Kurt hatte einen anstrengenden Tag. Endlich findet er die Zeit, sich gemütlich in sein Sofa fallen zu lassen. Doch der routinemäßige Griff zur Fernbedienung bringt nicht das gewünschte Ergebnis: der Bildschirm bleibt schwarz. Mehrmals und immer stärker drückt er die Taste mit der Nummer jenes Programmplatzes, auf welchem gerade die Zusammenfassung der Spiele der Bundesliga an dem vergangenen Wochenende laufen sollte. Nichts. Kein Bild, kein Ton. Kurt steht leise vor sich hinfluchend auf. Da waren doch irgendwo Batterien. Wahrscheinlich sind die Batterien leer. Nach der fünften Schublade wird seine immer wütender werdende Suche nach den neuen Stromlieferanten für die Fernbedienung belohnt: da sind sie ja – hoffentlich haben sie die richtige Größe. Nun allerdings findet er die Fernbedienung nicht. Um zur Ruhe zu kommen und nicht den nächstbesten Gegenstand gegen die Wand hauen zu müssen, geht er auf den Balkon und zündet sich eine Zigarette an. Das hilft tatsächlich, denn beim Wiederbetreten des Wohnzimmers entdeckt er ohne weiteres oben auf dem Fernseher den gesuchten Gegenstand. Auch die Batterien passen – wer sagts denn: jetzt hat er einen Lauf. Doch die Freude währt nur kurz: auch mit den neuen Batterien kann der Fernseher nicht davon überzeugt werden, das gewünschte Programm zu zeigen. Egal wie fest er drückt.

Kurt fällt ein, dass diese Woche ja ein Prospekt mit Sonderangeboten für Fernseher in der Post war. Es soll da schon tolle neue Geräte geben auf dem Markt: noch schärferes Bild, noch größer, noch mehr technische Raffinessen. Und so teuer sind die ja auch nicht. Ein Freund schwärmt ihm immer wieder vor; bisher hat ihm an seinem Fernseher zwar nichts gefehlt, doch nun scheint es Zeit für einen neuen. Tatsächlich findet er den Prospekt rasch in dem ausgemusterten Berg an Post, die er sich am Klo bereit gelegt hatte für längere Sitzungen. Ein Gerät toller als das andere – und mit Ratenzahlung kosten die ja eigentlich einen Klax. Schnell ist der Entschluss gefasst, dass schon morgen das Gerät, das ihm den heutigen Fernsehabend vermiest hat, durch ein neues ersetzt wird.

Diese Situation ist symptomatisch für die heutige Zeit: Dinge, die Schwierigkeiten machen, werden rasch ersetzt. Die Zeiten, in welchen etwa Fernsehtechnikerinnen und Fernsehtechniker gefragte Leute waren, da sie mit wenigen Handgriffen und oftmals mit Ersatzteilen, deren Produktionskosten sich im Centbereich bewegen, den geliebten Entertainer im Wohnzimmer wieder in Gang brachten, scheinen vorbei. Wozu reparieren, wenn doch viel tollerer Ersatz leicht zu bekommen ist. Ersatz, welcher sogar Funktionen haben soll, von welchen man bislang gar nicht wusste, dass man sie brauchen kann. Funktionen, zu denen man unter Umständen aber auch gar nicht die erforderlichen Voraussetzungen mitbringt, um sie nutzen zu können. Wunderbar, dass etwa ein neuer Fernseher zwei Programme gleichzeitig anzeigen kann – wozu auch immer das gut sein soll: hat man nur ein Signal, welches man über die TV-Buchse in der Wand empfängt, dann wird es ohne weitere Investitionen nichts nützen, dass der Fernseher zwei Signale verarbeiten könnte. Gedanken, die sich viele allerdings erst im Nachhinein machen. Zu verlockend ist es, Dinge, die Schwierigkeiten machen, sofort und ohne große Überlegungen zu ersetzen.

Dieser Lebensstil ist allerdings nicht nur im Bereich der Haushaltselektronik anzutreffen: wozu Freundschaften, die gerade als kompliziert und als Stress empfunden werden, pflegen und an ihnen arbeiten, wenn es doch ohnehin unzählige andere Menschen gibt, mit denen man sich ohne diese Komplikationen befreunden könnte? Wozu an einer Partnerschaft arbeiten, wenn doch die perfekte Partnerin oder der perfekte Partner nur einen mausklick entfernt ist – und da sogar schon wissenschaftlich ausgetestet wurde, dass man zusammenpasst ohne sich großartig zusammenraufen zu müssen.

Schnelle Entscheidungen mögen manchmal notwendig sein. Manchmal kann es dabei auch sehr sinnvoll sein, raschen Ersatz zu suchen. Doch ist es wirklich immer erstrebenswert? Gibt es sie gar nicht mehr, die Dinge, für die es sich lohnt, sie von allen Seiten zu betrachten, wenn sie mal Schwierigkeiten machen, und zu versuchen, sie zu reparieren? Der Umwelt zuliebe – und auch dem eigenen Lebensglück zuliebe – daran zu glauben, dass man es wieder hinbekommen kann; notfalls mit professioneller Hilfe?

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Susannepoint

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Hansjuergen Gaugl

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