Die gute Nachricht: die repräsentative Wahlstatistik für die Bundestagswahl 2017 in Deutschland wurde endlich veröffentlicht.

Die schlechte Nachricht: sie enthält gerade aus frauenpolitischer Sicht ernüchternde Daten.

Die Daten, die auch die BTW (Bundestagswahl) von 2017 enthalten, bestätigen auf Neue den von mir sogenannten Merkel-Effekt:

vor der Merkel-Ära (bei der Stoiber-Kandidatur von 2002) waren CDU/CSU auf Wählendenebene eher eine Männerpartei. Mit der Merkel-Kanzlerschaft hat sich das umgedreht: bei der ersten Kandidatur von Merkel noch nicht bzw. relativ schwach, aber bei den darauf folgenden Wahlen stark: bei der Wahl von 2009 bestand bei der CDU-Wählendenschaft laut repräsentativer Wahlstatistik ein Frauenüberhang (das heisst die Differenz von CDU-Wählendenanteil unter Frauen minus CDU-Wählendenanteil unter Männern) von 4.8%, 2013 5.3%, 2017 6.3%.

Bei der Schwesterpartei CSU sieht es sehr ähnlich aus: ungefähr ausgeglichen (plus/minus 0.2%) 2002/2005; 0.4% bis 0.9% 2009-2017 (mit dem Höchstwert 2017)

Dazu kommt, dass Deutschland auch unter den Wahlberechtigten einen Frauenüberschuss hat: den 31.876 Millionen weiblichen Wahlberechtigten standen 29.813 Millionen männliche Wahlberechtigte gegenüber.

Bei der Wahlbeteiligung war der Geschlechter-Unterschied gering: 76.0% der Frauen beteiligten sich an der Wahl, hingegen 76.3% der Männer.

Die These, dass Frauen unter den Jungwählenden eine höhere Neigung zum Nichtwählen hätten, konnte durch die BTW 2017 nicht bestätigt werden (aber vielleicht nur wegen Merkel- und Petry- und Weidel-Effekt).

Wertet man die Geschlechterunterschiede bei den Wahlberechtigten hinzu, so kommen bei CDU/CSU in Summe auf 31.8*0.76*(0.296+0.066) = 8.75 Millionen Wählerinnen und 29.8*0.763*(0.235+0.057) = 6.64 Millionen männliche Wähler.

Unter der CDU/CSU-Wählendenschaft sind also 56.86% weiblich, was einen rekordhaft hohen Wert in der Geschichte von CDU/CSU darstellt.

Im krassen Widerspruch dazu steht, dass gerade bei der BTW 2017 bei CDU/CSU der Frauenanteil unter den Mandatarinnen krass gesunken ist und von 24.8% (2013) auf 19.9% fiel (49 von insgesamt 246 CDU-CSU-Abgeordneten sind Frauen).

Würde in Deutschland bzw. innerhalb von CDU/CSU ein Quotientenwahlsystem gelten, das den Frauenanteil unter den Parlamentsmitgliedern an den Frauenanteil unter den Wählenden anpasst, so würden die CDU/CSU-Frauen 246*0.5686 = 139.9, also 140 Mandate verdienen, und damit um 91 Mandate mehr, als sie tatsächlich erhielten.

Das ist eine gewaltige Größenordnung, die die Mandatszahlen jeder einzelnen Kleinpartei (AfD, Linkspartei, FDP, Grüne) übersteigt.

Die Frage, ob sich Angela Merkel von der Männerpartei CDU/CSU (und auf Parlamentsmitgliederebene ist sie das nach wie vor, bzw. sogar mehr denn je) als trojanisches Pferd mißbrauchen bzw. vergewaltigen läßt, ohne die Vertretung von Frauen zu verbessern, bzw. sogar um den Preis, die Vertretung von Frauen zu verschlechtern, sollte Angela Merkel selbst beantworten. Nicht zuletzt können - genauso wie Ratschläge als Schläge verstanden werden können - Vertretungen als Fusstritte verstanden werden können.

Aber wie der deutsche "Vertuschungsjournalismus", die deutsche "Lückenpresse" eben offensichtlich so ist, ist das ein Thema, über das offensichtlich nicht gesprochen werden darf.

Es gibt zwei Argumente, warum das Ganze komplizierter ist:

1.) Deutschland hat ein Zweistimmenwahlsystem mit Erststimmen auf Wahlkreisebene und Zweitstimmen auf Bundesparteienebene, sodass durch hohen Erfolg von Männern auf Wahlkreisebene die Gesamtwerte auf Bundesebene konterkariert werden können.

