Wien ist eine tolle Stadt, eine Metropole voller wundervoller Menschen, die sich manchmal nur in einem zarten Augenblick begegnen, sehen und erkennen, ohne jemals zu erfahren, wer der andere war...
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Es geschah an einer Kreuzung, an einem Fußgängerübergang in Wien, an einem verregneten September-Sonntagmorgen. Der Himmel hing schwer über der Stadt, und der Regen fiel in dichten Schleiern.
Sie war eine Frau in jenem Alter, in dem man genau weiß, wohin man geht – eine Frau, die mit sich im Reinen war, die keine inneren Mauern errichtet hatte und deren Erfahrungen sie nicht verhärtet, sondern geöffnet hatten. Eine Frau, die das Leben kannte und es zu genießen verstand, ohne Bitterkeit, ohne Vorurteile, ohne die Last alter Verletzungen.
Sie schritt über die Straße mit einer Eleganz, die nicht gesucht war, sondern aus ihr selbst zu kommen schien. Ihre Bewegungen hatten jene natürliche Weiblichkeit, die nicht provoziert, sondern einfach existiert – ruhig, selbstbewusst, warm. Man sah ihr an, dass sie ihre Jahre kannte und annahm, und dass sie ihre Ausstrahlung nicht versteckte, sondern trug wie ein stilles Leuchten.
Sie gehörte nicht zu jenen Gestalten, die sich hinter praktischer Zweckmäßigkeit verbergen, sondern zu den Menschen, die im Alltag eine Spur von Schönheit hinterlassen. Eine Frau, die man mit Recht eine Frau nennen durfte – nicht wegen eines Begriffs, sondern wegen einer Haltung, einer Präsenz.
Wenn dir solche Frauen auf der Straße begegnen, dann lächle und nicke sanft – aus Respekt vor der Würde, die sie ausstrahlen, und aus Dankbarkeit für den Moment, in dem sich eure Wege kreuzen.
Zurück zu dieser Kreuzung in Wien, wo solche Begegnungen selten sind.
Der Mann, der ihr auf dem Zebrastreifen entgegenkam, erhaschte unter ihrem Regenschirm für einen kurzen Augenblick ihren Blick. Die langen, nassen, dunklen Haare, die Wimpern wie feine Pinselstriche, der klare, stolze Ausdruck und die strahlenden grünen Augen rissen ihn aus seinem Tagtraum.
Er wurde augenblicklich wach – wie Siddhartha, der auf einem indischen Markt seiner Meisterin begegnet und im selben Moment in seinem Leben ankommt.
Auch er war ein Mensch, der seine Jahre trug. Die feinen Narben in seinem Gesicht erzählten nicht von Kämpfen, sondern vom Leben selbst – von gelebten Tagen, von Entscheidungen, von Freude und Verlust. Sein Gang war aufrecht, seine Schritte bewusst, und in seiner Haltung lag jene stille Sicherheit, die nicht laut werden muss.
Er gehörte nicht zu jenen, die sich verstellen, um zu gefallen. Er war keiner, der Anerkennung erbettelte oder sich in fremde Erwartungen presste. Er hatte genug erlebt, um zu wissen, wie unterschiedlich Menschen sein können – und wie viel Kraft entsteht, wenn man einander Raum lässt.
Er hatte gelernt, dass Menschen aufblühen, wenn man sie sein lässt, wie sie sind. Dass sie dann ihre Flügel entdecken und sich in Höhen erheben, die niemand begrenzen kann. Und dass sie erlöschen, wenn man sie einengt, selbst wenn der Käfig aus Gold besteht.
Ihre Blicke trafen sich. Seine braunen Augen strahlten sie an, und das leichte, nach unten gezogene Schmunzeln seiner Lippen löste ein Lächeln in ihr aus.
Für einen Moment hielten beide den Atem an.
Mitten auf dem Zebrastreifen, während der Regen wie ein Vorhang zwischen ihnen und der Welt niederprasselte, blieben sie stehen. Die Stadt verlor an Bedeutung.
Sie öffnete die Lippen, und ein warmes Lächeln erschien, begleitet von den sanften Grübchen auf ihren Wangen. Sein Gesicht begann sich zu öffnen, die Freude kündigte sich in den Falten um seine Augen an – ein Lächeln, das jeden Augenblick hervorbrechen wollte.
Doch die Hupe eines ungeduldigen Autofahrers zerriss den Augenblick. Der Zauber löste sich, wie ein Faden, der plötzlich reißt. Beide zuckten zusammen, verloren den Blick des anderen und eilten an die gegenüberliegenden Straßenseiten.
Am Gehsteig blieben sie stehen und wandten sich noch einmal zueinander. Der Regen verwischte ihre Konturen, verwandelte ihre Gesichter in ein fließendes Bild aus Grau und Silber. Drei Ampelphasen lang standen sie so da – sie unter ihrem Regenschirm, er unter Mantel und Hut.
Es wirkte, als warteten sie auf etwas, das nicht ausgesprochen werden konnte. Dann hoben sie gleichzeitig die Hand und grüßten einander – wie alte Bekannte, die sich wiedererkennen, ohne zu wissen, woher.
Schließlich wandten sie sich ab, fast im selben Moment, und verloren einander im Regen.
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Ja, auch das ist Wien mit seinem Zauber der Augenblicke ...