Polybios, der erst ein griechischer Gelehrter, dann ein römischer Sklave und darauffolgend ein römischer Gelehrter war und demzufolge wohl wusste, dass jeder Zustand ein Vektor ist, beschrieb die Gesellschaften, die sich selbst oft als Höhe- und Endpunkt sehen, als Passagen. Seit es seine Schriften gibt, warnen Befürworter wie Kritiker einer Gesellschaft vor dem Übergang zur Ochlokratie. Und tatsächlich verfällt jede Gesellschaft, je mehr sie sich auf Regeln statt auf selbstbewusste und aufgeklärte Bürger stützt, in einen Zustand der sich selbst verwaltenden Bürokratie.

Und aus dieser Gerinnung erwächst der Wille zur Veränderung entweder in die Richtung noch rigiderer Regeln und eines handlungsfähigen Führers oder in die Freiheit des Lernens und Vereinbarens, wobei allerdings jede Handlung vom Willen der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minderheiten abhängt. Daher wirken diese Gesellschaften fast handlungsunfähig, ihre Bewegungen wie in Zeitlupe. Ein Krieg erscheint so gesehen als eine kräftige Vorwärtshandlung, die Installation eines Sozialsystems dagegen wie der Lauf einer Sisyphos-Schnecke. Der Vergleich der Vereinbarung mit dem Deal ist nicht nur eine grobe Verkürzung, sondern geht am Wesen vorbei. Aber auch der Deal will – im besten Fall – eine win-win-Situation. Die Vereinbarung schließt – in ihrem besten Fall – das Verlieren aus.

Möglicherweise entstand die Segregation in der neolithischen Revolution und möglicherweise wird sie in der Bibel mit der Kain-Abel-Geschichte symbolisiert. Solange wir zurückdenken können, und das ist nicht nur die Zeit der Schrift, gibt es diese Abwehr des Fremden, Neuen, Anderen. Das muss nicht der Feind, das kann auch der Aussätzige sein, der Veitstänzer oder der Verlierer. In späterer Zeit mag jede Segregation mit einer ideologischen Vorbereitung einhergehen, aber der Grundimpuls, das Urmotiv ist der Neid, ist die Angst vor dem Verhungern, die auch nicht nachlässt, wenn der allgemeine Wohlstand ein Verhungern gar nicht mehr zulässt. Der Neid scheint sogar noch zuzunehmen. Leider kann man auch noch in einer wohlständigen Gesellschaft verhungern, aber dann wurden die Bedingungen dazu mutwillig herbeigeführt.

Bei dieser Betrachtung übersieht man leicht, dass mit dem Wohlstand und der Freiheit zwar die Probleme nicht nur gelöst werden, sondern auch anwachsen, aber die Wohlfahrt sich ebenfalls steigert. Das heute teils heftig kritisierte Rentensystem wurde eingeführt, als die Relationen der Generationen einen solchen Vertrag zwischen ihnen zuließen: es müssen natürlich mehr Beitragszahler als Rentner vorhanden sein. Wir selbst haben den Vertrag verlassen, den wir jetzt kritisieren.

Wenn nun also fast das ganze zwanzigste Jahrhundert, und in der AfD und anderen rückwärtsgewandten Gruppen erneut in der Gegenwart, vor Gefahren gewarnt wird, die es offensichtlich nicht nur nicht gibt, sondern nicht geben kann, dann wird dieses Urmotiv beschworen und wir können – wie in der Natur – nicht fragen ‚warum‘, sondern nur wozu? Und es scheint fast so, als gäbe es nur ein einziges Motiv für diesen aber- und abermals wiederholten Versuch – und bisher sind sie alle gescheitert -, nämlich, dass es funktioniert. Es gibt immer wieder, vielleicht sogar periodisch, Menschen, die auf solche Führer warten, um von ihnen bestätigt und verführt zu werden.

Immer wieder wird die Aufnahme von Flüchtlingen zum Streitpunkt zwischen denen, deren Führer und Sprecher Angst schüren und jenen, die glauben, dass Barmherzigkeit zur Grundausrüstung des Menschen aller Ecken und Enden der Welt, aller Religionen und Philosophien gehört. Wer also halb Lagos, würde man heute statt Kalkutta sagen, aufnimmt, glauben jene, die an Barmherzigkeit glauben, tut erst einmal das beste: er oder sie ist barmherzig. Natürlich kann jemand, der nicht schwimmen kann, niemanden aus den Fluten des Rheins retten. Aber Deutschland könnte sehr wohl die Hälfte von Lagos, also zehn Millionen Menschen, aufnehmen. Der lange als Experte gefeierte, später als Medien-Scharlatan wohl besser titulierte Autor des inkriminierten Satzes hat Migrationsbewegungen schlecht beobachtet. Wer in den Slums von Kalkutta oder Lagos lebt, hat keine Chance nach Europa zu kommen. Um dem Elend zu entfliehen, bedarf es einiger Intelligenz und Lebenshärte, einer intakten Familie und auch etwas Geld.

