Ich geb's zu, die "10 Punkte" zu VdB sind nur Werbung (das Internet liebt 10-Punkte-Listen). Ich will dennoch einen Überblick verschaffen, über gute Gründe kommenden Sonntag Van der Bellen zu wählen. Außerdem versuche ich direkte Vergleiche zu seinem Kontrahenten – einer grau melierten Grinsekatze aus dem rechtsextremen Wunderland – zu vermeiden, ergo dessen Fehler aufzuzeigen. Denn man kann am 4. Dezember durchaus Alexander Van der Bellen ankreuzen, auch wenn man sich nicht vor Rechtsextremismus fürchtet. Er wäre, für sich allein betrachtet, ein intelligenter, besonnener Bundespräsident, politisch und gesellschaftlich etwas links von der Mitte.

Keine Miss Austria

Eines spricht bereits für ihn: Seine Gegner und Gegnerinnen können Van der Bellen kaum moralische oder berufspolitische Fehler vorwerfen. Deshalb zicken sie gerne über sein Äußeres. Seine Plakatserie wäre zu plakativ, sie würde nicht zu den Vorurteilen und Verleumdungen der Internetblasenwelt, dieser Online-Gerüchteküche passen. So dürfe ein "Grüner" keinen Trachtenjanker tragen (Weil? So halt!). Seine Zähne wären nicht schön genug. Zugleich grinse er viel zu wenig (siehe Widersprüchlichkeit). Außerdem wäre er schon alt und nicht gerade ein Unterhaltungskünstler. Ich denke, wenn sie eigentlich eine Miss Austria wählen wollten, können sie am 2. Adventsonntag auch zuhause bleiben.

Wi(e)der das Trick'l vom Kickl

Im Wahlkampf saugt man sich einiges gegen VdB aus den Fingern. Während H.C. "Gelhelm" Strache über den verpixelten Bart des 72-jährigen herzieht, setzt Herbert Kickl auf Rhetorik-Schmähs. Erst letztens, im Zentrum konnte man hören, wie er zusammenhangslose Andeutungen und Zitate aneinanderreihte, um den Ex-Chef der Grünen als jemanden darzustellen, der keine feste oder eine widersprüchliche Meinung hätte. Die Worthülsen fielen so schnell, dass sein Gegenüber nicht auf den Schwachsinn im Detail antworten konnte.

Kleine Hilfestellung: Gegen nachweislich überteuerte und in Zusammenhang mit Korruption gekaufte Euro-Fighter zu sein, bedeutet nicht, gegen das Militär im Allgemeinen zu sein. Die Grünen haben auch kein Problem mit der Flagge unserer Republik. Jene angedeutete Sackerl-Flaggerl-Aktion war eine einmalige Satire gegen übertriebenen Nationalismus, die von Jung-Grünschnäbeln in Wien durchgezogen wurde. Einmal, von einer lokalen Gruppe, gegen den Wunsch des damaligen Gerade-Noch-Chefs. Dass die Konkurrenz vor allem letztere G'schicht ständig zur Unwahrheit aufbläht, zeigt, dass sie ansonsten nicht viel gegen Van der Bellen zu sagen hat.

Ein Studierter mit Inhalt

Natürlich gibt es auch echte Themen und Inhalte, mit denen man nicht einverstanden sein könnte. Aber einerseits wählt man keinen Regierungschef, keinen Gesetzgeber. Andererseits zeichnet sich Van der Bellen dadurch aus, dass er über Inhalte genau nachdenkt. Seine Kritikerinnen stellen es gerne so dar, als wäre er ein bisserl langsam. Wir sind Schaussteller auf der politischen Bühne gewöhnt, die zuerst möglichst schnell und laut sprechen und erst dann nachdenken. Dafür gibt es auch Rhetorikkurse: Damit man den verzapften Blödsinn bestenfalls in Echtzeit auszubessern weiß. Van der Bellen hat das nicht nötig.

Er ist ein Studierter geblieben. Wo andere nur Floskeln haben, hat er eine Meinung. Sie ist reflektiert. Und vor allem: Sie ist seine eigene. Die Welt auf eine irreale schwarzweiß Aufnahme zu reduzieren, macht zwar den populistischen Wählerinnenfang leichter. Aber dem zum Trotze bleibt „der Professor“ seinen intellektuellen Ansprüchen treu. Was also von einigen als seine Hauptschwäche ausgelegt wird, ist in Wahrheit ein triftiger Grund, ihn zu wählen. Goscherter Populismus gehört höchstens in die Opposition. Der Bundespräsident hingegen sollte ein bedachter, ein eigenständig denkender Mensch sein (er hat ja auch die Zeit dafür).

