Wenn ich es richtig sehe, dann besteht das Werk der "Toten Hosen" vor allem aus Werkschauen: Gerade promoten sie wieder eine Kompilation, die aus Anlass des 40jährigen Bestehens der Band verkauft werden soll. Und so saßen, wie ich staunend feststellen konnte, als ich einen Freund mit Fernsehapparat besuchte, die Breitis und Wolles vor jeder Kamera, die es gab, vormittags im Vormittagsprogramm, abends in den Talkshows: Der Sänger Frege ( "Campino" ) fällt dabei durch eine groteske, toupetartige Frisur auf, die ihm eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Torwart und Glücksspielpropagandisten Oliver Kahn verleiht.

Die Musik der von ihren Anhängern liebevoll "Hosen" genannten Kapelle hat sich dabei immer mehr vom mitgrölkompatiblen Stadionrock ("Hier kommt Alex" ) zum revolverheldenhaften Bausparerpop entwickelt ("Tage wie diese" ), diese Reise wird wie jeder deutsche Beitrag zur Popgeschichte beim Schlager enden, der lieblosesten Musik des Universums. Nie aber waren die Toten Hosen "Punk", nie brachen sie mit etablierten Hörgewohnheiten. Ein Marketingtrick half ihnen, hierzulande bekannt zu werden: Sie schickten ein Demo-Tape an John Peel und dieser ebenso neugierige wie großzügige DJ spielte ihre ersten Stücke, u.a. auch auf BFBS, so dass die Zuhörer in Deutschland, die der Ödnis des deutschen Radios entkommen wollten, dachten, die Band sei in England bereits ein Geheimtipp.

Im weiteren Verlauf der Karriere orientierte sich Campino am großen Vorbild The Clash und kompensierte den Mangel an musikalischer Kreativität durch Eklektizismus und wohlfeiles Engagement. Über dieses Engagement spottete bereits Wiglaf Droste, als er Campino als "lallenden Juso" bezeichnete. Der Juso neigt zum folgenlosen Rabatz und zur kritischen Affirmation, während der ältergewordene Sozialdemokrat sich durch zügellosen Militarismus auszeichnet, wenn es nur der Nation zur höheren Ehre dient. Und wie der ideale deutsche Gesamtsozialdemokrat Günter Grass 1999 beim völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Nato gegen Jugoslawien über den Einsatz von Bodentruppen meditierte, oder der "deutsche Dylan" (sic!) Wolfgang Niedecken eine Fortsetzung der Luftangriffe forderte, so sieht, kaum ruft man ihn gegen den Weltfeind Putin zum Antreten, auch der "deutsche Springsteen" (doch doch) Campino Pazifismus eher kritisch und würde, weil man ihn mit fast 60 ja eh nicht zöge, den Wehrdienst vielleicht nicht mehr verweigern. Diese Herren von der Truppenbetreuung sind nie Punks, sondern immer schon Vertreter der herrschenden Klasse gewesen, Söhne von Richtern oder Nachkommen aus baltischem Adel.

Ob sie noch weitere 10 Jahre ihr Werk fortsetzen werden, ob es also zu "50 Jahre Tote Hosen" samt weiterer Werkschau kommen wird, ließ man vorsorglich offen, aber ich gehe davon aus, dass man sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen wird. Vielleicht gibt es zwischendurch noch eine Zwischenwerkschau, ein Live-Doppelalbum der 40-Jahre-Tournee oder ein weiteres Cover-Album ("learning English, lesson n" ), bei dem es die Hosen einmal mehr sichtlich genießen werden, einfallsreichere Musiker dadurch zu demütigen, dass diese mitmachen müssen.

Mit Punk hat das, wie oben erwähnt, wenig zu tun: "Punk war ein Sammelbecken von Minderheiten. Wer sich dieser Bewegung anschloss, fühlte sich auf je eigene Weise gesellschaftlich unterdrückt oder zumindest ausgegrenzt." (Martin Büsser 2001) Nichts liegt davon weiter entfernt als die Mitmachmucke der Toten Hosen.

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