Es gibt Grenzen des intellektuellen Anstands, die von gewissen Kreisen im Internet tagtäglich und mit Vorsatz eingerissen werden. Doch was in diversen Blogs – etwa unter dem Deckmantel vermeintlicher Parallelen zwischen Faschismus und einem herbeifantasierten „Wokismus“ – abgeliefert wird, sprengt jedes Maß an geschichtsfälschender Demagogie. Hier wird nicht mehr nur argumentiert; hier wird gezielt gezündelt, indem das Leben, das Denken und das Martyrium von Dietrich Bonhoeffer für eine reaktionäre Agenda geschändet werden.
Wer wagt es eigentlich, den historischen Nationalsozialismus – ein System des industriellen Massenmords, des totalen Staatsterrors, der Vernichtung von Millionen Menschen und der Auslöschung jeglicher menschlicher Würde – mit gesellschaftlichen Debatten über Minderheitenschutz, Sprachsensibilität oder Diversität gleichzusetzen? Dieses Framing als sogenannter „Wokefaschismus“ ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht aller Überlebenden des echten Faschismus, es ist eine geschichtsvergessene Farce. Es offenbart eine erschreckende Blindheit gegenüber dem, was totalitäre Vernichtungspolitik tatsächlich auszeichnete.
Besonders perfide wird es, wenn diese Brandstifter ausgerechnet Bonhoeffers berühmte Analyse über die Dummheit aus den Zellen des KZ Flossenbürg heranziehen. Bonhoeffer, der mutige Widerstandskämpfer und Theologe, der sein Leben im Kampf gegen das braune Unrecht ließ, analysierte jene Mitläufer, die sich willförrig dem mörderischen Hitler-Regime andienten. Und wer instrumentalisiert diese Sätze heute? Genau jene, die sich in Opferrollen suhlen, weil eine demokratische Gesellschaft es wagt, für Diversität und Respekt einzustehen! Die Dreistigkeit, Andersdenkende oder gesellschaftliche Diskurse als „Neofaschismus“ zu diffamieren und dabei Bonhoeffers Konzept der Dummheit auf diejenigen zu projizieren, die sich gegen Rechts stellen, ist an Zynismus kaum zu überbieten.
Die tatsächlichen Muster des Faschismus sind glasklar im Geschichtsbuch verankert: Es sind Bücherverbrennungen, die Entmenschlichung politischer Gegner, staatlich verordneter Rassenhass, Folter und KZ-Terror. Wer diese monströse Realität mit heutiger politischer Korrektheit oder dem Eintreten für marginalisierte Gruppen vergleicht, hat jeglichen Realitätssinn verloren oder betreibt dies ganz bewusst im Dienst einer populistischen Spaltung.
Hören Sie auf, die Gräber der Widerstandskämpfer zu schänden! Dietrich Bonhoeffer würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen müsste, wie seine Mahnung vor blindem Gehorsam und der Gefährlichkeit der Dummheit für hohle, reaktionäre Ressentiments und billige Hetze instrumentalisiert wird. Wer das Erbe eines ermordeten Freiheitskämpfers so schamlos verdreht, um den eigenen Kulturkampf zu befeuern, disqualifiziert sich in jeder ernsthaften Debatte.