2.) die repräsentative Wahlstatistik ist - weil eben nur Stichprobe - mit potenziellen Schwankungsbreiten behaftet.

Doch auch bei den anderen Parteien ergeben sich interessante Werte:

FDP: 22.5% Frauenanteil im Parlament bei 46.7% Frauenanteil unter den Wählenden.

SPD: 41.8% Frauenanteil im Parlament bei 50% Frauenanteil unter den Wählenden.

Grüne: 58.2% Frauenanteil im Parlament bei 58.9% Frauenanteil unter den Wählenden.

Linkspartei: 53.8% Frauenanteil im Parlament bei 49.2% Frauenanteil unter den Wählenden.

AfD: 10.8% Frauenanteil im Parlament bei 37.6% Frauenanteil unter den Wählenden. (Ich hatte in einem anderen Blog für Österreich geschätzt, dass ca. 30 bis 35% der FPÖ-Wählenden Frauen sein könnten).

Gerade die Kleinparteien (AfD, Linkspartei, Grüne, FDP) erhalten traditionell wenige bis kein einziges der Direktmandate im Wahlkreis, sodass bei diesen Parteien die Direktmandate im Wahlkreis nicht bzw. kaum als Ursache für derartige Repräsentationsfehler in Frage kommen. Generell besteht bei allen komplizierten Wahlsystemen (und das deutsche Wahlsystem mit seinem Zweistimmenverfahren und seinen Überhangmandaten ist extrem kompliziert) sehr oft die Gefahr der Unübersichtlichkeit und Unverständlichkeit, d.h. die Gefahr, dass die meisten Wählenden gar nicht wissen können, was sie wirklich wählen.

Bei CDU/CSU besteht also eine Frauenunterrepräsentation (als Differenz des Frauenanteil bei den Wählenden minus dem Frauenanteil bei den Parlamentsmitgliedern) von 36.9%;

bei FDP von 24.2%;

bei SPD von 8.2%;

bei Grünen von 0.7%;

bei Linkspartei von MINUS 4.6% (Die Linkspartei ist die einzige Partei, die einen Frauenüberschuss im Parlament bei gleichzeitigem Männerüberschuss unter den Wählenden hat);

bei AfD von 26.8%.

Die Unterrepräsentation der Frauen bei AfD ist damit um mehr als zehn Prozent geringer als die Unterrepräsentation von Frauen bei CDU/CSU und in etwa gleich groß wie der bei der FDP, was die in den deutschen Medien verbreitete Propaganda, die AfD sei die frauenfeindlichste Partei und für den starken Rückgang des Frauenanteils im Gesamtparlament hauptverantwortlich, widerlegt.

CC BY SA 3.0 / zugänglich gemacht von Armin Linnarz https://de.wikipedia.org/wiki/Merkel-Raute#/media/File:Angela_Merkel_Juli_2010_-_3zu4.jpg

angebliche "Rautenmutti" Merkel: rhetorisch frauenfreundlich bei gleichzeitiger praktischer Frauenfeindlichkeit und drastisch sinkender Frauenvertretung in CDU/CSU ?

P.S.: generell schätze ich die deutsche repräsentative Wahlstatistik und begrüße sie trotz Stichprobenproblematik. Gerade für Quotientenwahlsysteme, wie ich sie befürworte, können derartige Wahlstatistiken oder ähnliche Elemente wichtig und entscheidend sein, solange sie sich auf Wählendenebene beziehen und nicht auf Parteimitgliederebene. Österreich, das früher einmal unterschiedliche Wahlzettel für Männer und Frauen hatte, und das noch dazu bundesweit, hat heute überheupt nichts auch nur annähernd mit der deutschen repräsentiven Wahlstatistik vergleichbares, sodass Quotientenwahlsysteme auf Wählendenebene nicht einmal andenkbar und untermauerbar sind.

P.S.2: vielleicht stecken ja Überlegungen hinsichtlich der "normativen Kraft des Faktischen" teilweise hinter der sehr späten Veröffentlichung der repräsentativen Wahlstatistik in Deutschland. Die Wahl ist lange vorbei, die Medien haben sich mit dem Ergebnis abgefunden und haben andere Themen, wie z.B. den Syrienkrieg. Da interessiert sich niemand mehr für die unveröffentlichten Wahrheiten von Gestern, die im Widerspruch zu den damals veröffentlichten Unwahrheiten stehen. Das ist Agenda Setting in der Politik. Und das ist mit seinem Publication Timing Management genau die gelenkte Demokratie, die man Putin vorwirft.

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