Bogumil Balkansky betrachtet das Attentat auf den serbischen Regierungschef Dr. Zoran Đinđić

Eifersucht, Gift und weiße Mehlsäcke

Der Clan von Zemun, die JSO-Einheit, ihr Kommandant Milorad Ulemek „Legija“ (1965 - ?) und der Chef des Clans von Surčin, Ljubiša Buha "Čume" gleiten geräuschlos und unbeschadet aus dem Serbien des Slobodan Milošević in das Serbien des Zoran Đinđić mit Zugewinn an Macht und Unberührbarkeit. Željko Ražnatović "Arkan", der kriminelle Prinz von Serbien ist seit dem 15. Jänner 2000 tot, Milošević, der „Capo di tutti Capi“, ist entmachtet und wird am 1. April 2001 nach langem Tauziehen von der JSO-Einheit verhaftet und nach Den Haag zum Kriegsverbrechertribunal ausgeflogen.

Über den beiden Clans und der JSO scheint nach dem 5. Oktober 2000 nur der leere Himmel zu sein und soweit das Auge reicht ist niemand da, der sie aufhalten kann. Es ist eine Ironie, dass sie sich bald selbst der größte Feind werden und durch eigene Dummheit alle Macht und alle Unberührbarkeit einbüßen.

Es ist eine Geschichte die üblicherweise nur unter Kindern geschieht. Und die geht so: Legija mag Čume nicht leiden – er sagt: Čume wird legal und uns lässt er im Sumpf zurück - und husst Duća und Kum gegen Čume auf bis die beiden Chefs des Clans von Zemun beschließen ihren Mentor, den Chef des Clans von Surčin, “nach Kanada zu schicken“ - so lautet ihr Code für Mord. Anschließend entwickelt die Story geradezu groteske Züge. Der erste Mordversuch an Buha ist ein Giftcocktail, der ihm von seiner Frau serviert wird. Duća und Kum haben Čume´s Frau Fotos seiner Geliebten gezeigt und ihr das Gift besorgt. Doch Čume überlebt knapp und glaubt an einen Eifersuchtsakt seiner Frau. Kurz später wird auf Čume geschossen, sein Leibwächter wird erschossen, beim Schuss auf Čume haben beide Mörder eine Ladehemmung.

Als die Polizei später in der Nähe einen leeren, weißen Mehlsack findet, ist es einer von jenen, in die die Gangster des Clans von Zemun am 5. Oktober 2000, in der Polizeistation Stari grad, die Beutewaffen stopfen. Nun erst weiß Buha dass ihm der Clan von Zemun und Legija nach dem Leben trachten. Am selben Tag begibt sich Buha auf eine wochenlange Flucht, die ihn bis nach Ankara bringt.

Weg ohne Rückkehr

Auch Zoran Đinđić bereitet sich auf eine Jagd vor. Er will ein Gesetz zur Kronzeugenregelung im Parlament durchbringen, dass ihm die Möglichkeit gibt, den Ballast des Clans von Zemun und der JSO loszuwerden und im Idealfall auch noch mit den schlimmsten Hinterlassenschaften des Slobodan Milošević und seiner Handlanger im Geheimdienst aufzuräumen, wie zum Beispiel die Morde am Zeitungsherausgeber Slavko Ćuruvija (1949 – 1999) und dem Politiker Ivan Stambolić (1936 – 2000).

Nach wechselvollem politischen Tauziehen gilt es als sicher, dass das neue Gesetz kommen wird und es nur eine Frage von wenigen Monaten ist, bis die Jagd auf den Klan eröffnet werden wird. Just zur selben Zeit, im Winter 2002 / 2003 erschafft der Klan sich selbst den ersten Kandidaten für die Kronzeugenregelung und damit potenziellen Totengräber des Clans: Ljubiša Buha Čume, den Chef des Clans von Surčin. Die kleinliche Fehde, die Milorad Ulemek Legija gegen Buha kurz zuvor eröffnet und die zu zwei misslungenen Mordversuchen führt, zwingt Buha zur Flucht. Aber der lange Arm des Clans von Zemun reicht bis nach Istanbul, wo Buha überrascht herausfindet, dass er auch hier gejagt wird. Also fährt er mit einem Auto bis nach Ankara, direkt zur serbischen Botschaft, wo er sich in eine Art freiwillige Schutzhaft begibt.

Aus späteren Aussagen vor Gericht wissen wir, dass der Plan des Clans und des inzwischen zwangspensionierten JSO-Kommandanten Milorad Ulemek Legija – bei einer Feier fackelt er das Lokal ab – überraschend primitiv ist: Man will ein Chaos wie am 5. Oktober 2000 erzeugen und anschließend genauso wie damals in die neue Zeit hinübergleiten.

