Als ich neulich in meinen Literaturunterlagen stöberte, stieß ich auf die folgende Kurzgeschichte. Jetzt, wo ich auch langsam ins Alter komme, stelle auch ich mir die Frage: Kann es jemals einen Neuanfang ohne Liebe geben?

Neustart

Greta Haningberg betrat das Zimmer im Altersheim. Das Fenster stand offen. Eine Windböe riss ihr die Tür aus der Hand und schlug sie heftig zu. Vom Luftzug getragen flog ein Briefkuvert, das am Boden lag, mit der Leichtigkeit eines Lindenblattes vor ihre Füße. Noch benommen vom Donnerschlag der Tür beugte sie sich hinunter und hob es auf. Es trug keine Adresse. Auf der Rückseite stand der Name Holger, auf der Vorderseite nur ein Wort: Neustart. Sie fragte sich, von welchem Holger der Brief wohl stammte. Es gab ja einige hier im Heim. Oder war es jener, den sie vorhin zum Lift begleitet hatte? Sie schloss das Fenster, öffnete den Brief und begann zu lesen.

Neustart – oder das, was von ihm übrig blieb. Was bedeutet schon ein Neustart, wenn die Person, die du über alles liebst, nicht mehr da ist? Was fängst du mit dir an, wenn dir deine größte Liebe für immer Adieu gesagt hat? Ich denke an Neustart und denke automatisch an Herta. Wie soll ich neu anfangen, wenn ich sie nicht aus meinem Kopf bekomme? Herta war anders. Wie anders, erkannte ich erst, als sie verstarb. Nicht einmal sterben konnte sie so wie der Rest unserer Gesellschaft. Meine Herta nicht – sie suchte immer das Besondere.

Die meisten unserer Freunde gingen vor uns. Sie mussten sich um einen Neustart, wie ich ihn heute ertragen muss, keine Gedanken mehr machen. Zuletzt auch Berta, Heino, Julia und Horst. Sie waren glückliche Menschen und hinterließen niemanden mit diesem Problem des Neubeginns. Sie gingen lachend und schreiend vor Freude, als wüssten sie, was sie erwartet.

Herta organisierte eine Party im Altersheim. Sie sagte noch, ich solle sie loslassen, neu anfangen. Vielleicht verreisen und jemanden kennenlernen. Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen – sie werde von oben auf mich aufpassen, damit ich keinen Unfug mache. Wie denn? Ich weiß nicht weiter. Wie soll ich da noch an Unfug denken?

Sie ließ sogar ihr Bett an die Decke hängen. Sie sagte, sie wolle sich in den Himmel schaukeln. Ja, sie liebte das Schaukeln – eine Begeisterung aus ihrer Kindheit. Als wir noch durch die Welt reisten, ließ sie sich auf jeder Schaukel in jeder Stadt fotografieren. Unsere gesamte Wohnzimmerwand war voll mit Bildern, auf denen sie glücklich in die Kamera strahlte.

Ich erfüllte ihr diesen letzten Wunsch. Manchmal frage ich mich: Wenn ich es nicht getan hätte – würde sie noch leben? Berta kletterte noch zu ihr ins Bett. Horst stieß sie an, sie kicherten wie kleine Mädchen. Niemand rechnete damit, dass die Ketten reißen würden. Herta war im schwachen Zustand, der Unterleibskrebs hatte schon viel Substanz von ihrem Körper verzehrt. Horst wollte noch helfen, aber er war auch schon an die achtzig. Das Gewicht des Bettes zog ihn mit. Und Julia hätte nicht so dicht beim Fenster stehen dürfen. Wir alle hatten an diesem Tag viel getrunken. Es kam so unerwartet.

Wir lachten noch, als das Bett abriss. Doch als es – mit Julia, Berta, Herta und Horst, der sich noch festklammerte – aus dem Fenster stürzte, verstummten wir. Heino und ich begriffen erst langsam, dass Hertas Zimmer und wir uns im achten Stockwerk befanden. Heino erlebte ihren Aufprall nicht mehr. Er schaffte es nicht einmal bis zum Fenster. Sein Herz war zu schwach.

