Ein sehr gut analysierender, lesenswerter Artikel von Wolf Lepenies

Original:

"Die Politik der Paranoia erreicht jetzt auch uns

Wolf Lepenies

Verschwörungswahn und Hysterie sind alte Gespenster der Politik. Sie gewinnen wieder an Kraft – ob in Form von Trump oder Pegida. Was jetzt in Deutschland geschieht, wurde schon 1963 beschrieben.

© pa/ZB/dpa-ZB Pegida-Aktionstag in Dresden http://img-s-msn-com.akamaized.net/tenant/amp/entityid/AAgBQLK.img?h=679&w=1019&m=6&q=60&o=f&l=f&x=1548&y=534

Im November 1963, dem Monat, in dem John F. Kennedy ermordet wurde, hielt der amerikanische Politikwissenschaftler Richard Hofstadter in Oxford einen Vortrag mit dem Titel "The Paranoid Style in American Politics". Der publizierte Text wurde zum Klassiker und so häufig zitiert, dass ein Zitier-Moratorium verlangt wurde: Alternativen Deutungen der amerikanischen Politik sollte auch einmal Raum gegeben werden. Aber immer wieder drängte es sich auf, an Hofstadters Thesen zu erinnern.

Heute ist in den Vereinigten Staaten nicht nur angesichts der Schlammschlacht, die sich Donald Trump und seine republikanischen Konkurrenten Marco Rubio und Ted Cruz liefern, wieder von "politischer Paranoia" die Rede. In der EU lässt sich der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien nach der Lektüre von Hofstadters Essay besser verstehen. Und in Deutschland wirken die Auftritte von Pegida und AfD, diesen Profiteuren der Angst, wie Musterbeispiele dessen, was Hofstadter den "paranoiden Stil" genannt hatte.

Für Hofstadter lag der paranoiden Politik eine Auffassung der Geschichte als moralisches Drama zugrunde, in dem das absolut Böse und das absolut Gute um die Weltherrschaft ringen. Lautsprecher dieser Politik waren die "Zornigen", "Angry Minds", die glaubten, Amerika gegen Feinde verteidigen zu müssen, die es auf die Vernichtung von "Gottes eigenem Land" abgesehen hatten. Intellektuelle und Kosmopoliten arbeiteten an der Zerstörung des amerikanischen Traums. Die "Zornigen" fühlten sich als selbstlose Patrioten, denen es nicht um eigene Vorteile, sondern um das allgemeine Wohl ging.

Von Trump bis Marine Le Pen

In der Perspektive einer paranoiden Politik stehen Weltanschauungen einander gegenüber, die so verschieden sind, dass jeder Kompromiss zwischen ihnen als unmöglich erscheint. Damit werden die Grundlagen eines Verständnisses von Demokratie, das auf den Ausgleich von Interessen und Anschauungen setzt, infrage gestellt. Nuancen verschwinden, Alles oder nichts heißt die Parole. Stärker noch als in den USA prägte "Anger Politics" die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

Verschwörungswahn und Hysterie trugen zum Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, des Faschismus in Italien und des Stalinismus in der UdSSR bei – mit mörderischen Konsequenzen. Die Gründung der Europäischen Union war der gelungene Versuch, eine Politik des wechselseitigen Vertrauens an die Stelle gegenseitiger Verdächtigungen zu setzen. Umso fataler ist es, dass sich heute der Aufstieg rechtsradikaler und populistischer Parteien in Europa mit dem Versuch verbindet, die EU zu schwächen und Vertrauen für die eigene Nation zu reservieren.

Dies gilt in Großbritannien für die United Kingdom Independence Party (Ukip) ebenso wie für den Front National in Frankreich, dessen Erfolg nicht zuletzt auf dem von Marine Le Pen unaufhörlich geäußerten Verdacht beruht, "dass man uns in Brüssel etwas verschweigt". EU und Euro haben sich angeblich gegen die französische Nation verschworen.

