Man muss den Deutschen wirklich bewundern. Andere Völker kapitulieren vor Naturgesetzen. Der deutsche Michel hingegen nimmt den Kampf mit der Thermodynamik persönlich auf.
Dieses Jahr fällt die Weinernte so mager aus wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Reben standen vielerorts unter Trockenstress, die Trauben blieben kleiner als gewohnt. Aber wer jetzt glaubt, der Michel würde daraus irgendwelche Schlüsse ziehen, kennt den Michel schlecht. Der sieht die geschrumpfte Weintraube und denkt sich: "Na also, endlich weniger unnötigen Ballast. Deutsche Effizienz bis in die Frucht hinein."
Auch der Rhein führt immer wieder so wenig Wasser, dass Schiffe nur noch mit reduzierter Ladung fahren können. Rohstoffe müssen teurer transportiert werden, Unternehmen zahlen drauf, Lieferketten ächzen. Aber was sind schon ein paar Milliarden Zusatzkosten gegen das erhabene Gefühl, an der Tankstelle weiterhin fossile Freiheit in den Verbrenner zu gießen? Der deutsche Michel zahlt jeden Preis. Hauptsache, der Motor klingt noch ein bisschen wie ein schlecht gelaunter Mähdrescher.
Man muss ohnehin verstehen: Es gibt für den Michel keinen Klimawandel. Es gibt nur eine Reihe völlig unabhängiger, zufälliger Ereignisse.
Der Fluss trocknet aus? Zufall.
Die Weinernte schrumpft? Zufall.
Der Wald stirbt? Zufall.
Der Rasen verbrennt? Zufall.
Der dritte Jahrhundertsommer innerhalb eines Jahrzehnts? Reiner Zufall.
Vielleicht war die Sonne schlecht gelaunt. Vielleicht wurde irgendwo ein indianischer Regengott beleidigt. Vielleicht liegt es an den Windrädern.
Doch irgendwann wird der Kipppunkt der öffentlichen Debatte erreicht sein.
Nicht, wenn die Ernte ausfällt.
Nicht, wenn die Viehhalter um Wasser kämpfen.
Nicht, wenn der Rhein nur noch als ausgedehnter Kieswanderweg nutzbar ist.
Sondern wenn die Brauereien melden: "Leider ist die Produktion eingeschränkt."
Dann wird der Michel plötzlich wissenschaftsinteressiert.
"Wie meinen Sie das, Grundwasserstände?"
"Was ist ein Temperaturrekord?"
"Erzählen Sie mir mehr über diese CO₂-Sache."
Bis dahin wird er erstaunliche Opferbereitschaft zeigen.
Er wird lieber sein Vieh verdursten lassen, als ein Tempolimit zu akzeptieren.
Er wird auf das Waschen verzichten und den Begriff "Naturgeruch" als kulturelles Erbe verteidigen.
Er wird von Tellern essen, auf denen sich bereits eigene Ökosysteme entwickelt haben.
Er wird vierlagiges Toilettenpapier sorgfältig in vier einzelne Bahnen auseinanderpfrimeln, um Wasser beim Händewaschen einzusparen.
Er wird Regenwasser in Marmeladengläsern sammeln.
Er wird den Rasen braun werden lassen und ihn anschließend als "mediterranes Landschaftskonzept" bezeichnen.
Er wird die Dusche durch energisches Nachdenken über Sauberkeit ersetzen.
Er wird Fenster schließen, um die Hitze draußen zu halten, und sich anschließend wundern, warum die Wohnung trotzdem 34 Grad hat.
Er wird den Hund zum Trinken aus der Regentonne schicken.
Er wird den Swimmingpool verkaufen, die Waschmaschine stilllegen, das Gemüse auf dem Balkon mumifizieren lassen und seinen Kindern erklären, dass Schatten früher eine kostenlose Dienstleistung der Natur gewesen sei.
All das wird er klaglos ertragen.
Aber wehe, das Aldi-Billigbier wird knapp.
Dann endet die große deutsche Gelassenheit abrupt.
Dann stehen dieselben Menschen, die jahrzehntelang jeden Hitzerekord zu einer "ganz normalen Wetterlage" erklärt haben, plötzlich vor den Kameras und fragen mit ernster Miene:
"Warum hat uns niemand gewarnt?"
Und irgendwo im Hintergrund zieht die letzte Weintraube Deutschlands vorbei. Klein, verschrumpelt und vertrocknet.
Wahrscheinlich mit einem Dieselmotor.