Wirtschaftswunder à la AfD: Erst die Leistungsträger rausschmeißen, dann bis 75 malochen.

Während die Politik in Sachsen händeringend nach Wegen sucht, dem akuten Fachkräftemangel zu begegnen und deshalb verstärkt Arbeitskräfte in Ägypten anwerben will, geht man im benachbarten Sachsen-Anhalt offenbar lieber den ganz großen, ideologischen Umweg. Da hat der österreichische Rechtsextremist und Identitäre, Martin Sellner, just ein sogenanntes „Institut für Remigration“ mit Sitz in Magdeburg registriert. Im dazugehörigen, 49-seitigen Strategiepapier wird im Grunde durchdekliniert, wie man Menschen mit Migrationsbiografie – darunter auch solche, die seit Jahrzehnten im Land leben – mittels völkischer Fantasien und politischem Druck loswerden möchte. Und passend dazu strebt der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund an, sich zum ersten Ministerpräsidenten seiner Partei in Sachsen-Anhalt wählen zu lassen.

Man fragt sich logistisch unwillkürlich, wie das aufgehen soll: Auf der einen Seite fliegen wir per Fachkräftepakt neue Arbeitskräfte ein, während man auf der anderen Seite gut integrierte Menschen und Steuerzahler aus dem Land drängen will.

Doch für dieses wirtschaftspolitische Paradoxon gäbe es im Grunde eine knallharte marktwirtschaftliche Patentlösung: Warum passen wir Arbeitszeit und Renteneintritt nicht einfach flexibel und bundeslandbezogen an das verbleibende Angebot und die Nachfrage an?

Wenn der Arbeitsmarkt durch solche ideologischen Vertreibungspatrouillen demnächst komplett leergefegt ist, greifen schliesslich die eisernen Gesetze der Ökonomie. Rechnen wir das kurz durch: Bei einer prognostizierten historischen Lücke an Arbeitskräften diktiert der freie Markt in Sachsen-Anhalt bald charmante 50 bis 60 Wochenstunden. Die Lebensarbeitszeit schrauben wir derweil dynamisch bis 75 hoch. Und weil alle sich nicht als faul bezeichnen lassen wollen, kürzen wir den Urlaub auf die gesetzlichen Feiertage.

Wer will schließlich mit 63 in Rente gehen, wenn sein Traum einer arischen Gesellschaft ohne südländisches Stadtbild dafür wahr wird?

Am Ende bleibt ein bemerkenswerter politischer Spagat zwischen globalisierter Fachkräfteakquise und heimatverbundener Ausdünnung des eigenen Arbeitsmarktes.

Bis auf Weiteres bleibt Sachsen-Anhalt damit ein faszinierendes Experimentallabor dafür, wie man sich den Wohlstand mit Pauken, Trompeten und einer gehörigen Portion Realitätsverlust erfolgreich aus dem Kalender streicht.

0
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
0 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Noch keine Kommentare

Mehr von Pausenclown