Und ich? Mein Herz war immer stark und treu – und deshalb sitze ich hier in der schmalen Zelle und warte auf meine morgige Freilassung. Was wirft man einem achtundachtzigjährigen Mann schon vor? Die Ketten habe ich montiert, Herr Richter – zugegeben, aber nicht allein. Die restlichen Mitwirkenden verstarben mit ihrem Montagewerk acht Stockwerke tiefer. Ob das Material fehlerhaft war, wollte damals niemand mehr wissen. Gut, Berta hatte knappe zweiundneunzig Kilo, aber wir brachten sechs Kettenlängen an. Wir umwickelten Blumen darum. Herta liebte Blumen. Die Vorbereitung dauerte den ganzen Tag. Die Ketten hätten sie aushalten sollen. Aber wie sagen die Knastbrüder: Den Letzten fressen die Ratten. Und das weltliche Gericht nannte es einfach – fahrlässige Tötung.

Die Gefängniswärter lächelten, als sie mich empfingen. So wie die meisten Inhaftierten auch. Hatten sie nur Mitleid mit einem alten Mann, der womöglich hier das Zeitliche segnen würde? Manche waren Schwerverbrecher, mehrfache Mörder, Diebe, Zuhälter und Räuber, aber sie ließen mich in Ruhe. Eines Tages forderte ein junger Glatzkopf beim Essen meinen Teller mit Schweinebraten. Ich sagte noch, ich teile mit ihm, aber ganz gehe nicht. Er schlug mir ins Gesicht, ich verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Betonboden. Er brüllte auf mich ein. Alles drehte sich. Jeder Knochen schmerzte. Das Aufstehen war noch schmerzvoller.

Er baute sich vor mir auf, und ich wusste, jetzt fange ich noch eine. Plötzlich fiel mir ein Scherz von Herta ein. Den machte sie immer, wenn ich mich zu sehr ärgerte. Sie zeigte in die Luft, als würde dort ein Vogel fliegen. Als ich hinsah, trat sie mir gegen das Schienbein. Was soll's, dachte ich. Danke, Liebste. Ich habe nichts mehr zu verlieren.

Der Glatzkopf kannte den Schmäh offenbar nicht. Als er hinaufblickte, trat ich ihm in den Schritt. Der Essensraum verstummte. Alle Blicke auf uns gerichtet. Der Glatzkopf öffnete den Mund, als wolle er eine Arie anstimmen, doch er blieb stumm. Er ging ein paar Schritte auf mich zu. Ich wich zurück. Dann fiel er mir vor die Füße und rollte sich ein.

Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte. Das Monster würde ja wieder aufstehen. In einigen Gesichtern der Häftlinge sah ich ein freundliches Lächeln. Die Wärter brachten ihn weg. Sagten mir, ich solle mich hinsetzen und essen. In der darauffolgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Herta hatte Wort gehalten – sie passte von oben tatsächlich auf mich auf. Nur der Ratschlag mit dem Vogelschmäh war nicht ihr bester. Was würde ich erst am nächsten Tag von ihm erleiden?

In der Frühe kamen Rettung und erste Hilfe – zum Glück nicht in meine Zelle. Nein, sie liefen in die Zelle des Glatzkopfes. Danach sahen wir, wie er auf einer Bahre hinausgetragen wurde. Manche Insassen sprachen von Selbstmord, andere fragten, woher er den Gürtel hatte, mit dem er sich erhängt hatte. Ich war erschüttert. Ich glaubte nicht an Selbstmord und fühlte mich schuldig an seinem Tod.

In den Tagen danach machte man mir Platz beim Essen, nannte mich sogar Don. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Wahrscheinlich hatten sie nur vor meinen neunzig Jahren Respekt. Egal – morgen geht es raus. Morgen beginnt mein Neustart in ein Leben, das trostloser und einsamer nicht sein kann. Draußen gibt es niemanden mehr, der auf mich wartet. Und jene, die uns nur von Ferne kannten, würden den Teufel tun, einem Knastbruder näher zu kommen oder ihn gar aufzunehmen.

Gut, die Zeit hier wurde mir verkürzt. Was bedeutet schon gute Führung, wenn sie dir das nicht vorher anrechnen, bevor sie dich hier reinstecken? Nach zwei Jahren war auch unsere Mietwohnung weg. Wohin unsere Sachen gebracht wurden, muss ich noch beim Anwalt erfragen. Ebenso, wo ich verbleiben kann.

