Diesel wird zum politischen Sprengstoff

Während die Öffentlichkeit meist auf den Benzinpreis schaut, entwickelt sich auf dem Weltmarkt derzeit eine deutlich gefährlichere Krise: Diesel wird knapp. In den USA ist der Preis für Diesel bereits bei 6,40 Dollar für eine Gallon, das sind ca. 1,44 Euro pro Liter, bei ca. 10% Steueranteil.

Die weltweiten Vorräte an Mitteldestillaten, zu denen Diesel und Heizöl gehören, befinden sich auf sehr niedrigen Niveaus, während Raffinerieausfälle, Kriege und Exportbeschränkungen das Angebot einschränken. Die Folgen treffen die Vereinigten Staaten härter als viele andere Industrieländer.

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Diesel ist nicht einfach nur ein weiterer Kraftstoff, Benzin bewegt Autos, Diesel bewegt die Wirtschaft.

Fast jeder Bereich der amerikanischen Wirtschaft hängt direkt von Diesel ab:

Fernverkehr per LKW, Landwirtschaftliche Maschinen, Baumaschinen, Güterzüge da wenig elektrifiziert ist, Schifffahrt, Bergbau, Teile der Stromerzeugung. Steigt der Benzinpreis, leiden vor allem private Haushalte. Steigt der Dieselpreis, erhöhen sich die Kosten praktisch aller Waren und Dienstleistungen. Genau das macht die aktuelle Entwicklung politisch so gefährlich.

Das eigentliche Problem sind nicht die Ölfelder

Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung besteht derzeit kein grundsätzlicher Mangel an Rohöl. Die USA fördern sogar Rekordmengen. Das Problem liegt bei der Verarbeitung zu Diesel. Selbst bei hoher Rohölförderung fehlen weltweit Raffineriekapazitäten, um genügend Mitteldestillate herzustellen.

Mehrere Faktoren kommen zusammen: Schäden an Raffinerien im Nahen Osten, Angriffe auf russische Raffinerien, Einschränkungen russischer Diesel-Exporte, Langfristige Schließung von Raffinerien in Europa und Nordamerika.

Die US-Energiebehörde EIA weist darauf hin, dass die weltweiten Dieselmärkte außergewöhnlich angespannt sind und die amerikanischen Vorräte weit unter dem üblichen Niveau liegen.

Die USA haben ein Inventarproblem

Besonders alarmierend sind die Lagerbestände. Die amerikanischen Dieselvorräte befinden sich auf saisonal historischen Tiefständen. Anfang September lagen die Distillatbestände auf dem niedrigsten Niveau für diese Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1980er Jahren.

Die EIA erwartet, dass die Vorräte zeitweise sogar unter 100 Millionen Barrel fallen und bis weit in das kommende Jahr hinein unter dem Fünfjahresdurchschnitt bleiben könnten.

Das bedeutet: Jede weitere Störung, sei es ein Hurrikan im Golf von Mexiko, ein Raffinerieausfall oder eine geopolitische Krise, kann die Preise noch stärker nach oben treiben.

Warum die USA stärker betroffen sind als Europa

Auf den ersten Blick erscheint das merkwürdig. Schließlich verfügen die USA über große Ölreserven und enorme Fördermengen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Wirtschaftsstruktur:

1. Güterverkehr

In Europa werden große Teile des Güterverkehrs über elektrifizierte Bahnnetze abgewickelt. In den USA dominiert hingegen der LKW-Verkehr. Nahezu jede Warengruppe wird über Tausende Kilometer mit Diesel-LKW transportiert. Steigt der Dieselpreis, steigen die Kosten für Lebensmittel, Konsumgüter und industrielle Vorprodukte unmittelbar.

2. Eisenbahn

Während in Europa die meisten Hauptstrecken elektrifiziert sind, basiert der amerikanische Güterverkehr noch weitgehend auf dieselelektrischen Lokomotiven. Auch die Bahn ist daher vom Dieselpreis abhängig.

