Die Heuchelei der Brandstifter: Warum Kerkelings Buchenwald-Ansage die AfD ins Mark trifft

Die rechtsextreme AfD und ihre Gefolgschaft laufen Amok, weil HaPe Kerkeling im Thüringer Landtag unerschrocken die Prüfung eines Parteiverbots gefordert und dabei – in direkter Anlehnung an das Parteimotto – konstatiert hat: Alles sei möglich, auch Buchenwald.

Der Berliner AfD-Hinterbänkler Julian Adrat hat daraufhin sofort Strafanzeige wegen Volksverhetzung eingereicht, während willfährige Medien versuchen, Kerkeling zur unerwünschten Person abzustempeln. Eine groteske Randnotiz: Adrat selbst ist vorbestraft wegen Körperverletzung, Beleidigung und Volksverhetzung.

Doch bleiben wir bei Kerkeling. Die Empörung der Rechten kreist um die angebliche Haltlosigkeit der Buchenwald-Behauptung. Ernsthaft jetzt, liebe AfD? Für wie komplett verblödet haltet ihr die Öffentlichkeit eigentlich? Natürlich gibt es dafür keinen schriftlichen Stempel. Wer hat bitteschön ernsthaft erwartet, dass in einem Protokoll, einem internen Strategiepapier oder gar im offiziellen Programm schwarz auf weiß fixiert steht: „Wir planen den Bau neuer Konzentrationslager in Buchenwald, Bergen-Belsen oder Dachau“? Wer so etwas fordert, kann sich jedes juristische Prüfverfahren direkt schenken.

Tatsächlich hat sich die AfD im Umgang mit dem Erbe der KZs über all die Jahre bemerkenswert bedeckt gehalten. Dass sie eine radikale Kehrtwende der Erinnerungskultur einfordert, ist unbestritten. Gedenkstättenleiter in Sachsenhausen, Buchenwald und anderswo schlagen längst Alarm wegen einer Welle gezielter Provokationen. Öffentlich wird exakt das abgesondert, was die Justiz gerade noch passieren lässt. Wenn Björn Höcke von „wohltemperierter Grausamkeit“ schwadroniert, hat das einen fast schon pseudoliterarischen Zungenschlag. Bemerkenswert auch hier: Weder Höckes noch Adrats juristische Verurteilungen wegen Volksverhetzung stören die Partei auch nur im Geringsten. Jede Form von Geschichtsrevisionismus hat dort ein warmes Nest – bis hin zu Alice Weidels absurdem Konstrukt, Hitler mal eben als Linksextremen umzudeuten, oder Siegmunds Rüstungsschauen für eine radikale Abschiebe-Phantasie.

Und es geht tiefer: Zahlreiche Parteimitglieder pflegen offene Verbindungen ins Neonazi-Milieu oder entstammen direkt diesem Sumpf. Immer wieder schwappen aus dieser Kloake – vor allem in den sozialen Netzwerken – Äußerungen hoch, die einen neuen Holocaust offen gutheißen. Viel zu oft bleibt das unwidersprochen, geschweige denn gelöscht. Wenn Parteisoldaten solche Hetze verbreiten, hält sich die interne Rüge der Führung dezent zurück; eine öffentliche Distanzierung findet de facto nicht statt. Es drängt sich der zwingende Eindruck auf, dass es einkalkuliert, ja pure Strategie ist, wenn das primitive Fußvolk die verbale Drecksarbeit erledigt. Erst wenn das Image akut beschädigt wird, bricht man reflexartig ein – niemals aus moralischer Überzeugung, sondern eiskalt nach Kalkül. Einen einzigen echten Beweis dafür, dass die Parteispitze ein echtes, inhärentes Problem mit Rechtsextremismus hat, schulden sie bis heute.

Nun ist es die Kernkompetenz der AfD, genau solche Grauzonen zu instrumentalisieren, um panische Ängste zu schüren. Sie verzerren, framen, lügen sich die Welt, wie sie ihnen passt. So wird systematisch das Zerrbild konstruiert, jeder arabisch aussehende Mensch sei ein unbarmherziger Islamist, der Deutschland vernichten will oder heimlich deutsche Frauen absticht. Diese Angsterzählung nährt sich maßgeblich daraus, dass die AfD das Ausbleiben einer ohnehin unsichtbaren, lauten Distanzierung der Muslime vom Islamismus flugs zur stillen Komplizenschaft umdeutet. Ähnliche perfide Muster greifen sie im Umgang mit der Berliner Linken.

