Du fragst mich, als ich mit einem Glas Welschriesling in der Hand an deinem Tisch vorbei gehe, wie es mir geht und ich bin erstaunt über die ehrlich gemeint wirkende Frage. So oft sind wir uns mittlerweile begegnet, seit ich nach vielen Jahren Abwesenheit wieder heim gekehrt bin, aber mit dieser Frage, wenngleich naheliegend, hatte ich nicht gerechnet. Ich antworte, dass es mir gut gehen würde. Das ist nicht die ganze Wahrheit, wenn auch nicht gelogen. Und nein, ich bin nicht betrunken, obwohl ich es gerne wäre, vorgehabt hatte, mich heute gezielt zu betrinken.

Ich habe dich nicht gefragt, wie es dir geht. Hätte ich dich gefragt, so hättest du ohnehin nicht die Wahrheit gesagt und vermutlich etwas wie "danke, eh gut" geraunt. Ich muss dich nicht danach fragen. Wenn ich dich anschaue, weiß ich, dass du nicht glücklich bist, genausowenig wie es deine Partnerin mit dem verhärmten Gesichtsausdruck ist, die ich heute das zweite Mal an deiner Seite sehe. Sie wirkt verlebt und verbittert, obwohl sie vermutlich ein paar Jahre jünger ist als ich.

Ich weiß noch, dass ich zu dir sagte, wir sollten tanzen gehen. Du meintest verlegen und ausweichend, du hättest gut und viel gegessen, würdest bald nach Hause gehen. Deine ebenfalls anwesenden Eltern verhielten sich distinguiert, echauffiert, obwohl sie mich mein Leben lang kennen. Ihr Verhalten amüsiert mich.

Vielleicht haben sie Angst vor dem, was passieren könnte? Dir wird hinterrücks Arroganz bei Inkompetenz vorgeworfen. Du bist bei den Wählern äußerst unbeliebt. Es wird mir erzählt, du hättest dich sehr negativ entwickelt, während ich einer der reichsten und angesehensten Familien der Stadt entstamme und zwar nicht ausschließlich, aber auch dafür, dass ich die Tochter meiner Eltern bin, stets am Ehrentisch sitze. Grund genug, um über deine Eltern zu schmunzeln. Es macht mich traurig zu beobachten, wie sehr du gefangen, verhaftet, bist, die von anderen und dir selbst angelegten Fesseln nicht abstreifen kannst.

Ich werde heute jedenfalls Spaß haben und mich daneben benehmen, nonkonform sein, volksnahe. Dass du es dir in deiner Postion nicht leisten kannst, verrückt zu sein, tut mir leid für dich. Mir ist es gleichgültig. Ich habe mehr erreicht, als sich meine Eltern gewünscht haben, mein Name bürgt für Qualität, weshalb mir gelegentliche Egozentrik und Übermut gnädig verziehen werden. Meine Jugend schwindet langsam und ich will bewusst und exzessiv leben, mich spüren, zumindest in meiner Freizeit nicht ernst sein müssen.

"In deinem Alter würde ich auch nach Hause gehen", entgegne ich ohne lang nachzudenken rotzfrech, während ich dich sanft am Arm berühre. Warum tue ich das? Du entgegnest schnippisch und wehmütig zugleich, mit einem schiefen Lächeln, mit Betonung auf sehr, ich wäre sehr nett. Wir sind gleich alt, wurden gemeinsam getauft, du bist mein ältester Freund. Und du schaust verdammt gut aus.

Du wärst einmal sehr verliebt in mich gewesen, hat mir meine Mama erzählt, viele Jahre später, um Jahre zu spät. Ich wusste das damals, als wir noch sehr junge Erwachsene waren, nicht. Warum hast du nie etwas gesagt? Oder hast du es getan und ich habe es nicht wahrgenommen? In der Stadt waren wir als Traumpaar gehandelt worden, selbstredend hinter unser beider Rücken. Erst vor einigen Jahren wurde mir auf einem Ball erzählt, dass allgemein angenommen worden war, wir würden einmal heiraten, ich aber froh sein könne, dich nicht genommen zu haben. Bin ich das?

