Und plötzlich verlierst du den Verstand …

Ich bin konfus. Ständig purzeln irgendwelche Lieder in mein Hirn. Texte, Melodien. Ich pfeife. Der Hund ist schon ganz irritiert. Klar zu denken fällt mir schwer. Meine Konzentration lässt zu wünschen übrig. Die Arbeitsmoral ebenso. Und das muss ausgerechnet mir passieren, der Meisterin an Strukturiertheit und Ordnung! Wortfindungsstörungen habe ich auch. Vor einigen Minuten ist mir endlich das Wort „Gitterroste“ eingefallen. Ich hätte es vor zwei Tagen gebraucht. Jetzt fehlt nur noch, dass ich zu stottern beginne.

Und ich mache eigenartige Dinge. Ich turne beispielsweise. Gut, turnen ist der falsche Ausdruck, ich hopse mehr herum. Im Wohnzimmer. In Unterwäsche. Zu verrückter Musik. Heute habe ich sogar daran gedacht, laufen zu gehen. Meine Laufschuhe sind nach 4 oder 5 Jahren immer noch so gut wie neu. Einmal hatte ich sie beim Einkaufen im Baumarkt an. Daran erinnere ich mich. Ich bestehe darauf, dass ich unsportlich bin. Wer mich fragt, ob ich ein Fahrrad habe, dem stelle ich die Gegenfrage, ob er mich beleidigen wolle. Jedenfalls, der Vorsatz laufen zu gehen bleibt ein Vorsatz, sprich er wird nicht in die Tat umgesetzt. Weil es zu kalt ist. Weil es regnet. Na ja, es tröpfelt, aber immerhin. Der Wind geht auch stark. Und … weil mir in Wahrheit alles weh tut. Vom Turnen. Muskeln, von denen ich lange nicht mehr wusste, dass ich sie habe, erinnern mich daran, dass ich am Leben bin. Und wie!

Ich verfahre mich auf Strecken, die ich 100te Male gefahren bin. Brauche mein Navi, um ins Donauzentrum zu finden. Biege trotz Susis Anweisung „nach 100 m biegen Sie links ab“ rechts ab, nachdem ich zwei Sperrlinien überfahren habe, weil ich ihr nicht zugehört habe. Spüre die Verzweiflung meiner Susi. Am liebsten würde sie mich anschreien und fragen, ob ich komplett deppert geworden bin und warum ich sie überhaupt frage, wenn ich eh nicht mache, was sie sagt, sie ist aber auf Höflichkeit programmiert. „Ich weiß, was ich tue, Susi!“, sage ich zu ihrer Beruhigung und drehe sie einfach ab. Weiß ich das wirklich? Egal. Jedenfalls komme ich heil im DZ an. Schaffe es in der Tiefgarage einzuparken, sogar rückwärts, ohne den Seitenspiegel zu demolieren. Bin stolz auf mich!

Am Morgen stand das Auto in einer anderen Tiefgarage. Ich schwöre, ich habe mich wirklich redlich bemüht mir zu merken, in welcher Garage ich das Auto abgestellt hatte! Zu meiner Entschuldigung: es lagen immerhin fünf Stunden dazwischen, also zwischen Auto abstellen und es suchen, zwar nicht stundenlang, aber … besser ich lasse das. Zu peinlich. Ich hab es ja wieder. Dabei hatte ich extra die Freud-Garage gewählt. Weil ich gedacht hatte, das würde ich mir wenigstens merken können, in meinem Zustand.

Bin bei meiner Tante zum Kaffeetrinken eingeladen. Meiner Lieblingstante wohlgemerkt. Gut, ich habe nur eine, somit nicht schwer, aber sie wäre auch meine Lieblingstante, wenn ich mehrere hätte. Kaum sitze ich, will ich schon wieder weg. Ich lenke mich damit ab, ihr Geschirr abzuwaschen. Hätte sie mich darum gebeten, ich hätte ihr ganzes Haus geputzt. Sie erzählt mir irgendetwas. Wenn ich bloß wüsste, was es war! Keine Ahnung. Meine Gedanken schweifen ab. Ich bin ganz wo anders. Und grinse. Permanent. Wie ein frisch lackiertes Hutschpferd. Mutmaße ich jetzt. Sehe mich ja nicht dabei. Habe aber das Gefühl, dass, wenn ich keine Ohren hätte, ich im Kreis grinsen würde. Glauben alle, dass ich einen an der Klatsche habe? Vermutlich. Auch das ist egal. Habe bei der letzten Konferenz peripher mitbekommen, dass ich zur Lehrgangsleitung befördert worden bin. Hab ich etwas dazu gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Bin mir nicht mal sicher, ob ich passend oder überhaupt angezogen war, weil mir sogar das Anziehen am Morgen Schwierigkeiten bereitet.

Mein Hirn hat bisher so präzise funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. Ich konnte mich darauf verlassen. Hab mir aufgrund meines eidetischen Gedächtnisses immer alles gemerkt: Wichtiges und Unwichtiges. Segen und Fluch. Auf meinen Verstand war ich immer sehr stolz. Er hat mich, im Gegensatz zu meinem Herz, nie in irgendeine Scheiße hineingeritten. Nun ist er weg.

Messerscharf und analytisch war. Heute bin ich froh, wenn ich mein Handy wieder finde, das ich vor zwei Minuten doch noch hatte und nun wer weiß wohin gelegt habe und auch darüber, dass ich es morgens beim Verlassen des Hauses geschafft habe, die Haustüre abzusperren. Habe ich überhaupt? Es zu überprüfen wäre ein Umweg von zehn Kilometern und ein Zeitverlust von mindestens, wenn nicht mehr. Buh, bin eh schon wieder spät dran! Verlasse mich auf das Funktionieren von Konditionierung und fahre weiter. Werde es eh sehen, wenn am Abend die Bude leer geräumt ist.

Vergesse zu essen. Was an sich kein Fehler ist. Die 36er Hosen saßen eh schon etwas knapp. Vergesse allerdings teilweise auch zu atmen. Was mich erschreckt. Brauche ich demnächst Kopfhörer? Einatmen, Kathi, ausatmen …! Fühlt sich so eine beginnende Demenz an? Wo zum Henker hab ich mein Handy schon wieder? Ah ja, an den Strom gehängt. Hatte nur mehr 31 % Akkuleistung. Also, das Handy jetzt, nicht ich persönlich. Da werde ich nervös. Er könnte sich melden …

To be continued …

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