Gastkommentar Wolfgang Glass - Glass ist ein promovierter Politologe, war lange Zeit im Bereich Wirtschaftsförderung, Personalrekrutierung und Firmenakquise tätig. Seit 2022 ist er hauptamtlicher Sanitäter in Wien.
Nicht erst durch KI, Abstieg der Parteien der Mitte und der Unsicherheit der Arbeitsplätze ist uns bewusst, dass die ruhige Zeit des “ewigen” Aufstiegs vorbei ist. Das Denken in Zyklen ist abhanden gekommen. Genauso wie das Mass der Geschwindigkeiten in vielen Lebensabschnitten.
Seit Beginn der Industrialisierung erleben wir eine permanente Revolution nach der anderen. Die letzten siebzig Jahre sind eher eine Ausnahme. Es ging stetig bergauf, ohne Kriege und größtmöglicher Versorgung der Bevölkerung. Österreich ist durch die ehemals großen Volksparteien ein Staat mit sozialer Marktwirtschaft, Arbeitnehmer und -geber bestmöglich organisiert. Man könnte sagen, sozialdemokratisiert. Alles wurde erreicht, aber die neue Geschichte, neue Ziele, fehlen. Was Demokratie heissen soll in einem Land, das den Menschen beigebracht hat, der Staat kümmert sich, ist nicht definiert. Was war eigentlich das Versprechen der Demokratie? Was der Anteil des Staates und was des Individuums? Diese Fragen gingen unter im Sog des Wohlstands.
Ich bin kein Pessimist, wenn ich sage, es wird wichtig werden zu antizipieren, wie Menschen, die es nicht gewohnt waren, auf etwas zu verzichten, wie die reagieren werden, wenn sie verzichten müssen. In der Regel werden Menschen zornig, wie kleine Kinder, denen man in der Sandkiste die Schaufel wegnimmt. Mitbestimmung im Sinne von alle paar Jahre die Stimme abzugeben, war bis dato die Demokratie. Wichtiger wäre es, eine Stimme zu haben und diese auch einzusetzen. Wer soll worüber mitbestimmen können. Und sind wir dazu überhaupt in der Lage (sprachlich wächst bereits eine Generation heran, die weder sinnerfassend lesen noch schreiben lernen wird). Das “sich einbringen können” wird immer wichtiger. Klafft eine zu große Lücke zwischen denen, die sich einbringen können und jenen, denen bereits Grundvoraussetzungen fehlen, wird die Demokratie im Sinne von größtmöglicher Mitbestimmung in Gefahr sein. Sie funktioniert am ehesten, wenn im Hinblick auf Macht und Wohlstand halbwegs eine Verbindung besteht.
Dass der andere immer mehr zu haben scheint, und man deshalb neidig wird, macht nicht so viel aus, als wenn Menschen keine gemeinsamen Diskurse pflegen. Ob dies wegen kultureller oder sprachlicher Verschiedenheit besteht, ist sekundär. Moralisches Unterscheidungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein müssen trainiert werden und sind Grundvoraussetzungen für das Zusammenleben.
Überhaupt ist der Mensch in einem Tempowahn gefangen, der ihm die Unterscheidung in richtig und falsch für sein eigenes Leben schon schwer macht. Noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es mehr Veränderungen in nur einer Generation. Der technologische Fortschritt hat ein Tempo aufgenommen, das zu schnell ist. Aber schnell und langsam sind relative Geschwindigkeiten. Erst wenn die eine Geschwindigkeit auf die andere trifft, kann man von zu schnell oder langsam sprechen. Die Natur kommt jedenfalls nicht mehr mit dem von uns gewollten Tempo mit. Wenn die Meere schneller leergefischt werden, als die Natur mit ihrem Tempo Fische ins Leben bringt, dann wird er Tempounterschied sichtbar. Genauso verhält es sich mit der Multioptionsgesellschaft, in der wir leben. Sie gibt uns die Freiheit, das machen zu wollen, worauf wir Lust haben. Doch das erfordert, Grenzen setzen zu können, weil wir nicht überall dabei sein können, also Eigenverantwortung. Die Zukunft ist einer diffusen Unsicherheit gewichen. Wir wollen alles, wissen aber nicht, was das auf uns heruntergebrochen bedeutet. Das haben wir nie gelernt, weil der Staat immer auf uns geschaut hat. Wenn wir nicht lernen uns mit uns selbst zu befassen, um so ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben führen zu können, werden wir auch für unsere Mitwelt kein gutes Gesellschaftsmitglied sein. Und wenn dann verzichtet werden muss, weil die Kassen endgültig leer sind, weil Strukturveränderungen verschlafen wurden, dann ist die Demokratie nicht mehr nur in Gefahr, sondern neu definiert. Besser, wir definieren sie jetzt und lernen mit der neuen Zukunft umzugehen, statt an der “alten Zeit” festkleben.