Als ich dich vor mittlerweile doch einigen Monaten auf der Sitzung das erste Mal seit vielen Jahren wieder getroffen habe, ist etwas passiert mit mir. Bisher habe ich dich nie als Mann wahrgenommen gehabt. Wir haben uns gelegentlich oberflächliche Nachrichten geschrieben und waren Facebook-Freunde, mehr Kontakt hatten wir nicht. In meinen Gedanken warst du stets mein alter Jugendfreund. Du hast mich zunächst reserviert begrüßt, woraufhin ich selbstverständlich in alter Manier gestänkert habe, was das für ein Benehmen sei. Ich wolle ordentlich begrüßt werden! Beim nächsten Treffen hast du deine Begrüßung damit kommentiert, dass du mich gleich freiwillig küssen würdest, bevor ich dich wieder zur Schnecke machen würde.

Ich habe gewusst, dass du kommen würdest, hatte mich im Vorfeld danach erkundigt, allerdings zu jenem Zeitpunkt noch ganz ohne Hintergedanken, es hatte mich lediglich gefreut, dich wieder zu sehen. Und dann hat mich der Blitz getroffen. Bei jeder deiner Wortmeldungen zum politischem Geschehen hast du meinen Blick gesucht, um Bestätigung oder Missbilligung in meiner Mimik zu erkennen, und mich damit extrem verlegen gemacht, sodass ich kaum mehr wusste, wohin ich schauen sollte. Nur wenige Male gelang es mir, deinem Blick standzuhalten, dir in die Augen zu schauen. Ich bin nicht gerne nicht selbstsicher, ich habe mich und meine Gefühle stets unter Kontrolle. Selbst wenn ich scheinbar übermütig bin, mich von außen betrachtet daneben benehme, so weiß ich zu jeder Zeit, was ich tue und kann von jetzt auf gleich die Reißleine ziehen und umschwenken. Noch beim Heimfahren habe ich deine Blicke beinahe körperlich gespürt. Ein äußerst irritierender Zustand.

Als jüngst das Bild für den Selbstbeweihräucherungs- Zeitungsartikel aufgenommen wurde, platzierte mich die Pressefotografin just neben dir. Mir war im Vorfeld gesagt worden, dass ich bewusst aus Repräsentationsgründen ausgewählt worden war und war, der Bitte mich zur Verfügung zu stellen Folge leistend, im Dirndl gekommen. Tatsächlich bin ich nicht geil darauf, meinen Namen und mein Foto in der Zeitung zu sehen, ich wollte dich sehen. Ich stand, wie um mich vor dir zu schützen, mit verschränkten Armen verkrampft und unsicher neben dir wie ein Schulmädl. Hab ich schon erwähnt, dass ich es hasse, mich nicht beherrschen zu können, die Kontrolle über meine Gefühle zu verlieren? Mein Herz schlug jedenfalls bis zum Hals. Du hast "komm her da!" oder Ähnliches gesagt, bevor du mich ganz nah an deine Seite gezogen und deinen Arm um mich gelegt hast. Selbstredend nur für das Foto. Schließlich soll dem Volk Einigkeit innerhalb der Partei suggeriert werden, oder? Ein Schauer war durch meinen Körper gefahren, als du deine Hand auf meine Hüfte gelegt hast. Was für eine Berührung!

Als ich vom vorletzten Fest Mamas Tombolagewinne nach Hause trug, hast du mich gefragt, ob du mir etwas abnehmen könnest. Ich entgegnete, du könntest mich auf die Fahrradstange setzen lassen und nach Hause führen. "Früher hast du dich nie von mir nach Hause bringen lassen!", hatte deine Antwort gelautet. Es klang bitter. Ich weiß, dass ich mit dem Feuer spiele, als ich "Du Depp, warum hast du dich all die Jahre nie bei mir gemeldet?" entgegne. Ich sollte dich nicht provozieren, dich nicht in ein Gefühlschaos stürzen, aber ich kann nicht anders, handle intuitiv. Es wird in einer Katastrophe, einem Desaster, enden, wenn ich nicht damit aufhöre dich herauszufordern. Ich hätte dennoch gern mit dir getanzt als gäbe es kein Morgen ...

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