Zwei handliche Figuren, die rund 2.000 Kilometer von einander ausgegraben wurden und deren Schöpfungen vielleicht 2.000 Jahre trennen, sehen sich ähnlich wie leibliche Schwestern. Wenn zwei "Venusfigurinen" (siehe Wikipdia) vor 20.000 bis 25.0000 Jahren geschaffen wurden, in tausenden Kilomentern Entfernung von einander, dann muss man daraus schließen, dass ähnliche Figurinen stark verbreitet waren, über lange Zeiten und weite Räume hinweg.

ethos.at https://ethos.at/ideenreich/bildung/1395-venus-trifft-venus

Die Besonderheiten der Venus von Willendorf und der Venus von Kostjonki (Костёнки): Der Kopf erinnert an einen Bienenkorb, die Arme und Beine sind in Relation zum fetten Körper stark reduziert. Die Geschlechtsmerkmale sind nicht (schamhaft) versteckt, sondern signifikant ausgeprägt. Man könnte meinen, die Figuren symbolisieren eine Königin, die ähnlich wie die Bienenkönigin nur zur Zeugung von Nachkommen da ist. Eine Gesellschaft, in der die Frauen die Rollen der Bienen und die Männer die Rollen der Drohnen übernehmen, ist denkbar. Die beiden Venusfigurinen zeugen davon, dass solche Gesellschaften im heutigen Europa existiert haben.

Für das Naturhistorische Museum ist die Venus von Willendorf „das bedeutendste Sammlungsobjekt des gesamten Hauses und zugleich einer der berühmtesten archäologischen Funde der Welt". Angesichts der Bedeutung des Objekts fällt dessen Deutung ziemlich dürftig aus:

"Hinter den Venusfiguren stand offensichtlich eine ganz bestimmte Vorstellung, die für die Menschen der Altsteinzeit durch das Bildnis einer Frau ausgedrückt wurde. Der Schöpfer bzw. die Schöpferin der Venus von Willendorf stellte keine fettleibige Frau um ihrer selbst willen dar, sondern hat das, was er oder sie darstellen wollte, als fettleibige Frau geformt. Welche Gedanken, Wünsche und Vorstellungen einst mit den Venusstatuetten verbunden waren, wissen wir nicht. Die Häufigkeit der Darstellung sagt nichts über die Rolle der Frau in der Altsteinzeit solange wir die genaue Bedeutung der Figuren nicht kennen.“

Darf das wahr sein? Der Schöpfer hat das, was er darstellen wollte, als fettleibige Frau geformt. "Welche Gedanken, Wünsche und Vorstellungen einst mit den Venusstatuetten verbunden waren, wissen wir nicht.“ Dass überhaupt individuelle „Gedanken, Wünsche und Vorstellungen“ für die Gestaltung der Venusstatuetten von Bedeutung gewesen sein sollen, ist eine Projektion ins 20. Jahrhundert. Eine Denkungsart, die wohl allen zeitgenössischen Künstlern bekannt ist, die aber nichts mit der Denkungsart der Steinzeit zu tun hat. Die Deutung des NHM vernünftelt in einer Art und Weise, die erst seit der Neuzeit entwickelt wurde. Dass die Häufigkeit der Darstellung „nichts über die Rolle der Frau in der Altsteinzeit“ aussagen soll, ist allerdings vernunftswidrig, angesichts der historischen Fakten.

„Die 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf ist nur eine, die Venus vom Hohle Fels, mit 40.000 Jahren älteste bekannte Menschenfigur, eine zweite: Nur wenig bekannt ist, dass die Darstellungen von Menschen im Paläolithikum aller Regel nach weiblich waren. Aus dem Zeitraum bis zum Ende der Kaltzeit vor 10.000 Jahren wurden weltweit – von Indonesien bis Österreich – insgesamt 700 Menschendarstellungen gefunden, darunter nur 70 vermutlich männliche. Die Mehrheit: 630 oft selbstbewusste, teils üppige, eindeutig als Frauen erkennbare Figurinen.“ ORF.at (10.2.25)

Es ist richtig, wenn wir aus heutiger Sicht keine vorschnellen Schlüsse über die Menschen und ihre „Gesellschaftsformen“ in der Jungsteinzeit ziehen. Aber angesichts der Häufung von Funden, (insbesondere in Костёнки / Kostjonki / Kostenki an den Ufern des Don) nichts aussagen zu können, „solange wir die genaue Bedeutung der Figuren nicht kennen“, ist widersinnig: jede Aussage über die Bedeutung der Figuren impliziert eine Aussage über die Rolle der Frauen in dieser Zeit.