Der Sinn der Migration bestand selten und besteht auch heute nicht darin, das eigene Leben zu retten oder zu verbessern. Weltweit, vielleicht mit Ausnahme von Europa, Japan und Nordamerika, wird noch in Familienkategorien gedacht. Die Situation der Gesamtfamilie verbessert sich durch das Familienmitglied, das es nach Nordamerika oder Europa geschafft hat. Aber auch die Situation des Gastlandes verbessert sich, allerdings nicht gleich nach Eintreffen des Migranten. In Israel kann der Flüchtling sofort, ohne Sprach- und Integrationskurse arbeiten. Im Libanon gibt es vor allem sehr viele weibliche Flüchtlinge, die in sklavenähnlichen Verhältnissen leben [siehe Blog Nr. 329 ‚Kapernaum‘]. Wen wundert es, dass man in Deutschland als Flüchtling, damit man die Chance hat, Neubürger zu werden, eine menschenwürdige Unterkunft bekommt, Sprach- und Integrationskurse besuchen und sich eine Ausbildung oder Arbeit suchen muss. Wer also halb Kalkutta oder halb Lagos aufnimmt verbessert in jedem Fall – sogar berechenbar – die Gesamtsituation der Welt. Das ist seit sehr langer Zeit wohlbekannt.

Die andere Seite ist noch interessanter, weil quantitativ größer und qualitativ bedeutender: Wer glaubt, dass er von masseneingewanderten Slumbewohnern selbst zum Slumbewohner wird, der hat, leger gesagt, nicht alle Tassen im Schrank. Selbst die zehn Millionen Menschen aus Lagos, die nicht kommen können, könnten unseren überdimensionierten Reichtum nicht aufessen. Bedenken wir bitte dazu nur drei Zahlen: ein Kalb kostet bei uns im Moment weniger als ein Kanarienvogel (unter 9 €), wir schreddern pro Jahr 50 Millionen männliche Küken und wir werfen elf Millionen Tonnen Lebensmittel weg.

Die nächste Gefahr nach den Slumbewohnern, auch von Scholl-Latour geschürt, ist der Islam. Es gibt nichts weniger als den Islam. Es ist die zerstrittenste Religionsgruppe. Der politische Islam ist praktisch zerfallen, selbst seine bisher hochpotenten und natürlich rivalisierenden Protagonisten, Saudi-Arabien und Iran, sind am Erliegen. Es mangelt ihnen an Geld, unfassbar. Ein islamistischer und gleichzeitig militaristischer Diktator, Generalmajor Dr. Omar Al Bashir im Sudan, wurde von seinem Volk gestürzt und die Militärclique, die ihn beerben wollte, in wenigen Tagen zum Einlenken gezwungen.

Der politische Islam ist weiter unberechenbar, aber so gut wie unwirksam. Es ist schrecklich, was in einigen Ländern geschieht, in Niger herrscht der Hunger, in Nigeria das Chaos, aber gefährlich für uns ist da nichts. Gegen den islamistischen Terror in Mali reichen einige wenige französische Miragebomber und die dazu passende deutsche Logistik. Selbst das Hocharabische, als gemeinsame Sprache und religiöse Klammer, verfällt zugunsten nationaler Dialekte. Die gesamte arabisch-islamische Region ist arm, zerstritten und unfähig.

China kann mit seiner merkwürdigen Kombination aus Liverpoolkapitalismus und kommunistischer Einpartei- und Einmannherrschaft nicht gewinnen. Es wird zusammenbrechen. Nach wie vor exportiert Deutschland mit knapp 40 Millionen Arbeitskräften gerade einmal ein Drittel weniger als China mit mindestens 600 Millionen Arbeitskräften (1.560:2.487 Milliarden US-$).

Weder aus unserem Wertesystem, das noch grundlegender ist als unsere Verfassungen, noch durch Gefahren aus ärmeren Ländern lässt sich begründen, warum wir unsere endlich gefundenen kombinierten Moral- und Marktvorstellungen ändern sollten, wenn Medienscharlatane den Weltuntergang proklamieren.

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