Ein Bloggierender behauptet, dass der Reaktorunfall in Tschernobyl eine einzigartige Chance für die Natur war. Ein riesiges Naturschutzgebiet in dem Tiere sich genetisch verbessert haben und die Natur nur so wuchert.

Der Autor präsentiert Tschernobyl als eine Art ökologisches Paradies und die Reaktorkatastrophe beinahe als Glücksfall für die Natur. Tatsächlich gibt es durchaus interessante wissenschaftliche Befunde: Die Sperrzone entwickelte sich zu einem riesigen Gebiet mit geringer menschlicher Störung, zahlreiche Tierarten kehrten zurück, und bei einzelnen Arten wurden Anpassungen an die erhöhte Strahlenbelastung beobachtet. So weisen etwa Laubfrösche in belasteten Gebieten eine dunklere Färbung auf, die möglicherweise durch einen höheren Melaningehalt einen gewissen Strahlenschutz bietet.

Daraus jedoch abzuleiten, Strahlung sei praktisch unproblematisch oder habe die Tiere gar „verbessert“, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Mehrere der im Beitrag genannten Behauptungen, etwa eine angeblich sechsmal höhere Krebsresistenz von Wölfen oder spektakuläre genetische Verbesserungen, sind in dieser Form nicht abschließend belegt. Der Autor verwechselt hier interessante Forschungsansätze mit gesicherten Erkenntnissen. Während bei anderen Ansätzen, wie dem Klimawandel, natürlich Vorsicht geboten sein muss...

Vor allem übersieht er den eigentlichen Mechanismus: Die Natur erholt sich nicht wegen der Strahlung, sondern trotz der Strahlung. Der entscheidende Faktor ist, dass Menschen, Landwirtschaft, Straßenbau, Jagd und Industrie weitgehend verschwunden sind. Dass sich Arten unter einem erheblichen Selektionsdruck anpassen können, war übrigens schon vor Tschernobyl bekannt. Evolution bedeutet aber nicht, dass die betroffenen Individuen profitieren. Anpassung setzt voraus, dass weniger angepasste Tiere ausscheiden.

Wer Tschernobyl deshalb als Paradies beschreibt, verwechselt die Rückkehr der Natur mit den Folgen einer Nuklearkatastrophe. Das ist ungefähr so logisch, als würde man einen Großbrand loben, weil auf der Brandfläche später seltene Pflanzen wachsen.

Und wer ernsthaft behaupten möchte, Strahlung sei letztlich eine Wohltat, sollte vielleicht selbst einige Jahre in der Sperrzone verbringen. Dann ließe sich prüfen, ob diese Theorie auch außerhalb von Blogbeiträgen Bestand hat. Die Ergebnisse wären vermutlich ernüchternder als die romantischen Erzählungen über „mutierte Superwölfe“. Und wenn eine hohe Intelligenz als Strahlungsschutz dient, was zu beweisen wäre, würde es auch in Zukunft weiterhin keine Menschen in der Zone geben und die Tiere könnten weiter ungestört dort leben...

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