Kopieren ist die höchste Form der Anerkennung.

Ein Beitrag von Francesco S. Garita

Die Nürnberger Nachrichten, bürgerlich konservativ bis in die Fußnoten, bringen auf Seite 3 ein Vollformat darüber, dass Robert Habeck recht hatte. Nicht am Rand, nicht als kleine Meldung, sondern als großer Bericht im Blatt.

Sondervermögen.

Aufrüstung.

Industriestrompreis.

Förderung von Elektroautos und Infrastruktur.

Sozialabgaben auf Kapitalerträge.

Punkt für Punkt jene Agenda, die CDU und CSU jahrelang als grünen Irrweg und Wohlstandsgefährdung bekämpft haben. Und nun tauchen genau diese Vorschläge im Programm und in den Ankündigungen der Union wieder auf – neu etikettiert, schwarz gefärbt, präsentiert als eigener Kurs. Das ist kein strategischer Weitblick, das ist Kopie im Zeitverzug.

Interessant ist weniger die Kehrtwende selbst. Interessant ist, dass ein konservatives Blatt offen festhält, wer bei diesen Ideen zuerst war. Ausgerechnet in Nürnberg, im Einflussraum von Markus Soeder, wo Habeck zum Projektionsobjekt für alles Negative gemacht wurde, steht nun schwarz auf weiß: Vieles von dem, was er vorgeschlagen hat, will die Union nun selbst umsetzen.

Deutschland zahlt für diese Verzögerung. Für vertagte Entscheidungen, für ein Jahrzehnt des Blockierens und Lächerlichmachens, bevor man dieselben Vorschläge plötzlich wieder hervorholt. Wer erst bremst und später behauptet, er habe geführt, schreibt nicht Geschichte, sondern bloß das Narrativ um. Der Fortschritt scheiterte nicht an den Ideen, sondern an der Verweigerung, sie rechtzeitig ernst zu nehmen.

Und am Ende bleibt ein Satz, der einfacher ist als jede Analyse und dennoch härter trifft als jede Statistik: Kopieren ist die höchste Form der Anerkennung.

Quelle: Martin Damerow, „Alles nur geklaut?“, Nürnberger Nachrichten, Seite 3.

Mein Kommentar dazu:

Dieser Beitrag von Francesco S. Garita "feiert" den späten "Triumph" von Robert Habeck, dessen zentrale politische Forderungen (Industriestrompreis, Investitionen in Infrastruktur) von der CDU/CSU übernommen wurden. Die Kommentare sind gespalten zwischen der Bestätigung dieser politischen Kehrtwende und einer emotionalen Debatte über die politische Ausrichtung der Nürnberger Nachrichten.

Dieser Beitrag seziert einen der wichtigsten Vorgänge der jüngeren deutschen Politik: die stille Übernahme unpopulärer, aber notwendiger Reformvorschläge der Opposition.

1. Die Bestätigung der Notwendigkeit.

Der Kern des Beitrags ist unbestreitbar: Die Union bekämpfte jahrelang die Agenda (Sondervermögen, Industriestrompreis, massiver Infrastrukturausbau), die nun als unverzichtbar für die Zukunft der deutschen Industrie gilt.

Fakten gewinnen:

Die wirtschaftliche Realität (Hohe Energiekosten, globaler Wettbewerb) zwingt die konservativen Parteien dazu, die physikalischen und ökonomischen Notwendigkeiten anzuerkennen.

Kopieren als Anerkennung: Jürgen Collon und der Autor haben recht: Die Umsetzung der Ideen, die man zuvor als "Irrweg" diffamierte, ist die höchste Form der Anerkennung für Robert Habeck.

2. Die Debatte um die Nürnberger Nachrichten

Die lebhafte Diskussion um die politische Färbung der Nürnberger Nachrichten (SPD-nah vs. bürgerlich-konservativ) ist bezeichnend:

Der Stil zählt: Es ist letztlich unerheblich, ob die NN traditionell der SPD (Michael Kress, Patrick Shaw, Misha Rosalie Bößenecker) oder dem bürgerlichen Lager nahestehen. Entscheidend ist, dass ein regionales Blatt, das im konservativen Einflussbereich von Markus Söder publiziert, offen und auf Seite 3 festhält, wer die Ideen zuerst hatte. Das ist eine ungewöhnliche Klarheit.

Das Feindbild bröckelt:

Dieter Freiberg hält fest, dass Habeck selbst konservativen Kreisen inzwischen positiv auffällt – ein Zeichen dafür, dass die gegen ihn geführte Schmutzkampagne (Stefan Saffert, Johannes Werner Kirche) an Wirksamkeit verliert.

3. Deutschland zahlt den Preis für die Verzögerung.

Der tragische Punkt in der Analyse ist die Verzögerung.

Die verlorene Zeit:

Wie Ingo Hahn richtig bemerkt, werden kühne Visionäre oft zu spät erkannt. Die Verzögerung von strategischen Entscheidungen (Investitionen in E-Infrastruktur, Industriestrompreis) hat Deutschland im internationalen Wettbewerb und bei den Energiekosten teuer zu stehen bekommen.

Die Politik ist nun gezwungen, unter Zeitdruck das nachzuholen, was in den Jahren des Blockierens versäumt wurde. Die Einsicht ist da, aber der Preis dafür ist hoch.

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