Hofstadters "polyglotte Bevölkerung"

Paranoide Politik ist die Reaktion auf eine kritische, das eigene Selbstwertgefühl bedrohende Situation. In dieser Politik spiegeln sich bedrohte Identitäten, infrage gestellte Werte, Ängste und unterdrückte Wünsche. Es geht dabei weniger um den klassischen ökonomischen Verteilungskampf als um die öffentliche Anerkennung eigener Überzeugungen. Es geht um Emotionen und Symbole, die so etwas bilden wie einen politischen Stil. Und immer geht es dabei um Grundsätzliches, der Fundamentalismus ist die Basis paranoider Politik. Deren Weltbild ist manichäisch: Den Guten stehen die Bösen gegenüber.

Gegen sie muss ein Kreuzzug geführt werden, jede Laschheit dem Bösen gegenüber würde in einer Apokalypse enden. Günstiger Nährboden für die Ausbildung einer paranoiden Politik ist eine von Hofstadter so genannte "polyglotte Bevölkerung": In ethnisch durchmischten Gesellschaften ist die Herausbildung einer von allen miteinander geteilten Identität schwierig, löst Konflikte und Ängste aus.

Es geht dabei nicht um den "Mob" – dass normale Bürger den Parolen einer Angstpolitik folgen, gibt dem Phänomen seine Bedeutung. Während in der klinischen Paranoia die Bedrohung durch eine feindliche Macht sich gegen ein Individuum richtet, richtet sie sich nunmehr, so der Verdacht, gegen eine bestimmte politische Ordnung und eine überlieferte Kultur. Der Einzelne ist davon überzeugt, seine politische Leidenschaft für eine Sache einzusetzen, die seine persönlichen Interessen weit übersteigt.

Pegidas Weltbild

Die Gewissheit, selbstlos und patriotisch zu handeln, verstärkt das Gefühl der Rechtschaffenheit und legitimiert die eigene Entrüstung. Sie richtet sich nicht nur gegen "die" Politik, sondern auch gegen eine Presse, die verdächtigt wird, Nachrichten und Meinungen zu manipulieren – Hofstadter sprach von "Managed News".

Die Ausdrücke "Wutbürger" und "Lügenpresse" klingen wie die deutsche Übersetzung von "Angry Minds" und "Managed News", "Pegida" ist das Kürzel paranoider Politik: "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Der Anhänger von Pegida engagiert sich für eine große Sache, er ist nicht nur Dresdner und Deutscher, sondern Europäer.

Er kämpft gegen die größtmögliche Bedrohung, die in der westlichen Welt denkbar ist: die Zerstörung des Abendlandes. Und als Bedrohung wird das größtmögliche Übel identifiziert: "der Islam". Mit dem zu erwartenden Stimmenzuwachs für die AfD in den kommenden Landtagswahlen wird in Deutschland der "paranoide Stil" zum Bestandteil des politischen Alltags. Mehr noch als die unerträglichen Äußerungen der Parteispitze sollte dabei die Tatsache beunruhigen, dass "more or less normal people", wie Hofstadter schrieb, den Parolen der Angstmacher folgen.

Hofstadters Analyse liefert Anhaltspunkte, wie einer paranoiden Politik begegnet werden kann. Dazu gehört Offenheit: Wenn Behörden Tatsachen verschweigen – die Weigerung, die Herkunftsländer von Straftätern zu nennen, ist dafür ein Beispiel –, verstärkt sich das Gefühl, einer Verschwörung auf der Spur zu sein: "Man verschweigt uns etwas." Dazu gehört ein Verständnis für Ängste, auch wenn man sie nicht teilt: Der Angst vor einem Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten kann man nicht damit begegnen, dass man den Wandel emphatisch begrüßt und sich vor Freude nicht zu halten weiß, dass "unsere Welt eine andere werden wird".

Dazu gehört schließlich Selbstbewusstsein: Es schadet der AfD nicht, wenn man die Kommunikation mit ihr verweigert, im Gegenteil. Ihre Anhänger werden dadurch im Gefühl bestärkt, geächtet zu sein, weil sie eine unangenehme Wahrheit aussprechen. Der Lohn für eine Politik der Angst steigt, wenn man den Eindruck erweckt, Angst vor ihr zu haben." Quelle: http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/die-politik-der-paranoia-erreicht-jetzt-auch-uns/ar-AAgBOkk#image=1

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