EINE LEGENDE (im Sinne von Robert Musil und Egon Friedell: Geschichtsschreibung ist Dichtung)

Die „Zwillinge“ Venus von Willendorf und von Kostjonki sagen uns: diese Figuren sind nicht alltäglich (es ist unmöglich, dass ihre Körperformen die „Normgröße“ der Jungsteinzeit-Frauen waren). Sie sind zweifellos außergewöhnlich. Ach wenn über Jahrtausende tausende dieser Figurinen existierten, waren sie doch begehrte Einzelstücke. Sie waren keine Kunststücke in großer Auflage („Art Multiple“ nach heutigen Begriffen), sondern singuläre (religiöse) Gegenstände, weit verstreut in Europa und in vielen Variationen weltweit.

Vorstellbar sind Sippen, die keine Trennung zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen kannten, in denen eine gewählte oder auserwählte Königin als leibhaftige Göttin verehrt wurde. Verehrung bedeutet Ehrfurcht und Distanz, aber gleichzeitig auch die Sehnsucht, dem verehrten Wesen näher zu kommen – bis hin zur sexuellen Vereinigung mit dem „Objekt der Begierde“.

Der Königin dürfen sich nur gewählte oder auserwählte Männer (z.B. Priester) nähern. Diese sind es, die die Königin geistig und körperlich versorgen. Diese sind es, die sie geistig und körperlich befruchten. Die polygame Gesellschaft kennt auch ihre Grenzen: nur jener Priester darf „zu ihr eingehen“, der im Besitz ihres Abbildes ist. Ihr Abbild ist die Figurine. Das erklärt auch, dass sie weltweit nicht größer als eine Faust ist, denn sie muss in einer Faust Platz haben. Wie sonst sollte der Besitzer die Figurine – und damit sein Privileg – vor anderen Verehrern der Königin schützen? Mit dem Verlust der Figurine ging der Verlust des Privilegs einher.

So wie die Königin-Göttin begehrt wurde, war ihr Abbild Gegenstand der Begehrlichkeiten. Jeder junge Mann wollte sie haben und das Abbild erobern um in die unmittelbare Nähe des Originals zu gelangen. Vermutlich gab es keine ritterlichen Turniere zu der Zeit, aber sicher rituelle Formen der Aneignung.

Offenbar gab es einzelne Mitglieder einer Sippe mit der seltenen Fähigkeit, naturgetreue Abbilder ihrer Götttin zu schaffen. Diese waren nicht kräftig genug, dieses Abbild selbst zu behalten, das bedeutet: ständig in den eigenen Händen zu halten, mit denen sie ja etwas Besseres tun konnten und sicher auch taten. So entstanden neue Abbilder der Göttinnen vielleicht sogar schneller, als die Lebensdauer der leibhaftigen Königinnen. Es ist plausibel, dass sich Mitglieder der Sippe, die keine Chance hatten in den Kreis der Auserwählten zu glangen, verbündeten um die alte Sippe zu verlassen; ausgestattet mit einer neuen Königin – leibhaftig und als Symbolon, das als Schlüssel diente, der alle Türen zu Ehrfurcht und Sehnsucht öffnete.

Die Sippe konnte man verlassen, aber die (rituellen, religiösen) Sitten konnte man nicht aufgeben.

Diese Legende kann erklären, warum seit allen Zeiten viele Menschen den Schutz ihrer Sippe aufgegeben haben und das Risiko eines Neuanfangs wagten. Die Königin-Göttin-Legende macht plausibel, dass die Steinzeit-Menschen nicht rastlos wie Nomaden über den Planeten zogen, sondern immer nur ein Teil einer Sippe weiterzog, und zwar im Schutze einer neuen Königin-Göttin.

Unabhängig von der religiös-rituellen, sinnlich-übersinnlichen Bedeutung der Figurinen muss man aufgrund ihrer „Kunstfertigkeit“ neu darüber nachdenken, welche Werkzeuge damals bereits „auf dem Markt“ waren, um derart fein ziselierte Figuren aus Stein oder Mammutelfenbein zu fertigen.

ethos.at https://ethos.at/ideenreich/bildung/1395-venus-trifft-venus

Venus von Hohlefels, 35-40.000 Jahre

Venus von Willendorf, rund 29.500 Jahre

Venus von Kostjonki, russisch Костёнки, 20-25.000 Jahre

1
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
5 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Stinktier

Stinktier bewertete diesen Eintrag 18.03.2026 21:00:18

2 Kommentare

Mehr von thurnhoferCC