Am 3. Oktober 2026 feierte Deutschland den Tag der Deutschen Einheit. Doch während man andernorts das Zusammenwachsen des Landes zelebrierte, zog es den sachsen-anhaltischen AfD-Politiker Ulrich Siegmund zu einer ganz anderen Veranstaltung: dem „Preußentag“ seiner Partei. Was auf den ersten Blick wie eine historische Rückbesinnung wirken mag, entpuppte sich bei genauerem Hinblick als handfester Skandal, der tief blicken lässt.
Hinter dem Rednerpult prangte eine Fahne, die dem historischen Preußenadler nachempfunden ist – allerdings mit einem sehr spezifischen historischen Makel. Es handelt sich um exakt jene Flagge, die Preußen ausschließlich während der NS-Zeit verwendete und die einst auf direkte Veranlassung von Hermann Göring eingeführt wurde. Einziger Unterschied zum Original von damals: Das Hakenkreuz auf der Brust des Adlers fehlt.
Wer nun von einem unglücklichen Versehen sprechen möchte, ignoriert die Fakten. Bereits im Jahr 2024 gab es schwere Kritik an genau dieser Flagge. Damals rechtfertigte sich die AfD Sachsen-Anhalt über ihren Abgeordneten Hans-Thomas Tilschneider mit der Ausrede, der historische Bezug sei nicht beabsichtigt gewesen. Man habe sich mit Heraldik nicht gut auskennen und schlicht die einzig lieferbare Flagge kurz vor dem Fest bestellt.
Zwei Jahre sind seither ins Land gegangen. Man sollte meinen, dass eine Partei, die sich intensiv mit deutscher Geschichte beschäftigt, aus solchen Fehlern lernt. Doch weit gefehlt: Die Flagge wird auf Veranstaltungen weiterhin munter verwendet. Und das Schlimmste daran: Niemand kann sich heute mehr auf Ahnungslosigkeit berufen. Die genaue Herkunft und Bedeutung dieses Symbols wurde damals öffentlich heftig diskutiert und thematisiert. Damals hieß es noch, man habe es nicht gewusst – heute musste man es schlicht und einfach wissen.
Wenn sich ein Politiker wie Siegmund, der Ambitionen auf Regierungsverantwortung in einem Bundesland hegt, ungerührt vor ein solches Symbol stellt, offenbart das eine erschreckende Normalisierung rechtsextremer Ästhetik. Selbst der Versuch mancher Unterstützer, die Echtheit des Bildes anzuzweifeln, läuft ins Leere, dokumentieren doch Aufnahmen aus den eigenen Reihen – etwa in den Kommentarspalten des „Deutschlandkuriers“ – die Präsenz dieser spezifischen Göring-Flagge.
Wer in Sachsen-Anhalt regieren will, trägt Verantwortung für Symbole, Haltung und Werte. Wenn die AfD-Spitze den Gebrauch dieser NS-Preussenflagge seelenruhig hinnimmt, dürfen sich Wählerinnen und Wähler auf ein böses Erwachen gefasst machen. Der Weg nach vorn kann für eine Demokratie jedenfalls nicht über die Insignien der Diktatur führen.