Der beste Weg dazu scheint ihnen ein Attentat auf einen hochrangigen Politiker zu sein. Doch man ist unschlüssig wer „nach Kanada gehen“ soll: Čedomir "Narkoman" Jovanović oder vielleicht besser Vladimir Beba Popović? Schließlich einigt man sich darauf, dass niemand Geringerer als der „deutsche Schüler“, wie Zoran Đinđić verunglimpft wird, sterben soll. Die Verschwörer – denn das sind sie nun im juristischen Sinne – folgern, dass nur der Mord am Regierungschef die anderen Politiker, insbesondere die Mitstreiter von Đinđić, genug einschüchtert, genug Chaos stiftet und eine Neuauflage des 5. Oktober 2000 möglich macht.

Countdown zum Tod

Am 16. Februar 2003 kauft Miladin Suvajdžić "der Stumme", der Logistiker des Clans von Zemun, zwei LKW. Damit soll die Kolonne des Regierungschefs bei Bubanj potok, nahe Beograd, gestoppt werden. Der JSO-Major Zvezdan Jovanović "Zmija" (Schlange) soll zusammen mit dem besten Panzerfaust-Schützen der Einheit die Präsidentenlimousine in die Ewigkeit sprengen. Als die Späher des Klans jedoch melden, dass im Auto des Regierungschefs auch seine Frau und seine Tochter sitzen, wird der Angriff abgeblasen. Die Attentäter, die früher keine Skrupel haben Babys vor den Augen ihrer Eltern auf Bajonette zu spießen, wollen nicht, das diesmal serbisches Kinderblut ihre patriotische Tat besudelt. Dr. Zoran Đinđić hat noch weniger als einen Monat zu leben.

Inzwischen verhandeln die Kriminalbeamten rund um Oberst Mile Novaković mit Buha in der Botschaft in Ankara und versuchen einen sicheren Ort in Europa zu finden, wo der Kronzeuge außerhalb der Reichweite des Klans gerichtsverwertbar vernommen werden kann. Aber auch der Clan und die JSO-Einheit sind bereit, den Weg zu ende zu gehen.

Nachdem der erste Attentatsversuch auf Ministerpräsident Đinđić abgebrochen wird, setzt man den 21. Ferbruar 2003 als Datum für die endgültige Beseitigung fest. Inzwischen meldet ein bezahlter Informant aus dem Personenschutz von Zoran Đinđić den Attentätern jede Bewegung des Regierungschefs. Für diesen Mann ist Đinđić ein Verräter, aber er selbst nimmt für seinen Verrat das Geld der Gangster. Wieder legen sich Major Zvezdan Jovanović "die Schlange" und sein Kamerad aus der JSO-Einheit auf die Lauer. Zur Feuerunterstützung der Profis von der JSO, bewaffnet mit automatischen Waffen, liegen auch Mile Luković "Kum" und "der Metzger" Sretko Kalinić, Folterknecht und Chefhenker des Klans, ebenfalls auf Lauer. Diesmal bei der Halle Limes in Novi Beograd. Später sagt „die Schlange“ aus, weil diese Straße so belebt ist, habe er bei einem Angriff mit Panzerfäusten, mit mindestens 50 Todesopfern gerechnet. Aber auch dieser Versuch scheitert, weil der Fahrer des LKW-s, der die Präsidentenkolonne ausbremsen soll, frühzeitig auffällt und kurzfristig festgenommen wird. Zoran Đinđić hat noch 19 Tage zu leben.

Endlich gelingt es Oberst Mile Novaković auf diplomatischem Weg einen sicheren Aufenthaltsort für Ljubiša Buha zu finden. Anfang März 2003 landet der ehemalige Chef des ehemaligen Klans von Surčin in einer Kaserne der Armee der Slowakischen Republik und beginnt endlich die lange erwartete Arie zu singen. Ein Spezialankläger, eingeflogen aus Serbien, protokolliert jede Note. Die Vernehmung dauert bis zum 11. März 2003. Die Aussage des Ljubiša Buha "Čume" in gerichtsverwertbarer Form ist Kryptonit für den Klan, für Legija und für den Geheimdienst. Es ist nur eine Frage von Tagen, bis eine Anklage gegen den Clan von Zemun, Legija und die meisten Offiziere der JSO erhoben wird und sie alle verhaftet werden. Zoran Đinđić bleiben noch zwei und ein halber Tag Lebenszeit.

Die Schlange beisst zu

Der dritte Versuch Đinđić zu ermorden wird für den 12. März festgelegt. Diesmal besteht Major Zvezdan Jovanović "die Schlange" auf der Verwendung eines Scharfschützengewehrs. Er selbst will den Finger am Abzug krümmen, ohne Bezahlung, aus purer Vaterlandsliebe. Die Schlange besteht auch auf einer Crew aus Angehörigen der JSO-Einheit. Also Schlangen wie er selbst. Doch vergeblich. Legija teilt ihm die üblichen Hyänen des Clans von Zemun zu.

