"Egal was du tust, du hinterlässt überall verbrannte Erde!", sagt meine beste Freundin halb ernst, halb scherzend zu mir. Ich bin ihr nicht böse, denn ich weiß, dass sie recht hat. Ich selbst habe den Eindruck, dass ich nicht unbedingt ein Segen für diejenigen bin, die mit mir in Kontakt kommen, obwohl ich tatsächlich nicht immer schuld am Unglück der anderen bin.

"Hättest du mich geheiratet, dann hätten wir heute eine Firma!", sagt der Rudi vorwurfsvoll zu mir. "Arschloch!", denke ich mir, entgegne aber nichts. "Du hast mir damals den kleinen Finger gebrochen!", fährt er sauer fort. Ich kann mich nicht daran erinnern ihn körperlich verletzt zu haben, glaube ihm jedoch ungeschaut, denn wehrhaft war ich tatsächlich schon im Kindergarten, habe mir Übergriffe niemals gefallen lassen. "Dann wirst du wo hingegriffen haben, wo du nicht hingreifen hättest sollen!" "Du warst das hübscheste Mädchen im Ort! Was ist passiert?", stänkert der nach mehr als 30 Jahren offenbar immer noch narzisstisch Gekränkte weiter. Ich betrachte ihn, den offenbar dem Alkohol sehr Zugetanen, eingehend - seine vom vielen Saufen aufgedunsene, von roten und blauen Äderchen durchzogene Knollennase und die riesige Wampe, die er wie eine kurz vor der Entbindung mit Drillingen stehende Schwangere vor sich herschiebt -, ehe ich meine Hand auf seinen Bauch lege, lächle und frage: "Das fragst gerade du?" "Das ist unfähr! Ich habe zum Rauchen aufgehört!", beginnt er sich unbeholfen zu rechtfertigen. Dann fährt er verbittert fort: "Ich hatte Hodenkrebs. Man hat sie mir abgenommen. Ich bin impotent! Habe keine Kinder!" "Arme Sau!", denke ich mir, sagen tue ich gar nichts, denn das zu sagen, was sich mir aufdrängt, nämlich "Gott sei Dank ist der Kelch an mir vorübergegangen!", halte ich für unempathisch und unangebracht, somit verabschiede ich mich rasch und gehe mit meinem Glas Wein in der Hand weiter.

"Wer war das denn?", frage ich einen mir bekannten Feuerwehrmann. "Das war der Max!" "Nein! Ich fasse es nicht! Was ist mit dem passiert? Geh! Ruf ihn her!", kommt es von mir. Dann steht der Max neben mir, mustert mich skeptisch von oben bis unten. "Kennst du mich nimmer?", frage ich ihn. "Nein!", kommt es zögerlich von ihm. "Ich bin die Kathi!" "Was?!" Der Max braucht eine Zeit um sich zu fangen! "Warum hast du mich damals verschmäht?", kommt es nachdem er sich vom ersten Schreck erholt hat. "Du warst mir zu jung!", antworte ich ihm. "Ich bin nur um drei Monate jünger als du!", giftet er mich an. "Ja, und heute schaust du um zwangig Jahre älter aus", denke ich mir, sage aber: "He, drei Monate waren damals viel!" "Und heute?" "Scheiße, was sage ich jetzt auf diesen jämmerlichen Anbratversuch?", überlege ich im Stillen. "Du bist um zwanzig Zentimeter zu klein?" wäre zwar ehrlich, aber nicht schicklich. Somit schweige ich zunächst beschämt, ehe ich ihm eine Freundschaft anbiete. "Eine gute Freundschaft ist mehr wert als eine schlechte Beziehung! Außerdem habe ich einen Freund." Was bleibt ihm anders übrig als resignierend "OK!" zu sagen, wenn er Kaffee trinken gehen will mit mir? "Ich habe Morbus Crohn!", berichtet er beim zweiten Kaffee. "Jössas! Auch ein Stoma?", entfährt es mir. "Nein, nicht mehr. Das ist rückoperiert worden. Aber 2,5 m Darm haben sie mir rausgeschnitten." Und wieder denke ich: "Gott sei Dank ist der Kelch an mir vorübergegangen!" Der Max ist ein feiner Kerl, aber Morbus Crohn ist im wahrsten Sinne des Wortes eine scheiß Krankheit.

