Die Hohe Schule des Jammermarkt-Liberalismus: Freiheit auf Staatskosten

Der moderne Freiheitskämpfer hat es wahrlich nicht leicht in dieser grausamen Welt. Da sitzt er nun, das heilige Kaminfeuer der kompromisslosen Marktwirtschaft im Rücken, und blickt herab auf den erbärmlichen Pöbel. Morgens poltert er noch mit Schaum vor dem Mund ins Internet: Der Staat soll sich gefälligst aus allem heraushalten! Weg mit der Regulierung, her mit der absoluten Eigenverantwortung!

Doch ach, die Realität schlägt erbarmungslos zu.

Mittags blickt er auf die Zapfsäule und verlangt kreischend nach dem staatlichen Tankrabatt. Nachmittags friert die moralische Entrüstung beim Blick auf den Ölstand im Keller, weshalb umgehend ein Heizölrabatt diktiert werden muss. Und wenn der Strompreis auch nur um einen Cent zuckt, steht außer Frage: Natürlich hat der Staat hier sofort, bedingungslos und mit vollen Händen einzuspringen! Denn Freiheit – da sind wir uns einig – ist ein hohes, heiliges Gut. Vor allem dann, wenn irgendein anderer die astronomische Rechnung dafür begleicht.

Subventionen für mich, Teufelszeug für die anderen

Besonders faszinierend ist jene sakrale Inbrunst, mit der jede Form von staatlicher Unterstützung verteufelt wird, solange sie den Nachbarn trifft. Förderungen, tönen sie, seien nichts als pure Marktverzerrung und planwirtschaftlicher Wahnsinn.

Ausnahmslos natürlich, bis das Geld auf dem eigenen Konto landet.

Plötzlich verwandelt sich die verhasste, bürokratische Staatskasse wie durch ein göttliches Wunder in eine sprudelnde Quelle reiner gesellschaftlicher Wärme, Gerechtigkeit und mütterlicher Geborgenheit. Da wird nicht mehr gezankt, da wird eingestrichen.

Vorsorge ist für die anderen – Jammern für Fortgeschrittene

Die absolute Krönung dieser Heuchelei ist die pure intellektuelle Bequemlichkeit. Viele der heute hysterisch eingeforderten Entlastungen hätte man sich mit ein bisschen Weitsicht – man wagt es kaum auszusprechen – ganz einfach sparen können.

Wer rechtzeitig in effizientere Heiztechnik investiert, sein Haus dämmt oder den Energieverbrauch optimiert, macht sich schlicht unabhängig von den üblichen Preisschocks. Aber Hand aufs Herz: Vorsorge ist doch furchtbar unerquicklich!

Es ist unendlich viel befriedigender, jahrelang jede Veränderung, jede Energiewende und jeden Fortschritt strikt abzulehnen, um sich dann, wenn die Bude kalt bleibt, händeringend und empört auf den Boden zu werfen und nach Papis Staat zu rufen.

Fazit: Das flexible Portemonnaie

So wächst im schattigen Biotop des Stammtisch-Kapitalismus eine bewundernswerte politische Philosophie heran:

Gegen Umverteilung? Aber absolut – außer sie fließt direkt auf mein Girokonto.

Gegen Subventionen? Selbstverständlich – außer sie subventionieren meinen SUV und meine Ölheizung.

Gegen Sozialismus? Feuer frei – es sei denn, der Staat verbilligt mir den Sprit, das Heizöl oder die Stromrechnung.

Plötzlich ist all das keine verabscheuungswürdige staatliche Bevormundung mehr, sondern schlichter, gesunder Menschenverstand.

Am Ende bleibt die köstliche Erkenntnis: Ideologien sind im Grunde ihres Herzens erstaunlich gummiartig, sobald die eigene Brieftasche zwickt. Der hymnische Ruf nach dem „schlanken Staat“ wird eben verdammt leiser, wenn der Tank leer ist und der Heizöltank auf dem Trockenen liegt. Dann entdeckt selbst der radikalste Verfechter des ungezügelten freien Marktes, dass eine milde staatliche Finanzspritze etwas ungemein Tröstliches, ja fast schon zärtliches an sich hat.

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