Liebe, Glück überhaupt empfinden konnte. Er schien gar nichts zu spüren, wirkte unendlich leer. Sie stellte sich vor, dass, wenn sie ihm ein großes Küchenmesser in den Bauch rammen würde, es lautlos durch ihn hindurchgleiten und sie schließlich als Ganzes einfach durch ihn hindurchfallen würde, da nichts in ihm vorhanden zu sein schien, das Widerstand bieten hätte können: er war eine leere Hülle, schmuddelig und verwahrlost. Die Frage nach dem "Warum?" blieb jedoch zunächst ein Mysterium, ein scheinbar unerklärliches Rätsel.

Er fristete seine Tage damit, Müll zu sammeln - von leeren Eisboxen über alte Konservendosen und Alteisen bis hin zu Kartons, die sich stoßweise bis zur Decke stapelten -, er hortete Tannenzapfen, abgeschnittene Zweige, Blüten, Beeren, Nüsse, Blätter, warf nie etwas weg. Sukzessive engte er durch die angesammelten Müllmengen ihren Lebensraum ein - kein Platz zum Atmen, kein sauberer Raum, sie war auf verlorenem Posten, hatte keine Chance im Kampf gegen den Müll. Immer wieder drängte sich ihr der Gedanke auf, dass es in seinem Inneren genauso chaotisch zugehen und schmutzig aussehen musste wie in seiner äußeren Umgebung. Er schlief viel - zeitweilig sechzehn, achtzehn Stunden am Tag, um vor dem Wachsein zu flüchten, sich aus dem Leben zu nehmen. Manchmal hegte sie den Verdacht, dass er Stimmen hören würde. Zeitweilig behauptete er von Unaushaltbarem, von Bösem, umgeben zu sein, das er durch Räuchern zu vertreiben suchte. Hin und wieder schien er in tranceartige Zustände, in Absencen, zu verfallen, war meilenweit weg, wirkte entrückt - verrückt -, lebte sprachlos in seiner eigenen verqueren Welt, isoliert von der Außenwelt, unerreichbar. Für das, was sie tat, interessierte er sich nicht, verfügte über keinerlei Empathiefähigkeit, war ein Einzelgänger, der weder Kontakt zu seiner Familie wollte noch einen einzigen Freund hatte, der signalisierte, keine Menschen um sich haben zu wollen - außer sie, die er brauchte, gebrauchte, missbrauchte. Nachts klammerte er sich mit gesenktem Kopf, Embryonalstellung einnehmend, wie ein hilfloser, vollkommen von der Mutter abhängiger Säugling, sich klein machend, scheinbar unsichtbar seien und beinahe in sie hineinkriechen wollend, an ihren, nach alle den Jahren des Energieabzugs durch ihn kraftlos gewordenen, starren, sich gelähmt anfühlenden Körper, was sie - ohne nach außen hin sichtbare Gefühlsregung oder spürbare Gegenwehr - einfach reglos hinnahm, ihr jedoch das Gefühl gab, sie würde von ihm erdrückt, zerdrückt, zerquetscht, ehe sie schlussendlich nicht einmal mehr in der Lage war, ihren schlaffen Arm zu heben und ihm diesen auf die Schulter zu legen, geschweige denn, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu halten, ihn zu drücken, ihm die Schulter zu tätscheln, ihn zu wiegen wie ein Baby, ihm Trost zuzuraunen und ihm Schutz zu geben, worauf er so sehr angewiesen zu sein schien, was ihn scheinbar zusammenhielt, ihn davon abhielt, zu zerbröseln, zu verschwinden, sich aufzulösen. Eines Tages stellte sie fest, dass ihre Brüste begonnen hatten, zu laktieren - ihr Geist war offenbar dem Trugschluss aufgesessen, es wäre notwendig, Muttermilch zu produzieren, und trotz mehrmaliger Einnahme von abstillenden Medikamenten, versiegte der Milchstrom nicht ...

