Als die ReichsAfDler und Querdenker gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gingen, wurde Gewalt von vielen auf der rechten Seite gerne als berechtigter Volkszorn verharmlost. Dabei reichte das Spektrum von Angriffen auf Journalisten und Polizisten über den versuchten Sturm auf den Reichstag bis hin zu konkreten Mord- und Terrorplänen gegen Politiker. Der Mord an einem Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein, der Fackelaufmarsch vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping sowie die aufgedeckten Attentatspläne gegen Ministerpräsident Michael Kretschmer stehen exemplarisch für diese Radikalisierung.
Dasselbe politische Milieu, das damals Gewalt relativierte oder entschuldigte, empört sich heute über Ausschreitungen französischer Schüler. Nicht primär wegen der Gewalt selbst, sondern auffallend oft deshalb, weil einige der Beteiligten dunkle Haare haben. Genau darin liegt die eigentliche Doppelmoral.
Von Eugène Delacroix - photo Shonagon 2024-05-02, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=147987667
Und genau das gleiche Gesocks, das seinerzeit diese Gewaltorgien als gerechten Volkszorn verteidigte, regt sich nun über ein paar französische Schüler auf, die einige Mülltonnen anzünden und eine Polizistin, Quark, eine Polizeianwärterin angreifen. Und das nicht, weil Jugendliche diese Taten begehen, sondern weil einige der Angreifer dunkle Haare haben.
Und ja, Gewalt ist immer schlimm. Nur kann ich sie nicht plötzlich für gerechtfertigt halten, weil mir das Thema genehm ist und die Gesichter der Täter europäisch aussehen.
In Frankreich wurden über Jahrzehnte Proteste geduldet, bei denen es regelmäßig zu Ausschreitungen kam. Bauern blockieren mit Traktoren wichtige Autobahnen sowie die Zufahrten zu Großstädten wie Paris. Dabei kommen Pyrotechnik, Böller und Rauchgranaten zum Einsatz, Straßen werden mit Heu, Stroh und brennenden Reifen blockiert.
Bei Arbeiterprotesten wurden auch schon Führungskräfte festgesetzt, um höhere Abfindungen zu erzwingen, natürlich während vor dem Firmengelände Reifen brennen und Barrikaden errichtet werden.
Das ist Teil der französischen Demonstrationskultur. Das mag man gut finden oder nicht. Aber ohne Barrikaden und eine barbusige Frau, die zufällig immer Marianne heißt, ist es in Frankreich eigentlich keine richtige Demonstration. Entweder man radelt nackt für die Rechte der Radfahrer oder man baut Barrikaden, sonst wird man nicht beachtet.
Und auf diesem Video kann man auch Schulen sehen, an denen europäisch aussehende Schüler genauso an den Ausschreitungen teilnehmen:
Nur ist es eben so, dass die von Kürzungen des Schuletats besonders betroffenen Schulen häufig in Migrantenvierteln liegen. Zudem machen sich dort gesellschaftlicher Rassismus sowie Diskriminierung durch einzelne Lehrer, Polizisten oder andere staatliche Akteure oft besonders stark bemerkbar. Entsprechend ist das Frustrationspotenzial an diesen Schulen größer.
Und zur Gewalt gegen diese Polizeianwärterin: Die Frau ist eine Lieutenant-Anwärterin, die laut französischen Medien ihre Ausbildung im März 2027 abschließen wird. Dann, nach 18 Monaten Ausbildung, ist sie Polizeioffizierin im gehobenen Dienst. Sie ist somit seit etwa September 2025 bei der Police nationale für eine 18-monatige Ausbildung um eine Führungskraft in der Polizei zu werden. Vorher hat die junge Dame warscheinlich noch einen Bachelor in Rechtswissenschaften erworben, da ein BAC+3 (also ein Abitur plus dreijährigem Studium) vorgeschrieben ist. Die meisten nehmen Rechtswissenschaften, wenn sie zur Polizei wollen.
Nach rund zwei Dritteln ihrer Ausbildung sieht man diese zukünftige Führungskraft jedoch von ihrer Einheit getrennt rumlaufen, weil sie ihr Funkgerät verloren hat. Anschließend muss sie eine längere Strecke, eher joggend als laufend, zurücklegen, um wieder Anschluss an ihre Einheit zu finden, von der sie sich selbstverschuldet entfernt hat. Die trotz Funkverkehr, der im Helm vorhanden ist, weit entfernt ist... Ich weiß nicht, was man ihr in den verbleibenden sechs Monaten noch alles beibringen will, aber aus dieser Szene ergibt sich für mich der Eindruck, dass noch erheblicher Ausbildungsbedarf besteht.
Interessant ist auch, dass sie zwar einen Helm trägt, was in solchen Situationen modebewusste Polizisten in Frankreich durchaus tragen, aber keine Rückenkennzeichnung. Gerade diese soll eigentlich sicherstellen, dass Einsatzkräfte auch in Schutzkleidung oder bei vermummtem Erscheinungsbild identifizierbar bleiben. Diese befindet sich oft aber nur auf der Vorderseite der Uniform, so dass Bildmaterial nicht genutzt werden kann.
Das führt dazu, dass mögliche Übergriffe von Polizeibeamten oft nur dann nachweisbar sind, wenn deren RIO- bzw. Dienstnummer erkennbar ist. Auf den im Internet kursierenden Videos ist dies häufig nicht der Fall. Die betreffende Beamtin kann allerdings selbst auf das Videomaterial zurückgreifen, weil ihre Identität über die Einsatzdokumentation und Funkprotokolle nachvollziehbar ist. Genau diese asymmetrische Identifizierbarkeit ist einer der Gründe, weshalb der Umgang mit Polizeigewalt in Frankreich regelmäßig kritisiert wird. Sie trägt auch zum Frust vieler Menschen in den französischen Vorstädten bei.
Schlecht oder unzureichend ausgebildete Polizisten, deren Führungskräfte auch nicht besser sind, wenn Sie Polizeianwärter ohne Rückendeckung weit entfernt von Einheiten bedenkenlos auf hochgradig frustrierte Demonstranten loslassen, führen nun einmal zu einem Umfeld, in dem Gewalt wahrscheinlicher wird. Und nein, diese Gewalt ist bei Coronadeppen, die sogar die eigenen Kinder als Blitzableiter vorschicken, genauso wenig zu entschuldigen wie bei frustrierten französischen Schülern oder bei schlecht bis garnicht ausgebildeten rassistischen Polizisten, die glauben, aufgrund ihrer Uniform und des Rückhalts des Staates über dem Gesetz zu stehen.
Übrigens schildert hier eine "Schulassistentin" wie sie von der Polizei zu Boden geworfen wurde, weil sie einem Schüler zu Hilfe kommen wollte, der von der Polizei am Boden liegend getreten wurde. Bei dem Polizisten ist dann auch auf der Vorderseite keine Rio- oder Dienstnummer zu finden. Somit wird das auch wohl im Sande verlaufen. Ein Hurraaaaaa auf die französische Polizeigewalt!