Wie man sich an die Dunkelheit bindet: Otfried Preußlers „Krabat“ und das Echo von heute

Manchmal braucht es keine akademischen Abhandlungen, um zu verstehen, wie totalitäre Systeme funktionieren. Man nehme Otfried Preußlers Meisterwerk „Krabat“ – ein Jugendbuch, das in Wahrheit die Abrechnung eines Mannes mit seiner eigenen Jugend ist.

Preußler, als junger Mann im böhmischen Reichenberg vom nationalsozialistischen Rausch erfasst und in der Hitlerjugend organisiert, brauchte Jahrzehnte, um das Erlebte zu verarbeiten. In „Krabat“ goss er dieses Trauma in die Geschichte der Schwarzen Mühle.

Das Versprechen von Größe und der Pakt mit dem System

Wenn der Waisenjunge Krabat in die Mühle im Koselbruch eintritt, sucht er, was Jugendliche oft suchen: Halt, eine Aufgabe und das Gefühl, bedeutsam zu sein. Die Mühle bietet genau das. Sie verspricht Stärke, Kameradschaft und das Erlernen der „Schwarzen Kunst“. Es ist verlockend. Man gehört plötzlich zu den Auserwählten, die den Ton angeben.

Genau so funktionierte auch der Nationalsozialismus: Er bot den Jugendlichen Gemeinschaft, Stolz und das erhabene Gefühl, Teil einer großen, unbesiegbaren Bewegung zu sein. Die dunkle Macht lockt immer mit Attraktivität und dem süßen Gift der Überlegenheit. Man schaut anfangs gerne weg, wenn die Maschinerie im Hintergrund mahlt – wohlwissend, dass es Regeln gibt, die man lieber nicht hinterfragt.

Das Opfer im Kleingedruckten

Der Clou des Systems – ob in Preußlers Mühle oder in der echten Diktatur – ist der Preis. Der Meister der Mühle verlangt in jeder Silvesternacht das Leben eines Gesellen, um das eigene Überleben zu sichern. Die jungen Männer, die sich freiwillig andienen, merken zu spät, dass sie längst keine Handelnden mehr sind, sondern bloßes Verbrauchsmuv. Sie sind Täter und potenzielle Opfer in Personalunion.

Und hier schlägt die Brücke in die Gegenwart: Wenn wir heute beobachten, wie Wähler sehenden Auges ihr Kreuz bei der AfD machen, erleben wir exakt diesen Mechanismus. Man wählt aus Frust, aus dem Wunsch nach vermeintlicher Stärke oder um „denen da oben“ eins auszuwischen. Dabei wird billigend in Kauf genommen, dass man Grundrechte, soziale Sicherheit und am Ende die eigene demokratische Freiheit opfert. Man bindet sich an eine Kraft, die im Kern autoritär und zerstörerisch ist – in der träumerischen Hoffnung, man selbst gehöre am Ende zu den Gewinnern.

Preußlers Botschaft bleibt zeitlos:

Aus solchen Mühlen kommt man nicht durch Mitmachen frei. Man entkommt ihnen nur, wenn man den Mut aufbringt, das System zu durchschauen, die Solidarität der Vielen zu suchen und sich der Dunkelheit zu widersetzen.

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