Immer öfter, immer mehr, immer hartnäckiger beschlich sie das Gefühl, dass er ein schmutziges, ein widerliches, abartiges, ein perverses Geheimnis mit sich herumtrug, das er vor ihr zu verbergen suchte, das er unterdrückte, nicht zulassen konnte. Sein Verhalten wirkte abstrus, ohne dass sie benennen konnte, was es war, das sie spürte, das sie störte, das sie anwiderte. Vor allem in sexueller Hinsicht hatte er sich verändert, die Spielweise war eine andere geworden, die Potenz hatte nachgelassen, schließlich schwand sie. Der Verdacht keimte in ihr auf, dass er homosexuell sei, es immer gewesen war, und er nunmehr, nach all den Jahren des Versteckspielens, des Verleugnens der Wahrheit vor ihr, vor allem aber vor sich selbst, die Fassade nicht mehr aufrecht halten könne, diese zu bröckeln beginnen und abfallen werde, ehe sie schließlich zu Staub unter ihren Füssen werden würde. Er hatte von jeher etwas Weibisches an sich gehabt, war von anderen für schwul gehalten worden. Es wurde ihr zugetragen, dass aufgefallen war, dass er kleine Buben beobachten würde. Dies tat sie prompt als Hirngespinst ab, ihr Geist stempelte es schlicht und ergreifend als Unsinn ab! Nein, sie kannte ihn bereits seit vielen Jahren, so weit würde es nicht gehen, so weit würde er nicht gehen, niemals! Dennoch blinkte schrill eine Warnleuchte in ihrem Kopf - blink, blink, blink - immer lauter, immer schreiender, irgendwann nicht mehr zu unterdrücken, nicht auszuschalten, nicht auszublenden. Sie begann damit, ihn zu beobachten, jeden seiner Schritte zu überwachen, all sein Tun kritisch zu beäugen und auf "normal" oder "pervers" zu überprüfen. Alles in seinem Verhalten erschien eigenartig, es zeichnete sich immer mehr ab, dass er tatsächlich ein Voyeur war ...

Schließlich begann er damit, den Schäferrüden ständig wie ein Baby herumzuschleppen, es schien, als würde er sich am Hund anhalten, festsaugen wie ein Zeck. Wenn er saß, musste der Hund auf seinem Schoß sitzen und sich unnatürlich wirkende Anklammerungen seitens seines Herrchens gefallen lassen, wurde auf Teufel komm raus gestreichelt. Wenn er die Toilette besuchte, ließ er die Türe offen und lockte den Hund zu sich, zuletzt begann er damit, gemeinsam mit dem Hund duschen zu gehen, wollte, dass der Hund ihm beim Onanieren zusah, freute sich darüber, dass er das Sperma vom Leintuch leckte. "Sodomie" pflanzte sich in ihr Hirn ein - "Sodomie!" - und gleichzeitig verdrängte sie den grausigen Gedanken wie alle anderen, brachte die Stimmen in ihrem Kopf zum Verstummen, denn das konnte - nein, das durfte! - nicht real, nicht wahr sein! Sie war froh darüber, dass der Hund nicht reden konnte, ihr nicht mitteilen, was er trieb, und bat das Universum gleichzeitig um Klarheit, wünschte sich sehnlichst, dass die Wahrheit endlich, einem Löwenzahn gleich, den Weg durch die dicke Betondecke finden würde, aber noch blieb alles graue Theorie und sie konnte sich in Sicherheit wiegen wie ein Kind, das die Hände vor die Augen legt und glaubt, alles, was es nicht sehen könne, sei nicht da. Dennoch ließ sich der abscheuliche Verdacht nicht mehr länger unterdrücken, nicht wegleugnen, die altbewährte Vogelstraußtaktik funktionierte trotz fehlenden Beweisen nicht mehr, sie konnte ihre Augen nicht mehr davor verschließen, was sie befürchtete, dass er wirklich war - nämlich ein Voyeur, ein Pädophiler, ein Sodomist, eine schwule, unnütze, jämmerliche Kreatur, ein abartiges, triebgesteuertes, perverses Stück Scheiße!

Mehr auf ihren Bauch als auf ihren Verstand hörend, konfrontierte sie ihn - den, wie so oft, reglos wie ein Häufchen Elend in Embryonalstellung sprachlos auf der Couch liegenden, wimmernden, dahinvegetierenden - mit ihrer Wahrheit, titulierte ihn als ein auf seine Triebe zu reduzierendes, faules Trumm, schrie, tobte, schnappte beinahe über, und durchbrach endlich jäh die jahrelang anhaltende Sprachlosigkeit ohne sich über das, was da aus ihr heraussprudelte, Gedanken gemacht und über mögliche Konsequenzen nachgedacht zu haben. Den stattgefundenen Kampf hätte sie beinahe verloren, in den sie völlig überraschend geraten war, denn er, der kurz zuvor noch teilnahmslos, apathisch, starr auf der Couch gelegen war und den Erguss scheinbar emotionslos, unerreicht, über sich ergehen hat lassen, war völlig unerwartet, ohne vorherige Anzeichen und ohne ein Wort zu sagen, aufgesprungen und hatte sie grob, seine ganze Körperkraft aufbringend, überwältigt, ehe sie sich unter fremd klingenden, erstickten Schreien, die ihrer Kehle entwichen, losreißen, ihre Handtasche und den Hund schnappen, fluchtartig die vermüllte Altbauwohnung verlassen, drei Stiegen auf einmal nehmend das Stiegenhaus hinunterjagen und mit weichen Knien, am ganzen Körper zitternd, nach Atem ringend und die Tränen tapfer zurückhaltend, hinaus auf die Straße - in die Freiheit - stolpern konnte ...