Neustart sagt sich leicht. Herta hatte diese Leichtigkeit. Ich dachte daran, mich vor die Straßenbahn zu werfen – in der Hoffnung, Herta kurz zu besuchen, bevor mich der Herrgott in die Hölle schickt. Oder im schlimmsten Fall im Spital auf freie Kost zu übernachten. Ich könnte auch einen Bankraub versuchen. Würde sicher nicht gelingen, weil nicht gewollt. Aber ein paar Jahre überbrücken – das würde reichen. Dann wäre ich fünfundneunzig. Ich denke, das war’s dann.

Verrückt, wie ich darüber nachdenke, mir die Zeit totzuschlagen, bis ich tot bin. Warum keine Abkürzung nehmen? Auch das ist Unfug. Herta hatte recht – ich soll nicht an Unfug denken. Mein Gott, hat sie all das gewusst? Ihre letzten Worte gehen mir durch den Kopf. Hat sie gewusst, was mir heute durch den Kopf gehen würde? Doch ohne sie neu anfangen – erscheint mir unmöglich.

Wenn du zu sehr liebst, lebst du mehr im anderen, den du liebst, als in dir selbst. Jetzt stehe ich da, völlig unbenützt von mir selbst. Kenne weder Kanten noch Ecken in mir. Unverbraucht seit dem Tag, als ich Herta begegnet bin. Sie kannte alle meine Fehler, blieb trotzdem bei mir. Ihr Lächeln nahm mir jeden Schmerz, jede Bedrücktheit und brachte mich sogar dazu, über meine eigene Dummheit zu lachen.

Das Hupen eines roten Polos holte mich zurück auf die Straße. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Als ich aufblickte, erkannte ich das Gebäude des Altersheims auf der gegenüberliegenden Straßenseite. In Gedanken verloren war ich hierher gekommen – an den Ort, an dem meine Liebe, wenn auch auf sonderbare Weise, Adieu gesagt hatte.

Die Leiterin Grete erkannte mich. Sie fand es ganz schrecklich, wie sie sagte. Ich nickte, fragte nicht nach, ob sie das tödliche Ereignis oder meinen Gefängnisaufenthalt meinte. Sie sagte etwas über einen Neuanfang. Was sie danach sagte, hörte ich nicht mehr. Das Thema hatte ich durch.

Ich sagte ihr, ich möchte noch gern auf einen Sprung hinauf – Abschied nehmen. Sie lächelte und begleitete mich zum Lift. Ich wusste, sie hatte mich nicht verstanden. War gut so.

Ich drückte ihr den Blumenstrauß in die Hand. Die eine rote Rose behielt ich. Sie gab mir einen sanften Kuss auf die Wange. Ich umarmte sie. Sie war immer gut zu uns.

Das Zimmer war leer. Die Fenster, die bis zum Boden reichten, waren wieder gerichtet. Selbst an der Decke erkannte ich keine Bohrlöcher mehr. Saubere Arbeit – als wäre hier nichts geschehen. Grete sagte noch, sie komme in einer Stunde hinauf. Gutes Mädchen. Das würde reichen, um diesen Brief fertigzuschreiben.

Ich öffnete das Fenster. Es war ein sonniger Herbsttag. Eine frische Brise wehte von Osten herauf und hinterließ eine Kühle auf meinen Wangen. Die Luft roch nach Schnee. Herta liebte den Herbst. Sie sagte, im Herbst atme die Erde aus und trage die Frische übers Land. Perfekt. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Herta, meine Liebe, du fehlst mir so sehr.

Ich sah hinab und bekam Angst vor der Höhe. Verdammt, geht es da hinunter. Die Vorstellung, wie Herta, Julia, Berta und Horst hier hinabfielen, zerriss mir das Herz. Hoffentlich spürten sie nichts. Ich kletterte hoch und wusste sofort: Ich habe nicht die Kraft, mich hier lange festzuhalten. War gut so.

Ein Neustart ohne Liebe hat keine Bedeutung. Nichts beginnt neu, wenn es nicht von Liebe getragen wird. Und alles endet dort – wo die Liebe aufhört.

… Gretas Augen füllten sich mit Tränen. Sie riss das Fenster auf und sah hinunter. Neben dem Rettungswagen, am Gehweg liegend, erkannte sie Holger. Schluchzend sagte sie: „Ich hätte dich gern bei mir aufgenommen.“

Gedankje: „Vielleicht beginnt Liebe nicht dort, wo zwei sich finden – sondern dort, wo einer weitergeht.“

Wien, 27.08.2020

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