Heute ist Adolf Hitler 81 Jahre tot. Der Glaube an die jüdische Weltverschwörung lebt weiter. Als Symptom des Scheiterns und Markenzeichen des ewigen Verlierers.
Am 30. April 1945 beißt Hitler auf eine Zyankalikapsel und schießt sich in den Kopf. Er stirbt als Verlierer. Kein großdeutsches Reich, keine Welthauptstadt Germania, kein Lebensraum im Osten, keine strengen Rauchergesetze. Auch Hitlers Herzensprojekt, die Auslöschung der Juden, scheitert. Drei Jahre nach seinem Tod gründet sich Israel. Deutschlands Städte sind zerstört, sein Staatsgebiet geschrumpft und unter den Siegermächten aufgeteilt. Andere Gewaltherrscher wie Stalin oder Mao haben ähnlich viele Menschen umgebracht wie Hitler. Sie endeten aber nicht als Versager auf ganzer Linie.
Den jungen Hitler beschreibt Sebastian Haffner als Sohn eines sozialen Aufsteigers, der als Absteiger beginnt. Seine frühen Erwachsenenjahre verbringt er in Wien und München, als Zeitgenosse jüdischer Künstlergenies und Geistesgrößen wie Mahler, Schnitzler, Freud, Einstein oder Kandinsky. Hitler hat künstlerische Ambitionen, aber weder das Talent noch die Disziplin, um sie fruchtbar zu machen. Er lebt ohne Schulabschluss oder Beruf, zeitweise obdachlos, hat keine Frau und Kinder, nicht mal eine Freundin oder einen besten Kumpel. Nach dem ersten Weltkrieg entdeckt er das Talent, sein Selbstmitleid und Ressentiment in pathetische Reden zu kanalisieren, die bei vielen der vom Kriegsausgang enttäuschten Deutschen verfangen. Der Verlierer hat eine schmeichelnde Botschaft für die vielen anderen Verlierer: Ihr wurdet betrogen und verraten, ihr hattet keine faire Chance. Der Bösewicht im „Blame Game“ ist in alter Tradition der Jude, der zu jener Zeit eine zahlenmäßig kleine (unter 1% der Bevölkerung), aber überdurchschnittlich erfolgreiche und damit weithin sichtbare Minderheit stellt. Hitler fabuliert von der jüdischen Verschwörung gegen das deutsche Volk. Es kommt andersherum. Hitler verschwört sich mit dem deutschen Volk zum Raubmord an den Juden. Die Deutschen folgen ihrem Verliererführer bis zum Untergang. Nichts verbindet mehr als ein gemeinsam begangenes Verbrechen.
Die Deutschen verloren durch den zweiten Weltkrieg nicht nur Millionen Menschen, ihr gutes Gewissen und ihre schönen Innenstädte, sondern auch ein gutes Stück ihrer Zukunft. Wären all die jüdischen Unternehmer, Wissenschaftler, Ärzte, Architekten und Künstler, die während der Nazijahre vertrieben oder ermordet wurden, unter anderen politischen Bedingungen am Leben und in Deutschland geblieben, hätte das Land noch für Generationen von ihnen profitiert. Babelsberg wäre eine echte Konkurrenz für Hollywood gewesen. Die Computerrevolution hätte in Berlin starten können. Von der Spitzenforschung bis zur Stand Up Comedy wären wir heute besser aufgestellt. Es mag angesichts der Opfer des Holocausts ein Geschmäckle haben, auch über diese Verluste zu sprechen. Aber es gibt eben auch ganz eigennützige Motive, den Judenhass abzulehnen. Er bleibt die mentale Visitenkarte des ewigen Verlierers, der Wegweiser zum Abstieg. Merkmal mafiöser Regime und verwirrter Seelen.
Selbst einstige Gewinnertypen stürzen ab, wenn sie anfangen, das Gerücht über die Juden streuen. Siehe Jürgen Möllemann. Rap-Star Kanye West (heute nur noch „Ye“) verlor in seiner Heil Hitler-Phase Werbeverträge, Renommee und die meisten Buchstaben seines Namens. Vielleicht war Kanyes Ego einfach so groß geworden, dass ihm nur noch das auserwählte Volk als ebenbürtiger Gegner erschien. 0,2 % der Weltbevölkerung aber 22 % der Nobelpreisträger, acht der 20 reichsten Unternehmer, Filmemacher wie Steven Spielberg, die Coen Brüder und Woody Allen, Songwriter wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Paul Simon. Aus einem wüstenreichen und rohstoffarmen Streifen Land im Belagerungszustand haben jüdische Menschen einen prosperierenden Staat gemacht, der seinen Bürgern, unabhängig von ihrem Glauben, ein gutes Leben bietet. Und ist Jeffery Epstein heute auch der zweitberühmteste Jude der Welt nach Jesus, so zeigt sein Fall nur, dass ein Volk, dessen Mehrheit Erstaunliches leistet, auch eine Minderheit von höchst erfolgreichen Verbrechern hervorbringt. Gute und schlechte Menschen gibt es eben überall.
Eine auffällig erfolgreiche Gruppe zieht Neid, Misstrauen und Begehrlichkeiten auf sich. Es gibt immer Menschen, die sich zurückgesetzt, übersehen und zu kurz gekommen fühlen. In allen Einkommensklassen und Kulturkreisen. Ein dauerhaft gekränktes Ego macht anfällig für ein Weltbild, in dem verborgene Mächte hinter den Kulissen die Strippen ziehen und allen anderen keine faire Chance geben. Millionen Menschen folgen heute charismatischen Scharlatanen wie „Professor“ Jiang, Nick Fuentes oder Candace Owens. Sie glauben, dass die Israelis Kennedy und Charlie Kirk ermordet haben, sich hinter jedem Krieg die Rothschilds ihre blutgetränkten Hände reiben, und eine diabolische zionistische Endzeitsekte unsere Regierungen, Medien und die Adult Industry kontrollieren. Es ist Hitlers jüdische Weltverschwörung, upgedatet auf das aktuelle Setting. Wo es zur Leitlinie der Politik wird, bewegt sich die Gesellschaft vom Licht in die Dunkelheit. Ob damals in Hitlerdeutschland, oder heute in Gaza oder im Iran: Für die Menschen kann es erst besser werden, wenn das Glaubenssystem der jüdischen Weltverschwörung nicht mehr Staatsraison ist und es Führungspersonal gibt, für das eine bessere Welt nicht zwangsläufig eine ohne Juden ist.
Die Ölscheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten machen es vor. Sie haben die Wirtschaft entwickelt, den Lebensstandard im Land erhöht und den Antisemitismus als Standortnachteil erkannt. Sie verständigen sich mit Israel und ächten zuhause den Judenhass. Auch Donald Trump mag keine Verlierer und bleibt aus purem Egoismus stabil antifaschistisch. Er steht zu seinem Verbündeten Israel und kanzelt Tucker Carlson und andere Verschwörungshausierer aus dem eigenen politischen Lager als „NUTBAGS“ und „LOSER“ (Versalien im Original) ab. So sind Leute einzusortieren, die ihre Anhänger auf die Verliererseite der Geschichte führen. Auch bei uns gewinnen die NUTBAGS und LOSER an Boden. Auf beiden Seiten der Brandmauer. Leider sind unsere Spitzenpolitiker bei der Judenfeindlichkeit längst nicht so klar wie die Ölscheichs oder der US-Präsident.