Sie hatte all den Dreck zurückgelassen, war nie wieder zurückgekehrt, zumindest nicht physisch. Ihre Gedanken drehten sich in den folgenden Wochen, keinen Schritt weiter kommend, im Kreis, immer wieder brütete sie über der Frage nach dem "Warum?", fragte den Hund danach, was ihm widerfahren war, flehte, bettelte beim Universum um die Wahrheit, welche schließlich so plötzlich und unerwartet über sie hereinbrach, wie eine Lawine über sie hinwegrollte. Die erbetene, ersehnte, die bittere, furchtbare, grausame Wahrheit blitzte auf einmal mit nur einem einzigen Wort in ihrem Kopf auf - ein Wort, das alles erklärte, das alles passend machte, das auf einen Schlag alle Puzzlestücke auf den richtigen Platz fallen ließ, und ihr in einer nüchternen, erschreckenden Klarheit das Warum erklärte. Sie hatte wie automatisch, ohne groß darüber nachzudenken, einen Block und einen Stift genommen und wie von Zauberhand geschrieben und geschrieben und geschrieben,und als sie endlich damit fertig gewesen war, zahlreiche Seiten gefüllt waren, war das Geschriebene zur traurigen Gewissheit geworden, zur grausamen Wahrheit, dass es genau so und nicht anders gewesen war. Das Wort hatte "Missbrauch" gelautet.

Er hatte als Kind einen - mittlerweile verstorbenen - Onkel gehabt, der seine leibliche Tochter, deren Cousinen und schließlich auch die eigene Enkeltochter sexuell missbraucht hatte und deshalb viele Jahre später vor Gericht gestanden war, was in der Familie allerdings zu Tode geschwiegen worden war - er selbst hatte nie auf die Frage, ob auch er, so wie die anderen Kinder, zum Opfer seines Onkels geworden war, geantwortet. Er hatte in weiterer Folge den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen, seine Verwandten abgelehnt, seine Eltern aus unerklärlichen Gründen gehasst. Einer seiner Cousins ist schwul. Er war bis ins frühe Erwachsenenalter Bettnässer gewesen. Er betonte stets, dass er keinerlei Erinnerung an seine Kindheit und seine Jugendjahre habe, sagte, dass seine Erinnerung nur bis in die Lehrjahre zurückreichen würde. Es war trotz der Einnahme hoher Dosen unterschiedlicher Antidepressiva nie eine Besserung seiner Stimmung eingetreten. Er war bevor er die Beziehung zu ihr eingegangen war, viele Jahre mit einer, um viele Jahre älter als er seienden, Borderlinerin - einem langjährigen kindlichen Missbrauchsopfer durch deren eigenen Vater - zusammen gewesen, hatte mit ihr gemeinsam Drogen konsumiert. Sie hatte einen kleinen Sohn mit in die Beziehung gebracht, der bereits im Alter von fünfzehn Jahren ebenso drogenabhängig, und darüber hinaus delinquent, gewesen war. War das ehemalige Opfer hier zum Täter geworden? Er war immer anal fixiert gewesen, hatte in ihrer Vagina nicht ejakulieren können, hatte stets versucht, ihr beim Zusammensein den Mund zuzuhalten, war völlig verklemmt, konnte Sexualität nur heimlich, versteckt, im Verborgenen, im Dunkeln leben. Der Hund, der zwar keine Antwort auf die Frage, was ihm angetan worden war, geben konnte, zeigte seit der Trennung von seinem Herrchen ein anderes Verhalten, knurrte bei Berührungen nicht mehr, schnappte nicht mehr, genoss es, gestreichelt zu werden, mutierte zum Kuschler. Seine dissoziativen Zustände, seine Flucht in den Schlaf, seine Suche nach Mutterliebe und Schutz, seine Depressionen, seine zeitweise auftretenden Impulsdurchbrüche, seine Soziophobie, seine Unfähigkeit zum Führen einer erwachsenen Beziehung, seine Sprachlosigkeit, sein Hang dazu, kleine Buben zu beobachten, seine weibische, schwule Art ... und und und ... alles, ja alles, wurde durch ein einziges Wort erklärt, nur ein einziges Wort - "Kindesmissbrauch"! - beantwortete die drängende, bedrängende, jahrelang offen gebliebene Frage nach dem Warum ...

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