Grün-Faschist?

Deshalb ist auch der Vorwurf, er wäre ein "grüner Links-Faschist" (oder umgekehrt) ein reines Ablenkungsmanöver von den eigenen Leichen im Keller (ich will ja keine Namen nennen, von wem); einer der vielen Widersprüche gewisser Schmierfinke: Denn eigentlich wird ihm gerne vorgeworfen, er denke zu viel nach und würde (auf Grundlage dieser Gedanken) auch mal seine Meinung ändern. Im Gegensatz dazu macht es "Faschisten" oder auch "Extremisten" aus, dass sie weder nachdenken noch ihre politische Meinung ändern (können).

Freihandel

VdB betrachtet TTIP mittlerweile kritisch. CETA gehört zu jenen Themen, bei denen er eine bedachte Position einnimmt. Er ist grundsätzlich nicht gegen Freihandel, solange die Rechte der österreichischen bzw. europäischen Bevölkerung, Unternehmen und Regierungen durch ein solches nicht gefährdet werden. Damit stellt er sich sowohl gegen die extreme Rechte als auch gegen die extreme Linke (siehe: Kandidat der Mitte).

Europa, eh klar, aber...

Van der Bellen ist natürlich pro-europäisch. Wer heute noch glaubt, dass es uns ohne EU, aber mit Schilling besser ginge, der/dem kann ich auch nicht mehr helfen. Abgesehen von Personen, die in den letzten 30 Jahren im Koma lagen (kontaktieren Sie mich!). Andererseits steht er der Idee einer EU-Armee skeptisch gegenüber, weil sich diese nicht mit der österreichischen Neutralität vereinbaren ließe. Seine EU-Befürwortung kennt also auch Grenzen.

Flucht und Migration mit menschlichem Augenmaß

Beim Thema Migration und Flucht zeigt sich auch ein Medien-Problem. Der ORF titelt: "Van der Bellen gegen Obergrenze". In Wirklichkeit bezweifelt er nur, dass eine Obergrenze für Flüchtlinge und Asylwerber rechtlich überleben könnte. Auch die FPÖ kritisiert gelegentlich, wenn Gesetze beschlossen werden, die vor der Verfassung nicht stand halten können. VdB tat hier nichts anderes.

Ansonsten zeigt er auch bezüglich Flüchtlingspolitik Besonnenheit. So hat er nichts gegen Kontrolle und Registrierung an den Grenzen. Von Kürzungen der Sozialleistungen für Flüchtlinge hält er aber wenig, weil Verelendung und dadurch folgende Ausgrenzung genau jene Integration verhindern würde, die von Kürzungsbefürworterinnen immer wieder verlangt wird (siehe: Zuerst denken, dann sprechen!). Man darf auch hier nicht vergessen: "Der Bundespräsident ist nicht der Ersatz-Innenminister". VdB würde die Regierung jedenfalls daran erinnern, dass die Menschenrechte Teil unserer Verfassung sind.

Nicht mehr grün hinter den Ohren

Der ehemalige Bundessprecher der Grünen ist keiner der sich an einen Baum ketten würde. Im Grunde ist ein grüner Raucher wie ein Jäger, der sich beim VGT engagiert. Aber auch das zeichnet VdB aus: Der Umweltschutz ist für ihn wichtig, weil er vernünftig ist. Extreme Positionen nimmt er deshalb auch hier nicht ein.

Für eine Legalisierung von Marihuana setzt er sich übrigens auch nicht ein. Obwohl dieses Gerücht gerade der angeblich Grünen-skeptischen Landbevölkerung gefallen müsste. Im Gegensatz zu Tabak, wächst das Graserl auch bei uns.

Putin & Co

Van der Bellen zeigt geopolitisches Verständnis für die Annektierung der Krim durch Russland. Er sieht das Problem des Konfliktes vielmehr in der Ostukraine und fairerweise ebenso bei der ukrainischen Regierung. Was nicht bedeutet, dass er dem Putin-Regime gegenüber völlig unkritisch wäre. Er schlägt sich (obwohl pro EU) nicht blind auf eine Konflikt-Seite, sondern analysiert genau und ergreift Partei für die Vernunft.

Antidemokratisch?