Kerkeling zahlt sie schlicht mit ihrer eigenen harten Währung heim. Seine Einlassung, mit der AfD könne auch Buchenwald zurückkehren, ist keine platte Tatsachenbehauptung, sondern bedient exakt denselben Mechanismus, mit dem die AfD seit Jahren ihre Panikmache betreibt: Aus fehlender Abgrenzung wird der dringende Verdacht der Nähe und Billigung konstruiert. Umso brisanter ist das, wenn dieser Spiegel von jemandem vorgehalten wird, der massive Reichweite genießt und von Millionen Menschen als Integer und reflektiert wahrgenommen wird.

Für die AfD ist dieser Vorstoß brandgefährlich. Nicht, weil er faktenwidrig wäre, sondern weil die reale Gefahr droht, dass ein für die Partei viel zu großer Teil der Bevölkerung messerscharf erkennt: Es ist plausibel. Und weil sie diese toxische Ernte selbst gesät hat, wirft sie nun künstliche Nebelkerzen über angebliche Beleglücken.

Noch kann es sich die AfD schlicht nicht leisten, restlos als das entlarvt zu werden, was sie im Kern ist. Menschen ohne Papiere nach Gutdünken abzuschieben ist das eine – den Massenmord an Millionen Menschen anzustreben, ein völlig anderes Kaliber. Die Angst, dass der Verdacht neuer KZs sie massenhaft Stimmen kostet, sitzt tief. Zur Erinnerung: Auch Hitler ist damals nicht mit fertigen Plänen für die „Endlösung“ (die ohnehin erst ab 1941 existierten) auf Stimmenfang gegangen.

Dazu kommt das Timing: Eine solche Debatte, die neue Ängste schürt, kommt der Parteispitze gerade absolut ungelegen. Bei allen medialen Erfolgen fehlt der große Durchbruch. Siegmund holt in Sachsen-Anhalt keine absolute Mehrheit, kann also das Land nicht im Alleingang nach rechts umpflügen. In Berlin zeichnet sich Rot-Rot-Grün ab, was die Bundesratsmehrheiten für ein mögliches Verbotsverfahren massiv stärkt. Spätestens nachdem Sachsen-Anhalt für NRW-Ministerpräsident Henrik Wüst der ultimative Beweis war, dass Merz & Co. mit ihrer angeblichen „inhaltlichen Entzauberung“ auf ganzer Linie versagt haben, brennt die Hütte.

Die AfD kann diese Buchenwald-Diskussion gerade absolut nicht gebrauchen. Ihr Zeitfenster ist eng, und ihre maximalen Ziele sind ohne absolute Mehrheit Utopie. Je länger dieser Triumph auf sich warten lässt, desto größer wird das Risiko der Selbstentzauberung. Denn dort, wo sie heute schon mitregieren oder Verantwortung tragen, liefern sie katastrophal ab. Nicht nur, weil Gesetze und fehlende Mehrheiten bremsen, sondern weil bei all den vollmundigen Plänen schlicht jede Kompetenz und das Geld fehlen – wer nach den Finanzierungsquellen fragt, stößt auf eine Betonwand aus Ahnungslosigkeit. Gelingt es der neuen Berliner Regierung obendrein, sichtbare Erfolge zu erzielen, bricht der AfD ihr einziges Fundament weg: die nackte Angst-Erzählung.

Das wahrlich Surreale ist doch, dass es erst das Jahr 2026 und einen HaPe Kerkeling gebraucht hat, um diese Wahrheiten ungeschönt auf den Tisch zu legen. Ausgerechnet in einer politischen Landschaft, in der Figuren wie Merz, Söder, Spahn oder Aiwanger im Umgang mit der Ampel absolut keine absurde Unterstellung zu schade war, um sie Scholz, Habeck und Co. um die Ohren zu hauen. Hand aufs Herz: Wer nicht komplett blind durch die Welt rennt, weiß genau, dass es Szenarien gibt, die weitaus unwirksamer klingen als die Tatsache, dass kurz- bis mittelfristig Kräfte das Ruder der AfD übernehmen, für die ein „Buchenwald 2.0“ weit mehr als nur eine verrohte Fiktion ist. Das passende Personal steht schließlich schon in den Startlöchern.

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