Bitte nie wieder ein „universelles Verständnis von ‚Nie wieder‘“

Jeder hat in seinem intellektuellen Leben seine Lieblingstrottel. Man schätzt sie, weil sie es mit bestaunenswerter Zuverlässigkeit schaffen auf unangenehmste Weise zu „liefern“, um einmal dieses scheußlichste aller scheußlichen Schwallwörter zu bemühen. Und so schaffte es auch der „junge Welt“-Chefredakteur Nick Brauns am 25.2. mit seinem Kommentar „Rechte Agenda“ mich nicht nur auf sein – vorsichtig formuliert – zweifelhaftes Verständnis der Shoah aufmerksam zu machen, sondern vor allem auf eine Initiative namens „Kufiyas in Buchenwald“, die „am Ort des faschistischen Massenmordes auch Israels Massenmord an Palästinensern thematisieren“ wolle. Das wird nicht nur Nick, sondern auch andere Brauns (man verzeihe, dass ich aus Kalauergründen einen falschen Plural verwende) jubeln lassen, beklagte die AfD doch bereits 2017 eine „aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus“ und regte eine „erweiterte Geschichtsbetrachtung“ an, bei der der eine Massenmord eben wie der andere sein könnte: Gaza und Buchenwald, alles eine Sauce, und weil der Verweis auf jenen impliziert, bei diesem Massenmord könnten die Opfer ebenfalls zuvor Täter gewesen sein, gewänne auch der alte Nazimythos, es hätten die Juden dem Reich den Krieg erklärt, neuen Support.

Aber das ist nur spekulativ und liegt vielleicht gar nicht in der Absicht Brauns, der ja nur um Verständnis werben will für „Antifaschisten“ mit einem „universellen Verständnis von ‚Nie wieder‘“. Nun ist „Antifaschist“ kein geschützter Begriff und so darf sich jeder so nennen, der‘s für angebracht oder angemessen hält, selbst wenn „Nie wieder“ heute an den Krieg in Gaza und morgen an einen herbeihalluzinierten „Völkermord an den Deutschen“ durch „Umvolkung“ oder „Überfremdung“ mahnen würde. Einmal mehr zeigt sich, dass die These von der Singularität des Holocaust nicht eine deutsche Marotte rund um den angeblichen „Schuldkult“ darstellt, sondern genau solche Relativierungen, bei denen der industrielle Massenmord zu einem Genozid unter vielen mutiert, zu verhindern hilft. Und waren es bislang die Rechten, die, kaum hatte man den Namen „Hitler“ fallen gelassen, „Stalin, Mao, Pol Pot“ zu brüllen begannen, so scheinen es nun Linke zu sein, die glauben, dass es so etwas wie Gaza unter dem Führer kaum gegeben hätte – aber auch „Linker“ ist kein geschützter Begriff, und wenn Brauns seinen Kommentar mit „Rechte Agenda“ betitelt, liegt er richtiger, als er denkt. „Deutsche Agenda“ hätte es noch besser getroffen, denn die Unterzeichnenden der Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ („Drei Forderungen: Eine offene Thematisierung des Völkermordes in Gaza in der Gedenkstätte Buchenwald. Kein Verbot palästinensischer Symbole in der Gedenkstätte (…). Keine Haus- und Sprechverbote wegen Palästina-Solidarität oder Kritik am Apartheidstaat Israel“ ) heißen, wenn sie nicht „Anonymous“ heißen, Alexander, Marlene, Lia, Anika und was es an Kartoffelnamen sonst noch alles geben mag. Wie lange mag der Tag noch entfernt sein, an dem sie die Naziparole „Unsere Großväter waren keine Verbrecher!“ mit „Stimmt, die waren ja nie in Gaza.“ bejahen?

Auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/03/04/bitte-nie-wieder-ein-universelles-verstandnis-von-nie-wieder/

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Kvasir

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