Die Tatsache, dass er den aktuellen FPÖ-Chef-Demagogen nicht zum Bundeskanzler ernennen wolle, entspricht keiner Parteilinie. Im Gegenteil: Sie entspricht seiner persönlichen Haltung und seinem selbstbewussten Amtsverständnis. Der Bundespräsident hat schließlich die Pflicht und das verfassungsmäßige Recht, eine Regierung abzulehnen, die seiner Ansicht nach der Republik schaden könnte. Van der Bellen hat die Eier, das laut auszusprechen und auch dabei zu bleiben (sein Gegner hingegen will die Regierung nun vielleicht doch nicht mehr entlassen). VdB verspricht auch nichts, was sein Amt nicht hergeben könnte.

Ein Mann des Volkes

Seine Gegner bezeichnen ihn als Kandidaten einer abgehobenen Elite. Aber Van der Bellen ist (intellektuelle) "Elite" im ursprünglichen Wortsinn. Der Wirtschaftswissenschaftler ist einer der wenigen (Anm.) Politikern, die nicht nur (irgendwas) für Titelgeilheit, Vitamin-B und politische Karriere studierten. Er war seine gesamte Karriere über in der Opposition und gehört (im Gegensatz zu seinem Kontrahenten) nicht mehr zum parlamentarischen, staatlichen Establishment. Stattdessen saß er bis 2015 im Wiener Gemeinderat. Er finanziert seinen Wahlkampf zu einem großen Teil (2,73 Millionen) durch Privatspenden aus dem Volk. Die Grünen unterstützen ihn naturgemäß, administrativ allerdings auch die SPÖ. Die Neos ergreifen Partei für ihn, ebenso Teile der ÖVP. Es gibt kaum einen Präsidentschaftskandidaten (abgesehen von Irmgard Griss, die ihn ebenfalls wählt), dem die Überparteilichkeit eher zu zutrauen ist.

Ein Kandidat der Mitte

Van der Bellen ist kein "Linkslinker", nur weil er nicht gerade rechts ist. Barack Obama oder die EU sind schließlich auch nicht pazifistisch, nur weil ihre Administrationen den Friedensnobelpreis erhielten. In allen genannten Beispielen zeigt sich vielmehr: VdB ist ein Kandidat der Mitte mit gewissen Linksdrall. Er scheut in seinem Buch "Die Kunst der Freiheit" auch nicht davor zurück, eingefleischten Grünen vor den Kopf zu stoßen und stets seinen eigenen zu benützen – auch gegen parteipolitische Konventionen. Man muss nicht in allen Dingen seiner Meinung sein, um das anzuerkennen.

Kein "Traum"-Kandidat

Das, was aus meiner Sicht an VdB tatsächlich zu bemängeln wäre, kommt selten zur Sprache (siehe: Vorwürfe aus der Gerüchteküche). Vielleicht, weil es den Rechten eigentlich gefallen müsste: Seine zurückhaltende Kritik gegenüber Kapitalismus, Neoliberalismus und Putin & Co, seine Distanz zur echten Linken, zum Sozialismus.

Ich hätte mir ja eine charismatische Frau und echte Sozialistin (und Nichtraucherin) in die Hofburg gewünscht. Aber eine solche Kandidatin bleibt ein Traum. Weshalb ich den einzig wahren Kandidaten wähle. Als Oppositionspolitiker war er mir zu „moderat“. Aber als Bundespräsl wäre Alexander Van der Bellen nicht nur im Vergleich der bessere. Er würde für sich gesehen so gut in die Hofburg passen wie eine Tschik ins Tschocherl, wie Hubert von Goisern hinter die Quetschn, wie der Jedermann vor den Salzburger Dom...

Das Wichtigste zum Schluss: A Ruhe in der Hüttn!

Van der Bellen wäre ein gelassener Bundespräsident. Natürlich würde sein Bekenntnis zur Demokratie, Menschlichkeit und Vernunft vehement verteidigen, wenn er muss. Aber er würde keine halb-heimliche Agenda gegen bestimmte Personen- oder Volksgruppen hegen. Er wäre kein Populisten-Präsident. Sondern ein freundlicher, gefestigter Herr, der gelegentlich nette Ansprachen hält. Das heißt, sollte er gewinnen, müsste ich mich für die nächsten 6 Jahre nicht über das Amt aufregen. Es könnte uns allen wieder so wurscht sein wie bisher. Wir haben immerhin wichtigere Probleme.

gruene.at

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