Đinđić soll vor dem Gebäude der Regierung, beim Eingang für die Regierungsmitglieder, erschossen werden. Die Schlange will eine Schussdistanz von 150 – 200 Metern. Verschiedene Standorte für den Schuss auf Serbien werden geprüft, bis man ein kleines Büro in einem Haus in der Straße des Admirals Geprat 14, findet. Die Distanz und das Schussfeld sind ideal bemessen, die Lage des Schützen ist gut getarnt und die Fluchtwege sind kurz.

Nur weniger als sechzig Stunden nachdem der Spezialankläger mit der Aussage des Ljubiša Buha "Čume" in Beograd ankommt, setzt sich die Schlange auf einen Sessel am Fenster des kleinen Büros. Eine Decke liegt am Fensterbrett, hier stützt Zvezdan Jovanović "die Schlange“ das Gewehr ab. Am Boden liegen Zigarettenstummel der Marke Davidoff, die die Schalnge raucht. Um 12:30 am 12. März 2003 drückt die Schlange den Abzug seiner Waffe zwei Mal. Eine Kugel verwundet Regierungschef Đinđić, die zweite verwundet einen Leibwächter. Der Schütze, seine Komplizen und alle wichtigen Clan Mitglieder sind im „štek" (Jargon, vom deutschen „Versteck“) in verschiedenen Wohnungen, hauptsächlich in Novi Beograd untergetaucht. Nur einen Steinwurf vom Plattenbau in der Omladinskih brigada Straße 16, in dem ich geboren bin und wo ich meine Kindheit verbringe, sitzt an diesem Tag auch Milorad Ulemek "Legija" im Plattenbau mit der Adresse Omladinskih brigada 8 und kommandiert den Verlauf des Attentats persönlich.

Der Leibwächter des Premiers überlebt, Zoran Đinđić stirbt noch am selben Tag an den Folgen der Schussverletzung.

Ein Vorwort als Nachwort

Die Ereignisse, vor, während und nach dem 5. Oktober 2000, die Vernehmung des Ljubiša Buha Čume 2003 und das ungeschickte Ende der Jagd auf die Clanchefs von Zemun, sind noch nicht zur Gänze ausgeleuchtet und gebären zahlreiche Verschwörungstheorien rund um die Rolle der DOS Politiker, ihrer möglichen Verwicklung in die „Geschäfte“ des Clans von Zemun, die Mitarbeit für diverse ausländische Geheimdienste und Letztlich die Verwicklung in das Attentat auf Đinđić.

Dass die Regierung Đinđić das Nicht-Schießen der JSO-Einheit am 5. Oktober 2000 keineswegs geschenkt bekommt, ist genauso wahr, wie das konsequente Bemühen dieser Regierung wahr ist, die JSO und die Gangster zur Strecke zu bringen. Die Odyssee des Ljubiša Buha Čume soll mit Hilfe zumindest des britischen Geheimdienstes, in einer osteuropäischen Kaserne geendet haben, woraus sich wiederum Spekulationen und Gerüchte über DOS-Politiker nähren. Doch solche Vorgänge – zumal von einer legitimen Regierung durchgeführt – sind keine Seltenheit, sondern eine Art diplomatischer Amtshilfe, die ganz ohne James Bonds innerhalb der DOS zu haben ist.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass keiner der Emissäre und Verbindungsleute des DOS den Versuchungen der Korruption erliegt, schlicht weil das menschlich ist und weil genug Geld da ist, um praktisch jeden zu Kaufen. Dušan Spasojević Duća und Milorad Luković Kum werden am 27. März 2003 von der serbischen Gendarmerie in einem Obstgarten nahe Beograd erschossen – eine misslungene Festnahme, die in weiterer Folge für neue Verschwörungstheorien im Dutzend sorgt.

Das einzige, was man mit Sicherheit sagen kann: Dafür, dass die JSO-Einheit am 5.Oktober 2000 nicht auf die Demonstration ballert, muss ein Preis gezahlt worden sein. Die nachfolgende „beste aller Zeiten“ für den Clan von Zemun, der im Rucksack der JSO die „Veränderungen des 5. Oktober“ unbeschadet übersteht, ist der beste Beweis dafür. Und dass es ein gemischtes Kommando, bestehend aus Clanmitgliedern und JSO-Offizieren ist, dass Đinđić ermordet, setzt dem einen millimetergenau passenden Deckel auf.

Wenn man Ockham´s Klinge anwendet und alles, was zur Erklärung nicht notwendig ist, wegschneidet, bleibt dennoch eine Verschwörung übrig. Allerdings eine sehr banale, weil echte Verschwörungen eben meist banal sind. In unserem Fall: Verbrecher, die alles zu verlieren haben, sind nun mal auch zu allem bereit – und fähig! Keine korrupten „rechten Hände“, keine ausländischen Geheimdienste, UFO-s oder Juden ermorden Đinđić, sondern Bestien in Menschengestalt, die durch ihr gesamtes Erwachsenenleben als Verbrecher gehen und es auch so beenden.

Und: Es gibt keine Kugel aus Eis!

ENDE?

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