"Lebt eigentlich der Simon noch im Dorf?", frage ich beim Aperol-Spritz-Trinken und bekomme prompt Antwort: "Das weißt du nicht? Der ist tödlich verunglückt! Mit dem Auto auf der Bundesstraße. Direkt in die Hausmauer vom Wirten gefahren. Ungebremst. Brennt eh immer ein Kerzerl dort. Keiner weiß warum ..." "Scheiße!", entfährt es mir. "Ich bin an dem Tag vorbei gefahren, habe den Einsatz gesehen, wusste aber nicht, dass das der Simon ...", kommt es ergriffen von mir. Ich bin verstört. "Mit dem hab ich damals Streiche gespielt! Glöckerlpartie und so ...", sage ich traurig. Wir waren zwölf, dreizehn Jahre alt und haben uns danach aus den Augen verloren. Der Simon war ein witziges und fesches Kerlchen. Gegangen sind wir zwar nicht miteinander, waren noch ein Spürchen zu jung, aber ein wenig geknistert hat es seinerzeit schon zwischen uns. Mir ist das Aperol-Spritz-Trinken vergangen. Ich gehe nachdenklich nach Hause.

"Dein Mann war bei meinem Chef und mein Chef danach bei mir!", erzählte mir seinerzeit der Petzi. "Was hat er gesagt?", fragte ich nach. "Wenn ich nicht aufhöre dich zu vögeln, fliege ich raus!" "Na ja!", entgegnete ich lapidar und wünschte dem Chef vom Petzi, der nicht daran dachte sich einschüchtern zu lassen, insgeheim nichts Gutes. Kurze Zeit später schlug ich, einem unerklärlichen inneren Impuls folgend, die Todesanzeigen der Gemeindezeitung auf und starrte minutenlang ungläubig auf den Namen des Mittvierzigers im schwarz umrandeten Kästchen, dann rief ich den Petzi an. "Dein Chef ist tot?" "Ja. Plötzlich und unerwartet. Herzinfarkt!" Ich fühlte mich schuldig."Übrigens, dein Mann hat mir die Autoreifen aufgestochen!", erzählte der Petzi. "Du bist eine teure Geliebte!", fuhr er lachend fort. Ich wünschte meinem Mann nichts Gutes, schrieb ihm eine zornige SMS mit dem Wortlaut, dass "Gottes Mühlen zwar langsam, aber gerecht mahlen würden ..." Schließlich wusste ich, dass er schon lange eine Geliebte hatte und keinen Hehl mehr daraus machte, somit solle er sich nicht so deppert aufführen. Das war an einem Donnerstag. Am Freitag klingelte mein Festnetztelefon. Die Polizei teilte mir mit, dass mein Mann gerade mit dem Rettungshubschrauber ins Wilhelminenspital geflogen werden würde. Ein Autofahrer habe ein Stoppschild übersehen und ihn, auf dem Motorrad sitzend, zusammengeführt. Ich saß bis zum frühen Morgen mit ihr, die ich habe verständigen lassen, im Wartezimmer vor dem Schockraum im WSP und fühlte mich schuldig. Vielleicht sollte ich das mit dem Verwünschen in Zukunft lassen?! Den Petzi habe ich kurz danach verlassen. Er hat aus lauter Kummer die Nächste, die ihm über den Weg gelaufen ist, geheiratet, mich das am Telefon wissen lassen. Mir war es gleichgültig. Zwei Jahre später rief er erneut an um zu berichten, dass seine Frau verstorben wäre, knapp über Vierzig. Brustkrebs. Ich war erschüttert und der Petzi ein gebrochener Mann.

"Du, wie geht es eigentlich dem Typen, der dir damals den Job weggeschnappt hat, den man dir versprochen hatte?", fragt mich meine Freundin. "Nicht so prickelnd!", entgegne ich. "Der hatte drei Monate später einen Schlaganfall und ist seither ein Pflegefall!" "Du hast wirklich ein böses Ju-Ju!", kommt es lachend von meiner Freundin. Ich lache nicht mit, sondern fühle mich schuldig, wobei ich den Kerl damals wirklich nicht verwünscht habe.

Ich ertappe mich gerade dabei, wie ich jemandem nichts Gutes wünsche ... Das sollte ich nicht! Nein. Das sollte ich bei Gott nicht tun ...! Aber tief in meinem Herzen weiß ich, es wird verbrannte Erde geben und es werde nicht ich sein, die verliert ...

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Der hat doch einen an der Klatsche!

Der hat doch einen an der Klatsche! bewertete diesen Eintrag 21.10.2019 10:20:38

Süval

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gloriaviennae

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LaMagra

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Markus Andel

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