3. Landwirtschaft

Die USA gehören zu den größten Agrarproduzenten der Welt. Traktoren, Mähdrescher und Bewässerungssysteme verbrauchen enorme Mengen Diesel. Gerade während der Herbsternte steigt die Nachfrage besonders stark. Die EIA nennt die Erntesaison ausdrücklich als einen Grund für die aktuelle Marktanspannung.

4. Geringere Steueranteile

In Europa machen Steuern einen großen Teil des Kraftstoffpreises aus. In den USA ist der Steueranteil deutlich geringer. Das hat einen oft übersehenen Effekt: Wenn die eigentlichen Marktpreise steigen, schlagen diese Schwankungen in den USA viel direkter auf den Endverbraucher durch und können schlechter abgefedert werden.

Inflation durch die Hintertür

Diesel wirkt wie eine versteckte Steuer auf die gesamte Wirtschaft. Wenn Speditionen mehr zahlen müssen, erhöhen sie ihre Frachtraten. Wenn Landwirte mehr zahlen müssen, steigen Lebensmittelpreise. Wenn Bauunternehmen mehr zahlen müssen, verteuern sich Infrastruktur- und Wohnungsprojekte. Genau deshalb beobachten Zentralbanken und Regierungen den Dieselmarkt oft genauer als den Benzinmarkt.

Politischer Sprengstoff für die Midterms

Für die Midterms könnte die Dieselkrise erhebliche Auswirkungen haben. Wähler bewerten wirtschaftliche Lage meist nicht anhand von Arbeitslosenquoten oder BIP-Daten, sondern anhand ihres Alltags, und dort sind es die Lebensmittelpreise, Heizkosten, Transportkosten und die Preise im Supermarkt. Steigende Dieselpreise wirken auf all diese Bereiche gleichzeitig.

Wenn die Dieselpreise hoch bleiben oder weiter steigen, könnte dies das Gefühl verstärken, dass Washington die Inflation nicht unter Kontrolle hat. Die politische Gefahr liegt dabei weniger in der Zahl an der Tankstelle selbst als in den Folgewirkungen auf praktisch jedes Konsumgut.

Fazit

Die weltweite Dieselknappheit ist keine Ölkrise, sondern eine Raffinerie- und Versorgungskrise. Niedrige Lagerbestände, zerstörte oder stillgelegte Raffineriekapazitäten und unterbrochene Handelsströme haben einen Engpass beim wichtigsten Treibstoff der Realwirtschaft geschaffen.

Für die USA stellt dies ein besonderes Problem dar: Kaum ein anderes Industrieland ist so stark auf dieselbetriebene Lastwagen, Güterzüge und Landmaschinen angewiesen. Deshalb trifft ein Anstieg des Dieselpreises die amerikanische Wirtschaft unmittelbarer und breiter als viele andere Länder.

Und genau deshalb könnte Diesel bei den Midterms am Ende wichtiger, weil Diesel über die Preise von Lebensmitteln, Waren und Dienstleistungen in den Alltag jedes Amerikaners hineinwirkt.

Und weil auch der dümmste MAGA-Anhänger kapiert, dass Trump mit seinem ungelösten Iran-Problem hier ein riesiges Fass aufgemacht hat. Jemand der den Ukrainekrieg innerhalb von einem Tag beenden wollte und nun einen Dauerkonflikt an der Strasse von Hormus begonnen hat, ist nun hoffentlich eine Lehre für die Wähler in den USA.

Die Debatte hat dabei auch eine europäische Dimension. Die wirtschaftspolitische Ausrichtung der AfD orientiert sich in vielen Bereichen an einem ähnlichen Kurs wie der Trumpismus in den USA: stärkere nationale Alleingänge, Konflikte mit Handelspartnern, Skepsis gegenüber Klima- und Energiepolitik sowie eine geringere Bereitschaft zur internationalen Kooperation. Die Erfahrungen in den USA zeigen jedoch, dass diesel- und energiepreisgetriebene Inflation Milliardenkosten für Wirtschaft und Verbraucher verursachen kann. Wer auf eine Politik setzt, die internationale Konflikte verschärft, Investitionssicherheit verringert und den Umbau der Energieversorgung verzögert, riskiert letztlich höhere Kosten für Unternehmen, Staat und Bürger.

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